Nicht verschwiegen sei der kleine bärtige Mann, der die U-Bahnen besteigt und Opern-Arien schmettert, zwei bis drei Stationen lang, daß einige Leute, nur um sich selbst und die Mitgefangenen zu befreien, ein Lösegeld zahlen. Wie ein nicht zur Gänze verstandener Triumphator schreitet er den Gang entlang, wissend, daß er nicht alle erreichen konnte mit seiner Kunst.
Allgemein
Hohe Energie
Man verstehe mich meinetwegen falsch – das kann gar nicht schaden – doch ist stamme aus idealistischem Haus. Da ging es ums Höhere, da galt das etwas. Wer sich lediglich bereicherte, ach Gott, wie menschlich, andererseits doch ein kleiner armer Arsch. Das machen wir nicht, wir Ideale-Erstrebenden. Uns geht es ums Gute und Richtige, wir wissen, wie es alle machen sollten. Aus solcher Gegend komme ich her und habe nun den Salat. Ich verstehe meinen Eigennutz, ich verstehe meine Tricks, diesen anrüchigen Eigennutz zu verbergen, und verstehe zugleich, daß ich mich unterernährt fühle, wenn ich fast ausschließlich diesen Nahrungserwerbskämpfen und Konkurrenzzickereien ausgesetzt bin – das ödet mich an. Ich benötige demnach Idealismus. Man sollte ihn reformulieren und jenen streitig machen, die damit Unfug stiften. Sie können das tun, da Idealismus nicht mehr reflektiert wird. Idee und Wirklichkeit stehen in einem untersuchenswerten und attraktiven Verhältnis. Eines der Haßliebe, mag sein. Gar nicht so schlecht vielleicht.
Nicht wahr
Simenon ist auch deshalb eine Wiederentdeckung, weil wir, sofern ich das ausreichend beobachte, von Idealismus geflutet werden. Idealismus ist oft gut gemeint, seine Vertreter erstreben Verbesserungen und wissen bereits, wie sie umgesetzt, installiert oder implementiert werden können. Sie verfügen über eine Agenda oder arbeiten daran. Eine Agenda ist ein Abfolgeplan, der die einzelnen Schritte hin zu einem Ziel beschreibt und benennt, vom Ist- in den Sollzustand, ein Parcours der zu überwindenden Hindernisse. Wird Geld in die Hand genommen, kommen Strategieberatung und -planung hinzu, eine Prozeßüberwachung und -kontrolle sollte nicht fehlen, gefolgt von der Kampagnenauswertung. Idealismus ist ein hartes Geschäft in der Realität faktischer Macht und Ohnmacht. Wer will was? fragt Simenon. Eine Begründung wird sich ebenso leicht finden lassen wie eine Überhöhung des eigenen Strebens. Stets geht es um das Große und Wahre und Richtige.
Während einer neuerlichen Maigret-Verfilmung
Wer dazu neigt, sich hinsichtlich des gesellschaftlich eingebundenen und ständig konkurrierenden Menschen Illusionen zu machen, wird in George Simenon einen Autor finden, der von solcher Fehlsichtigkeit heilt. Schnellkurs in Ernüchterung, sofern man trunken ist von Menschlichkeit und überbordender Freigiebigkeit. Simenon zeigt, daß die Kirche im Dorf bleibt. Seine Helden sind sämtlich fehlbar, verführbar und in ihrer jeweiligen Dummheit schlau, umgekehrt sowieso. Ein Grundzweifel an allem, was verkündet und vorgezeigt wird, bewegt diesen Autor des schnellen und energischen Schreibens. Er sieht nach, wie gehandelt wird, und ist frei von jeglichem Idealismus. Idealismus hat bei ihm bestenfalls Platz in den Journalen. Die sind für den Tag geschrieben, da kommt es nicht so darauf an.
Strafe auf Strafe, als seien wir ungezogene Kinder
Der Wind, der Wind – unermüdlich, rasend, rüttelnd, schüttelnd, unerbittlich. Wie ein Irrer, der ein Zuhause sucht und es nicht finden kann. Ja, ich weiß das auch: Luftmassenverschiebung in großem Stil, 50 Klamotten pro Stunde, ganz ohne Akteur und Absicht, thermophysikalisch darstellbar. Ein solch irrer Wind ging auch der verblödenden Corona-Epoche voraus, und schon fragt sich mein abergläubisches Gewissen, was nun wieder anliegt, vorangetrieben vom Wind, dem geprügelten Kind.
Willst du dir nicht Hilfe holen
Einbruch der Nacht. Draußen im Dunkel der unermüdliche Wind. Da sich viele aufregen, habe ich Lust, mich abzuregen. Aus der Politik ist nichts zu gewinnen, die Parteileute sind mir schnuppe. Vielleicht möchte ich sie genauso trösten, wie ich die Leute auf den Straßen und in den Zügen trösten möchte. Sie in den Arm nehmen und sagen: Ist ja gut. Wer möchte denn nicht verstanden, wer möchte denn nicht erwählt werden. Die Markise flattert, der Wind ist ein Witzbold, der über fürchterliche Kraft gebietet. Die verfeindeten Lager schreien aufeinander ein und haben recht. Gemeinsam ergeben sie das Ganze eines Bildes der Zeit und des Ortes. Ohne einander wären sie nicht. Die Regierung produziert das, was sie bekämpft. Sie ruft den einen Teil der Bevölkerung auf die Straße, weil sie dem anderen nicht traut. Das bleibt nicht unkommentiert. Einigen wird es unheimlich in Deutschland. Vielleicht ist das der Punkt: dieses Unheimliche, dieses Versteckte oder Verschwiegene. Wäre dieses Land eine Person, riete man zur Therapie.
Mergelkuhle
Oft denke ich an den toten Onkel, der der tote Bruder meines Vaters und der tote Sohn meiner Großeltern war. Mit dem Motorroller verunglückt vor meiner Geburt, doch später sagten sie mir, ich käme ganz nach ihm. Als sei ein Teil seiner Seele zu mir übergegangen oder das Feld, das er zu besetzen hatte, sei frei für mich geworden. Über solches kann niemand Genaues wissen. Da ich aber lebe, kann ich sagen, daß ich in etwa derjenige bin, der ich zu sein glaube. Mich selbst vollständig zu wissen ist ganz und gar unmöglich. Es wäre mir lieb, ich hätte diesen lustigen Onkel kennengelernt. Nun soll ich ihn in mir suchen? Das tun doch die anderen zur Genüge.
Zum Beispiel jetzt
Es gab eine Klippe, von der konnte man einige hundert Meter in Tiefe stürzen und unten am Hang aufschlagen. Man würde gefunden werden etliche Tage später zwischen Laub und Wurzelwerk. Die Klippen heißen Hohenstein, die waren einst ein germanisches Heiligtum, heißt es. Unten im Grund ging ein Gerinsel durchs Blutbachtal. Oben auf der Klippe ging es darum, nahe an den Abgrund zu treten ohne zu stürzen. Diese Übung empfand ich bereits damals als frivol, selbst wenn ich sie absolvierte. Mutproben sind Initiationen, sie müssen gefährlich sein. Doch unnötig Gefahr zu erzeugen kann nicht Sinn einer Einweihung sein. Echte Einweihung bestünde darin, echte Gefahren aufzuzeigen und zu meistern.
Keine Transformation
Ein wenig einsam nun. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluß. In den Arrangements nicht vorgesehen. Selbstmitleid ist ein Schuß ins eigene Herz. Wandernde Wolkenherden, wechselnde Lichtschatten. Nachher wieder in die Wirklichkeit der anderen, meine eigene ergänzend. Niemand hat recht, das weiß ich schon. Das Leben bestaunen, wieder und wieder. Es hält stand, was auch immer geschieht.
War was
Eines schönen Tages werde ich einen Opfer- und Mitleidsgottesdienst abhalten, vielleicht ganz für mich selbst, in dem ich aller gedenke, jeglichen Machtmißbrauchs, der widerfahren ist, und ich werde auch jener gedenken, die vorschlau ausbooten wollten, insbesondere jenen, die es rechtzeitig verstanden haben, wegzuhören, wenn es wichtig war. Ihrer Kunst soll gedacht sein. Der Eines-schönen-Tages-Mitleidsgottesdienst wird mir ein Vergnügen sein, denn er entläßt mich selbst aus der Erinnerungspflicht und die anderen ebenfalls.