Gestrichelte Linie

Spreche ich die Bauernproteste an, haben die, die ich spreche, bereits davon gehört. Man gesteht ein, zu wenig zu wissen. Die, die ich spreche, wissen aber bereits, daß die Bauern unterwandert werden oder sich möglicherweise mißbrauchen lassen. Das kleine bürgerliche Milieu, dem ausnahmslos alle, die ich spreche, entstammen, hat mit den Bauern nichts zu tun. Nur als Kinder einst, da gab es einmal Ferien auf dem Bauernhof, da durfte man Kühe streicheln und den Schweinchen in die Nasenlöcher fassen. Bauern interessieren nicht. Es gibt solche Sendungen wie „Bauer sucht Frau“, da tauchen sie auf, zum Spott der anderen. Bauern sind die in den Gummistiefeln, die mit der Siebzigstundenarbeitswoche und keinem Urlaub. Bauern sind eine bedauernswerte Minderheit in dieser Gesellschaft, sie sind notwendig wie Handwerker und andere Bestelldienste auch. Zwischen Bauern und Bürgern verläuft eine Grenze, die ich täglich überquere.

Gestrichelte Linie

Das Gebotene

Du sollst dir kein Bild machen. Solche Regeln lassen sich verstehen. Sie mahnen, erwartungsoffen zu sein hinsichtlich des Größten wie des Kleinsten, es nicht zuzustellen mit Abzeichen einer erwarteten Großartigkeit. Niemand weiß exakt, was ein Regenwurm ist. Schließlich taucht er auf und schlängelt seiner Wege. Auch die Verabredungen sollen wir nicht zustellen mit unserem Zeug. Nichts kann geschehen, wenn alles bereits geschehen soll.

Das Gebotene

Zeitpause

„Gibt’s hier keinen Zigarettenanzünder?“ fragt Jean Reno in Die purpurnen Flüsse, als sein Billigfeuerzeug versagt. Zigarettenanzünder gehörten zur Standardausstattung vernünftiger Automobile bis zum Jahr … (Setze ein.) Man sagte, gewisse Citroën-Modelle seien um den Aschenbecher herum konstruiert worden. Wie sorglos man einst rauchte. Man muß jung sein, um sorglos zu rauchen. Oder sehr alt.

Zeitpause

Eine gute Frage aus dem Sommer

Ich entsinne mich des Sommers, als ich am Heinrichplatz saß, es war ein Sonntagnachmittag, es war warm, Zum Elefanten heißt die Kneipe, die Tische aufgebaut hatte, ich setzte mich und bestellte durstig ein großes Bier. Während ich mich im Schatten des Hauses und des Platzes akklimatisierte, hörte ich die Ex-Punks oder Ex-Aktivisten reden, die nicht weit von mir saßen. Sie waren in die Jahre gekommen und machten auf gemütlich, doch einer fragte: „Kann mir vielleicht von euch einer sagen, warum unsere Außenministerin amerikanische Außenpolitik macht?“

Eine gute Frage aus dem Sommer

Problemfrage

Der Bundespräsident appelliert an die Bundesregierung, sich zu zeigen und zu verantworten. Das dürfte immerhin zu erwarten sein. Nicht zuviel verlangt. Doch der Kanzler übt sich in Zurückhaltung. Man ahnt, daß er auf bessere Zeiten hofft. Die Bauern nerven, die Koalitionspartner nerven. Die Kriege nerven, das eigene Gewissen streßt. Von Affären umstellt macht dieser Bundeskanzler die Schildkröte. Er panzert sich ein und streckt nur, wenn es nichts anders geht, ein Füßchen oder Händchen nach draußen. Unbequemer hatte es niemand derart. Er muß leiden, mehr als seine Vorgänger. Mit Pragmatismus und Opportunismus kommt man nicht mehr durch. Das war früher anders. Jetzt wollen die Leute Bekenntnisse hören, doch da sind keine in ihm. Die Dinge laufen hoch und bilden eine Pyramide, von der es in alle Richtungen rieselt. Was soll Scholz da machen.

Problemfrage

Flecken auf dem Parka

Der aus der Nase Blutende in der U-Bahn. Tropfen auf seinem Parka. Ich fragte, ob er noch ein Taschentuch benötige. Er schüttelte mit dem Kopf, preßte das Zellstofftuch, das er in der Hand hielt, fest an die Nasenflügel. Wenig später schmeckte ich Blut im Rachenraum, doch das war nur ein kognitives Echo eines fiktiven Wiedererlebens. Ah, diese Adjektive machen mich schwindeln. Fast ist mir, als sollte ich die Decke, die ich um mich geschlungen habe, vollsauen mit Blut, jetzt und hier, kurz nach Mitternacht, während ich an einen Nasenbluter von Freitagabend denke, an einen Mann mit Bart, Anfang dreißig, der einen Parka trug. Parka stammt aus der Sprache der Inuit, er hält warm.

Flecken auf dem Parka

Geordnetes Chaos

Es gibt diese familienbetonten Familien. Aus einer solchen stamme ich nicht. Es gälte als ungehörig, machte man viel Wind um so etwas wie Abstammung oder etwaiges Ausgezeichnetsein. „Wer nichts ist, braucht einen Stammbaum“, raunte mir mein Onkel zu, als wir es ein und einziges Mal zu einem Familientreffen brachten. (Das muß kurz nach der sogenannten Wende gewesen, dem Umsturz der politischen Verhältnisse in der DDR und der anschließenden Wiedervereinigung der deutschen Teilstaaten unter der Vormundschaft des westdeutschen Parts. So waren auch wir als Familie wieder vereint.) Das bedeutet nicht zwingend, daß wir wenig von uns halten oder gering über die Ahnen denken. Im Gegenteil. Es käme uns nur billig vor, sie oder uns derart hervorzuheben. Das ist es, was ich über meine Familie sagen kann. Alles andere ist privat. Unter uns ist keiner, der mit den Fingern schnipst und sich nach vorn drängt, um zeigen zu dürfen, was er kann oder weiß. Solche Leute sind uns peinlich. Wir halten nichts von Karriere. Karriere stößt uns zu. Wenn dieser Text wie ein verstecktes Selbstlob klingt, gebe ich zur Antwort, daß er ein unverborgenes, aber seltenes Lob sein soll, zu Ehren meiner verstreuten und unabhängigkeitsliebenden Familie. Bauern, Goldschmiede, Seefahrer, Wanderer, Holzfäller, Freigeister, Fuhrleute, Journalisten, Bildhauer, Köche, Lebens- und sonstwelche Künstler, Lehrer usw. Ich werde von Zeit zu Zeit ergänzen. Keine Ahnung, was meine zahlreichen Cousins und Cousinen treiben. Familien sind wie Staaten, in ihnen wimmelt und wuchert es, und niemand hat den Überblick.

Geordnetes Chaos

Eins kommt zum anderen, bis es soweit ist

Im Januar soll man nicht zuviel von sich erwarten, noch von anderen. Ich bestaune umso mehr die Proteste der Bauern und nehme zur Kenntnis, daß die Furcht umgeht, sie könnten unterwandert sein oder mißbraucht werden. Wer solches denkt, kennt die Bauern schlecht. Das sind in aller Regel gut informierte Leute, die mehr von der ökonomischen Wirklichkeit verstehen als die meisten jener, die über sie berichten oder urteilen. Wer kann, sollte die Zeit nutzen und mit ihnen reden. Vor allem könnte man zuhören und verstehen lernen.

Eins kommt zum anderen, bis es soweit ist