Grüngelbe Augen

Ansonsten: das zurückgenommene Leben im Januar. Ein Leben als ob. Als ob etwas ist. Ich erkenne mich selbst, der ich in mir durch die Straßen laufe und irgendwo einsteige, woanders wieder aussteige, zwischendurch mit irgendwem spreche, alles aus den Augen und aus dem Mund heraus. Das muß ich sein, der in mir steckt und gestikuliert und fabriziert, so kurz vorm Leben, aber nicht danach. Umschichtet: Styropor oder Leinenwickel. Ein Tastkörperchen bei halbem Verstand. Hoffentlich bohren sie nicht in die Schädeldecke, ich wandle doch bloß. Die Alpträume kommen nicht aus den Alpen, das läßt sich wissen. Sie haben Licht in den Januar gelassen, ganze Tage lang. Das will ich danken. Schnell ging zuende, was ich einst noch fürchtete. Jaguar, die schwarze Raubkatze unter den Monaten. Schon ist sie im Gebüsch verschwunden, schleicht sich neuerlich an.

Grüngelbe Augen

Beleuchtungen

Unruhige Nacht: zwei Stunden Schlaf, eine Stunde wach, zwei Stunden Schlaf, eine Stunde wach. So noch weiter. Wirre Gedanken, kreisend um einzelne Worte, als sei ich ein verrückt gewordener Poet, der seinen Ausdruck sucht, ausgerechnet nachts, da er doch schlafen und sich von den Musen beglücken lassen sollte in köstlichen Träumen. Das Wachliegen wies keinen Sinn auf, folgte keinem Zweck. Schlaflücken mit aufgewirbeltem Unsinn, der wie Sinn-Staub herumschwirrte und im Kopf wehtat. Ich sah kein einziges Bild. Nur dieses Kreiseln um einzelne Worte, Partizipien nur, nicht einmal Hauptwörter: geblendet zum Beispiel oder bekannt. Nichts aus der Erinnerung mochte da festmachen, es blitzte nur vor dem inneren Auge, als sei ich beim Schnellfahren erwischt worden. Keine Straße, keine Richtung – nur dieses Blitzen oder Funkenstieben wie am Silvesterfeuer.

Beleuchtungen

Entlang der Brandmauern

Es ist viele Jahre her – dreizehn Jahre, vielleicht vierzehn oder sechzehn – da erschrak ich in Paris im V. Arrondissement, denn da lagen entlang der Universitätsgebäude auf den Lüftungsschächten, aber auch auf Verkehrsinseln, Menschen im Schlafsack, während die Passanten vorüberspazierten, am frühen Abend nach Einbruch der Dunkelheit. Ist das hier normal? fragte ich. Aus Berlin wußte ich, daß vereinzelt Leute auf Parkbänken schliefen, vereinzelt auch im Eingangsbereich der U-Bahn- und S-Bahnstationen Wetterschutz suchten. Nun stehen die Zelte überall, liegen Matratzen herum, hat sich die Zahl der Obdachlosen dramatisch erhöht. Überall wird gezeltet: vor dem Kaufhaus, am Friedhofszaun, entlang des Landwehrkanals, entlang der S-Bahnstrecken, in den Gebüschen und in den Senken, unter Brücken, auf Supermarktparkplätzen, am Rande der Tankstellen. Die Passanten spazieren vorüber. Die Kinder fragen ihre Eltern, warum da wer liegt und kein Bett hat. Was antworten die Eltern? Sie werden sagen, daß es Menschen gibt, die sehr-sehr arm sind, so daß sie sich keine Wohnung leisten können und deshalb auf der Straße leben müssen. So erkennt das Kind, daß es böse zugehen kann auf Erden und daß es selbst Glück gehabt hat, bisher. Die Armen und Bedürftigen und Kaputten dort liegen und sitzen zu lassen, ohne etwas tun zu können oder zu wollen, kennzeichnet die große Stadt, die Metropole. Der Gott der Stadt (Georg Heym) thront mitleidlos über allem, und die Barmherzigkeit der Wenigen lindert nur manchmal ein wenig den Schmerz der Bedürftigen.

Entlang der Brandmauern

Stockwerke

Schöne Aussicht, sagte der Selbstmörder, als er auf den Rand der oberen Plattform trat. Die Umstehenden staunten nicht schlecht, als er flog. Sie hätten ihm nachsehen können. Stattdessen schrien sie auf und schlugen die Hände vor die Münder. Der Aufschlag unten klang unbeschreiblich, und wenig später waren die Fachleute vor Ort. Anschließend die Diskussionen.

Stockwerke

Nimm notwendig wörtlich

Ich lese alte Briefe, die in die Leere gingen. Man kann gar nichts machen. Irgendwann hört man auf zu warten. Es wird keine Antwort geben. Vermutlich hat das einen Sinn – wie vermutlich alles einem Sinn unterliegt und gehorcht. Und wenn keinem Sinn, so doch wenigstens einer Bedeutung. Kommt nichts zurück, nehme ich das als Antwort. Ich selbst bin oft genug derjenige gewesen, der die Antwort schuldig blieb. Ich weiß aber: Wenn es darauf ankommt, finden sich die richtigen Menschen. Ich mache mir keine Sorgen. Man muß den großen Dingen Zeit einräumen.

Nimm notwendig wörtlich

Für uns

Wie kommen wir hier heraus? Frage der Eingeschlossenen, die einsehen mußten, daß sie fortan beginnen würden, sich gegenseitig zur Schnecke zur machen, auszumerzen oder zu verspeisen. Ratteninstinkte. Lassen wir uns gelten, sagte jemand. Gute Idee, dachten die andern. Besinnen wir uns auf die Aufgabe: Wie kommen wir hier heraus? Heraus aus jener Gefangenschaft, die uns zu Feinden macht. Wenn es nicht mehr gelingt, uns gegeneinander auszuspielen, haben wir eine Chance. Gegen wen? rufen einige aufgeregt.

Für uns