Senf dazu

Kalt, klar, hell. Tage aus Sonnenglanz, Nächte unter dem Gefunkel des Sternenhimmels. Es steht dem frühen Februar zu, derartige Pracht zu bescheren. Januar kann das auch, zeigt sich. Ruhe finden in unruhiger Zeit. Freunde sind wichtig, die weichen nicht gleich auf. In die eigene Tiefe steigen, sich in sie lassen wie in ein Gefäß. Vergangenem gedenken, daraus Kraft ziehen, als hätte man Wurzeln. Grünkohl mit Bregenwurst zur Stärkung. Es wird ein längeres Jahr.

Senf dazu

Rückkehr des Landes und der Höfe

Themen und Motive aus früheren Lebensphasen kehren zurück. Nun das Bauernthema. Ich soll mich gar nicht erst wundern. Man sieht sich zwei-, dreimal im Leben, und jedesmal ist man noch derselbe und zugleich auch ein anderer. Das Leben spielt mich an mit den Fragen, auf die ich Antworten geben soll. Das Bauernthema ist elementar, da gibt es keinen Schnickschnack, da hat Firlefanz wenig Platz. In der Bevölkerung genießen die Bauern ein hohes Ansehen, höre ich berichten. Das freut mich, das ist gut. Zugleich steht die Landwirtschaft in der Kritik, da Tiere gequält und Landschaften zu Todeszonen verkommen. Produktionsdruck, Gewinndruck, Massentierhaltung; Großraumbewirtschaftung, industrielle Landwirtschaft, Quantität statt Qualität; die Erzeugerpreise derart niedrig, daß nur über die Menge Gewinne erwirtschaftet werden können. Seit Jahrzehnten das Bauernsterben: In unserem Dorf gab es, als ich Kind war, noch etliche Bauernhöfe. Wir hatten die Hausnummer 27, was bedeutet: Unser Hof war die Nummer 27 in der Größenordnung und dörflichen Bedeutung. Gegenüber lag der Hof mit der Nummer 1. Dort wird heute noch gewirtschaftet, alle anderen sind fort. (Unser Dorf sieht jetzt aus wie eine Siedlung mit eigenwillig altmodisch geformten Häusern und überdimensionierten Grundstücken.) Viele waren damals bereits Nebenerwerbsbetriebe. Landwirtschaft lohnt nicht, das haben wir gelernt, und jeder weiß es. Es sei denn, man wird zum Subventionsritter oder erschlägt die Konkurrenz durch Größe und Produktionsmengen. Bio-Landwirtschaft könnte helfen, die Entleerung des ländlichen Raums von Bauern zu stoppen. Ich möchte das hoffen. Habe soeben den Newsletter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) abonniert, einer Gegengründung zum Deutschen Bauernverband (DBV), der den Hauptvertretungsanspruch für die deutschen landwirtschaftlichen Betriebe erhebt. Mit den Freien Bauern beschäftige ich mich morgen, ihren Auftritt in Berlin finde ich beachtlich.

Rückkehr des Landes und der Höfe

Lewer duad üs Slaw

Es wird kälter. Minus sieben in der beginnenden Nacht. Einige der Bauern, die im Laufe des Nachmittags und Abends nach Berlin in die Bundeshauptstadt gekommen sind, wollen auf ihren Traktoren schlafen. Andere haben sich in Hotels eingemietet oder wohnen bei Bekannten, Freunden oder Unterstützern. Wenn die Bauern sich wehren, wird es ernst. Morgen beginnen die Kundgebungen und Blockaden, eine Woche lang. Die Landwirtschaft hängt eingezwängt im Korsett der EU-Agrarpolitik. Bauernsterben seit Jahrzehnten. Nur die Großen überleben, so bestimmt es das System. Über die Zusammenhänge wird meist nicht gesprochen. Warum bedürfen die Bauern der Subventionen, von denen zwei (Kfz-Steuerbefreiung und Agrardieselrückvergütung) jetzt gestrichen werden sollten? Wie funktioniert der europäische Markt für Agrarprodukte? Agrarprodukte sind das, was wir essen und trinken. Geht es den Bauern schlecht, geht es uns schlecht. Man müßte sehr viel sagen, um auch nur annähernd aufzuklären, was hier gerade los ist und noch los sein wird. Ich bin halb ein Bauern-, halb ein Bürgerkind. Ich gehe morgen zu den Bauern und sehe nach, wie es ihnen hier ergeht, in der Kälte, in Berlin.

Lewer duad üs Slaw

Muskeln

Von seinen eigenen Ideen zu lassen bedeutet viel. Eine Trennung. Ein Gewinn – ein Verlust. Was kommt als nächstes. Man trennt sich nicht gern, niemand tut es gern. Wenn ich an nichts mehr glaube, was geschieht dann? Bin ich verloren? Ist es mir möglich, an nichts zu glauben? Ich halte das für unmöglich. Ich kann so tun als ob. Manchmal tue ich so, als ob. Das sind romantische Phasen. In Wirklichkeit brauche ich meine Ideen, jedoch auch die der anderen. Doch ist stelle sie hoch ins Licht der Betrachtung und umrunde sie und suche nach Makeln. Keine Idee ist vollkommen. Wäre eine von ihnen heilig, diente nicht sie mir, sondern ich ihr.

Muskeln

In die Befugnisse aufsteigen

Wenn alle Welt in die Mitte will, ist an den Rändern viel Platz. Als Schröder seine Idee der Neuen Mitte für die Sozialdemokratie präsentierte, faßten sich jene, die bei Verstand waren, bereits an den Kopf. Gewiß, es ging um den Speck, die Essenz einer hochtourigen Marktwirtschaft, einen gerechten Anteil an ihr, und mehr noch: um die Verteilungsbefugnis. Sie ist der heilige Gral der politischen Klasse. An sie zu gelangen bedeutet Ausweis und Adel von Zugehörigkeit. Nicht dazuzugehören ist ein alter Komplex der Sozialdemokratie. Davon hat Schröder sie therapiert, das war sein innerer Auftrag. Sein Abgang ins Gas-Geschäft war Altersvorsorge, allgemeines Kopfschütteln die Reaktion.

In die Befugnisse aufsteigen

Vor der nächsten Konsolidierung

Endlich bekommt die um die sogenannten Neuen Bundesländer erweiterte Bundesrepublik Deutschland ihre verdiente Krise. Wir hätten sie ihr vielleicht früher oder später gewünscht. Sie mußte kommen, nur wußte niemand, wann sie kommen würde. Erst recht weiß niemand, wie sie ausgehen wird. Wie auch? Kennzeichen einer Krise, die solche Bezeichnung verdient, ist es, daß der Ausgang ungewiß ist. Das Parteienspektrum wird zersprengt, jedoch die Halbrundaufteilung einstweilen nicht verlassen. Es gilt eisern wie vordem die Links-Mitte-Rechts-Logik. In ihr haben sich Risse und Lücken ergeben, die aufgefüllt zu werden scheinen. Dies zu bewerkstelligen haben sich neue Gruppierungen ergeben. Fast nostalgisch denke ich an Kanzler Schröders „Neue Mitte“ der Nullerjahre, auch an den Merkel-Zug dorthin, durch den die SPD überflüssig wurde. Sie standen sich gegenseitig auf den Füßen, und das hat Platz geschaffen für nachstrebende Begehrlichkeiten. Niemand sollte verwundert sein. Die Linke, sofern eine solche existiert, könnte sich amüsiert zeigen, daß sich demnächst die sogenannte Rechte zersplittern wird.

Vor der nächsten Konsolidierung