Denke denke

Ich denke über alte Freunde nach. Was sie wohl tun, wie sie leben und wo sie leben. Ob sie noch leben. Ich weiß es nicht. Einige sind verloren gegangen über die Jahrzehnte. Ich denke, wir werden uns wiederbegegnen, einander noch einmal wichtig sein. Ich bin nicht treu, ich bin anhänglich. Das soll Ernst Jünger geschrieben oder gesagt haben. Das ist eine Aussage, über die ich seit fünf oder mehr Jahren nachdenke. Ich hoffe, daß ich sie nun verstanden habe.

Denke denke

Nun ist es geschehen

Corona ist ein Sternbild des Westens. Ich habe gelernt, was ich nicht lernen wollte. Doch nun ist es geschehen, und es fühlt sich nicht gut an (um es passiv aggressiv zu formulieren). Ich wollte nicht wissen, wie Menschenmengen oder Massen unter Druck reagieren. Ich wollte nicht wissen, wie sie sich einer ungewissen Behandlung gegenüber verhalten, in die sie gedrängt oder gezwungen werden. Ich wollte nicht wissen, wie die Journalisten agieren, wenn ihre Arbeitgeber Karriere schießen und machtnah der Moral in den Schoß dringen. Ich wollte nicht wissen, wie korrupt die Welt ist. Ich wollte nicht wissen, wie ängstlich Ärzte sind. Ich wollte nicht wissen, wie erbärmlich Aufklärung sich darstellt, wenn man sie überwältigt und kapert. Ich wollte nicht wissen, wie ungewiß Wissenschaften dastehen. Ich wollte nicht wissen, daß Definitionen darüber entscheiden, ob wir in einer Pandemie leben oder nicht, ob die neuen Mittel Impfstoffe sind oder nicht. Ich wollte verschont sein, das war mein primitiver und verständlicher kleiner Spießerwunsch. Corona ist ein Sternbild des Westens. Ich empfehle weiterhin den Blick oder Klick auf „global“ unter corona-in-zahlen.de. Ich wollte nicht wissen, wie sich meine Freunde, meine Bekannten, meine Familie verhalten, wenn man sie drängt, drückt, sortiert usw. Ich wollte nicht wissen, wie ich mich in diesem Strudel bewege und verhalte. Corona ist ein Sternbild Chinas, wird soeben reklamiert.

Nun ist es geschehen

Unter den Sternen

Ungewohnt schnell und außergewöhnlich zielstrebig erscheinen mir die Tage und Wege und eigenen Bewegungen im beginnenden Januar. Als gäbe es eine neue Energie, als könnte ich anzapfen oder erschüfe sie selbst. Wer will das klären. Schnurstracks geht es weiter. Die Schritte teilen in wichtig und unwichtig, jetzt oder später, hier oder dort. Umstandslos. Nichts mehr von der alten Bedenklichkeit und dem Ausbrüten möglicher Unmöglichkeiten. Nicht aus Zugzwang, sondern aus Zuglust. Dennoch Vorsicht. Der Fallstricke sind einige. Wer läuft, braucht gutes Schuhwerk und ein starkes Herz.

Unter den Sternen

Angetreten zum Verkauf

Es ist auch putzig, wenn man beim Gang über den politischen Markt erlebt, wie die Händler ihre Waren preisen und auf den Verkaufstisch klatschen. Demokratie zum Beispiel, ein stattlicher Fisch, spät gefangen, fett gemacht, luftig aufgeblasen. Da war mal was. Ordnung zum Beispiel, eingeschrillt wie der Pfiff eines Hauptspielleiters auf der Probebühne einer Besserungsanstalt. Menschen- und Bürgerrechte zum Beispiel, als seien die soeben im Antiquariat aufgetaucht nach Suchanfrage. Stimmt, die gab es doch auch. Was kostet der Doppelband, ich habe dreißig Euro im Portemonnaie. Recht auf dies, Recht auf das. Weiter so, der Markt scheint unendlich und wirkt unübersichtlich. Da gerät man zwischen die Religionen mit ihren sogenannten Glaubensangeboten. Was kostet Gott oder die Mitgliedschaft in einem seiner Vereine. Schon sind wir bei der Gesundheit angekommen, wenig weiter lauert die Sicherheit, noch weiter hinten kauert die Bildung. Alle drei hecheln. Auf diesem Markt ist alles zu haben: sogar Sex, sogar Identität, sogar Waffen (Rüstungen). Dieser Markt platzt aus allen Nähten. Die Parteien sind da und winken von ihren Ständen mit Papierwimpeln. Ginge und schriebe ich hier weiter, ergäbe das einen Endlostext.

Angetreten zum Verkauf

Wer braucht schon Feinde

Wenn man sich nicht falsch verfeinden soll, kann man sich denn richtig verfeinden? Wer wäre denn geeignet, ein Feind genannt und verdient bekämpft zu werden? Wir leben, eine Phrase von Peter Sloterdijk aufgreifend, im postheroischen Zeitalter. Da gehören wir auch hin, meines Erachtens. Man mag das dekadent nennen, sofern es gleichgesetzt wird mit einem Einverständnis mit allem und jedem, sofern man selbst nur in Frieden gelassen ist und seinen Geschäften und Begierden nachgehen kann. Solch fahrlässiges Walten und defensives Wesen zieht Begehrlichkeiten an, so lautet die These. Man würde früher oder später angegriffen werden. Schon werden Beispiele gezeigt und wie Trumpfkarten auf den Tisch geworfen. Solche Sicht verkennt, wie expansiv die sogenannte Dekadenz agiert. Sie agiert derart erfolgreich, daß sie beinahe weltumspannend Fundamentalismen produziert. Fundamentalismus entsteht dort, wo Fundamente wegbrechen – nicht dort, wo man sicher steht. In gegenseitiger Umklammerung nähren und vernichten sich die Gegensätze. Das sind keine Feindschaften, das sind Gefangenschaften auf Gegenseitigkeit.

Wer braucht schon Feinde

Die beiden verstehen sich gut und ergänzen einander

Außenseiter, sagt man. Jemand, der nicht dazu gehört, vor der Stadtmauer des Denkens und Meinens steht und um Einlaß begehrt. Burg, Bürger, Geborgenheit. Denkt man sich (flugs) zum Außen- den Innenseiter hinzu, steht das Begriffspaar getrennt beieinander. Von Kindheit an scheinen mich die Außenseiter mehr interessiert zu haben als die Innenseiter. Das ist Familienerbe, ich weiß das. Es hängt auch in den Genen, sofern es irgendwo hängt. Wir wissen nicht sonderlich viel vom Menschen, was die Verbindungen angeht. Manche nennen sie spirituell, andere intellektuell. Man soll sich nicht an falscher Stelle verfeinden.

Die beiden verstehen sich gut und ergänzen einander

Einladung

Es lesen und spielen:

Andreas Becker / Jonathan Klein / Michael Lenhart / Marcus Pauli / Christiane Schoon / Theresa Schouwink / Holger Tegtmeyer

Samstag, 6.1.2024, 19:00 Uhr (Einlaß ab 18:00 Uhr)

Froschkönig, Weisestraße 17, 12049 Berlin

Skizzen ist eine Veranstaltungsreihe zur Erprobung neuen Materials. Wir freuen uns auf Besuch. Eintritt ist frei, der Hut geht rum.

Einladung

Zuschreibungen, Aufbewahrungen

Es gibt die Jahre, damit einmal etwas endet. Was zu enden hat, bestimmen nicht die Jahre. Sie sind die Fächer der zeitlichen Aufbewahrung. Ihre formale und bindende Größe wirkt beruhigend. Immerhin endet ein Jahr, wenn auch nicht der Krieg. Irgendein Krieg oder ein bestimmter. Jahre sind Maß- und Meßeinheiten, Zeitfraktionen für die Statistik, sogar für’s eigene Erleben und Registrieren von Ortswechsel, Partnerwechsel, Berufswechsel. Jahre sind massive Größen, vom Quantitativen ins Qualitative drängend. In the Year 2525.

Zuschreibungen, Aufbewahrungen

Weltgewitter

Wir durchlaufen Phasen der Entwicklung, persönlich und gemeinschaftlich, gesellschaftlich und von mir aus menschheitlich. Je größer, desto ungewisser. Ich mag Teil einer Menschheit sein, sicher bin ich es, doch sobald von Menschheit gesprochen wird, mache ich mich klein, als gehörte ich nicht eigentlich dazu. Es eignet mir nicht, Teil von etwas Unüberschaubaren zu sein. Das Unüberschaubare soll sich nicht auf mich berufen können, umgekehrt ich nicht auf es. Es ist keine Wesenheit, es kann nicht sprechen, nicht denken, nicht handeln. Menschheit ist ein Geist, ein Gespenst, eine Gottheit, eine Astraktion, ein Irrwisch, ein Schemen, eine Irritation, eine Suggestion – eine in den Diskurs eingeführte Größe. Sie würde quicklebendig im Falle einer außerirdischen Bedrohung. Menschheit müßte sich bilden, um dem Feind Paroli zu bieten. Gruppenbildung und Gemeinschaftsgefühl entstehen über die Abweisung einer konkurrierenden Einheit menschlichen oder menschenähnlichen Handelns und Strebens.

Weltgewitter

Im Januarregen

Spaziergang durch die nasse Stadt. Die Häuser stehen noch. Die Silvesterschießerei hat Schmutz hinterlassen. Feucht gewordenen Pappmagazine der Raketenabschußstationen sehen lappig und unansehnlich aus. Reste von einigen Sekunden Ruhm. Im Kulturkaufhaus Dussmann sitzt eine Kundin dicht am Fenster, den Rücken zur Friedrichstraße, und liest in Wie Serienmörder denken. An der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden steht eine junge Frau und schluchzt. Ich kann nicht eine wildfremde Schluchzende fragen, ob ich helfen kann. Ich könnte es tun, doch ich weiß, daß sie abwinken würde. Ist schon gut. Wir sollten uns alle an die Kreuzungen der großen und frequentierten Straßen stellen und schluchzen. Es muß von Herzen kommen, sonst wird das nichts. Was denn nichts? Die Klagen des übergangenen Leids.

Im Januarregen