Vier Uhr vierundvierzig bis fünf Uhr zwei

Ich lag schon und schlief. Da erwachte ich und spürte die kleinen Gedanken herumwirbeln wie Schneeflocken im Winterwind. So soll ich also nicht schlafen, sondern wach sein, also erhob ich mich. Nun sitze ich hier und schreibe in die leise Nacht. Selbst der Bildschirm ist weiß. Ebenso das Blatt Papier, auf das ich zuvor schrieb. Kein loses Blatt Papier, sondern eines, das zu den anderen gehört und eingebunden ist in ein schlankes Buch, in dem nichts steht, es sei denn, jemand zeichnet hinein. Ich benötige die Ruhe, um zu schreiben. Ruhe ist wie jede Menge Platz. Dann kann man fast überall hin. Die Dinge verhalten sich still. Einzig die Kerzenflamme zeigt eine gewisse Regsamkeit. Eine Kerzenflamme ist noch kein Lagerfeuer, aber immerhin. Lebendiges Licht. Ich wollte früh zu Bett.

Vier Uhr vierundvierzig bis fünf Uhr zwei

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Es ist neuerlich Nacht. Verkehrsgeräusche treiben herein. Die Waschmaschine mahlt durch die Gänge des Programms. In der Lavalampe steigt ein Monster auf mit drei Augen, wächst und schwillt an, verändert die Form; zuvor war zu erkennen, daß Throne stürzen werden. Es ist wie Silvester, da gießen wir Blei. Der Schlaf hat den Raum betreten, greift nach dem Betrachter. Du kannst endlos schlafen, aber später, sagt er, zuvor hängst du die Wäsche auf! Nun hör doch bitte zu, sagt er, die Maschine sagt es doch auch. Von außerhalb und entfernt sind Salutschüsse zu vernehmen, mehrere an der Zahl. Der Schlaf seufzt. Die Waschmaschine jodelt sich hoch in den Schleudergang. Wenig Neues aus der Lavalampe: die drei Augen sind verschwunden, der Körper schwillt weiterhin an und ab. Man muß genauer hinschauen: das Lavawesen hat einen Mund oder ein einziges Auge gebildet, das strebt nach oben und grüßt oder küßt hinauf, fast erreicht es die Oberfläche der Schwimmflüssigkeit. Die Gedanken treiben ab.

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In die eigentliche Heimat

Feiertage durch. Die Last der Untätigkeit abgelegt. So mag es manchem ergehen. Zurück im Gerassel des Alltags. Zum Glück ist Wochenende.

Weihnachten ist Beziehungsarbeit: Nähe ertragen, wiederherstellen, pflegen. Daher der oft thematisierte Streit ausgerechnet zum Fest der Liebe. Konflikte sind nichts Unanständiges, Harmonie soll wahrhaftig sein.

Stille Stunden hier verbracht, nur ein wenig innerer Streit hinsichtlich einiger Lebensfragen, etwa wie ich ab jetzt zu leben gedenke. Werde, der du bist. Nicht schwer zu verstehen. Doch wer bin ich? Ich bin der, der zu sich findet.

Daher war die Angst so laut in mir, vor vielen Jahren, daß ich mich verfehlte, an mir vorbeibrauste wie ein knatterndes Moped. Natürlich gelang das nicht, niemand entkommt sich. Das Leben führt einen zurück. Sollte man sich wehren, mit unerbittlicher Strenge.

Bleib dir treu. – Ja, aber schlimm, wenn zuviel an einem rumgemacht wurde, wenn man also von sich selbst abgehalten oder vom eigenen Weg abgebracht werden sollte oder eine eigene Wahrheit, die es zu finden gilt, abgeleugnet wurde und sie einen in die pure Konventionalität zwingen wollten, in eine Zone der allseits bekannten Tatsachen und anerkannten Meinungen zu solchen sogenannten Tatsachen.

Sie, das sind diejenigen, die solches Abhalten, Abbringen, Ausreden meinen vollbringen zu dürfen, zu müssen. Sie können dich seelisch töten, und dann läufst du als Gespenst oder Automat durch die Gegend und verbreitest denselben Stuß, zu dem alle Welt wie auf Kommando nickt. Ganz falsch kann der nicht sein, aber sicher auch nicht ganz richtig.

Dazu müßte es doch schöne Lieder geben: the long way home.

In die eigentliche Heimat

Selbstbildnisse

Im kahlen kalten Kirchenschiff auf harten Büßerbänken sitzend an den steilen weißen Wänden hoch die Klänge der Orgel. Erklingt die Orgel, spricht Gott, sagte Hermann Hesse. Marienkirche zu Berlin im Schatten des Fernsehturms, der wie eine Nadel in den gottlosen Himmel sticht. Müßte ich Gott sein, würde ich weghören, wenn die Menschen lamentieren. Daß sie aufdringlich sind, beleidigt den Geschmack. Sie lassen ihn gar nicht mehr frei.

Selbstbildnisse

Niemand gibt irgendwem ein Gefühl

Man kann Gefühle nicht denken. Über sie nachdenken läßt sich. Die Vorsilbe zeigt an, wie die Reihenfolge lautet. Gefühle haben nicht recht, doch sie zeigen an. Ohne sie sind wir verloren, mit ihnen geraten wir ebenfalls in Schwierigkeiten. Humor hilft heilen. Scheißkälte draußen auf den Straßen, doch sie strafft die Haut. Durch die Untergrundbahnen betteln sich die Bettler und können nicht wissen, daß einen Wimpernschlag zuvor bereits jemand gefragt hat. Man kann versuchen, die halbe Welt zu belehren oder zu bekehren. Man muß stattdessen das rote Auto ausparken. Rush Hour ist das Spiel der Stunde.

Niemand gibt irgendwem ein Gefühl

Glanz der elektrischen Kerzen

Sich vor die Tür trauen – ein Wagnis. Auf der Straße bleibe ich gleich erstmal stehen und suche Halt in mir selbst – eine Hoffnung. Wird schon was zu finden sein. Verkehr verkehrt, Autos schnellen die Anhöhe hinauf, Vollbremsung, damit eine betagte Fußgängerin nicht samt ihres Rollators zerfetzt wird. Durchatmen. Dreiundzwanzigster Tag des aktuellen Dezember. Ich bin auf dem Weg ins Risiko. Früher trugen Bars solche Namen. Eine glatte Zwei für das ablaufende Jahr, was immer noch geschieht. Man soll ja nicht, ich weiß: den Tag vor dem Abend, das Jahr vor der Knallerei, loben, proben, toben. Oben ist noch Platz, unten wieder voll. Minus vier oder fünf, da werden welche erfrieren, die wärmen die westlichen Werte nicht. Der Wind weht aus Nordost. Ich schreibe diesen Text am Geburtstag des legendären Wanderpoeten und höre Gang Starr.

Glanz der elektrischen Kerzen

Rührung und Berührung

Der Unterschied zwischen gerührt und berührt sein. Ich liebe die Sprache, die auch ich sprechen lernte und in mir dauernd erneuern muß, damit ich noch fühlen kann, was ich sage. Kürzlich war ich berührt, schrieb aber gerührt. Gerührt ist besser als geschüttelt, wir haben Spaß. Manchmal liegen die Bedeutungen knapp nebeneinander, manchmal sind sie weit voneinander entfernt wie böse Nachbarn. Das Mißverständliche ist eine eigene Kategorie, dort geschehen die bemerkenswerten Unfälle. Sprache soll verbinden, doch sie kann auch trennen. Da sie dieses kann, wird sie jenes leisten. Einen Gruß an Schiller, Vorname Friedrich. Er war ein Meister der Überkreuzstellung von Aussagen, konnte sich kaum beruhigen, so sehr war er verliebt in solche Positionsspiele der Satzglieder.

Rührung und Berührung

Niemand kennt sich aus

Das Schauen in die Augen will gelernt sein, das Lesen der Blicke, das Aushalten. Zugleich kann es das nicht. Mir ist, als wüßten wir jeweils alles voneinander – doch dann siegt das lahme Bewußtsein und erklärt Normalität oder Normativität. Es wird eine gute Funktion (Aufgabe) haben, daß wir erst zeitverzögert begreifen, was hätte geschehen können. Nein, wir sind selten im Augenblick. Später sind wir es. Wer im Augenblick wäre, geriete jederzeit in unerhörte Gefahr.

Niemand kennt sich aus