Der guten Dinge

Wer wissen sollte, wann Goethe geboren und wann gestorben ist, stapelt ihn korrekt ins Regal der Zeit. Vielleicht kennt man noch ein paar seiner Werke, hat sie gelesen und in Teilen verstanden. Da steht man schon hoch. Wer braucht noch Goethe? Nun, diejenigen, die es tun. Doch aus welchen Gründen? Goethe müßte doch lebendig sein in ihnen. Wie aber zeigt sich das? Was bedeutet es denn, etwas zu wissen – außer daß man auf Lehrer- oder Quizfragen angemessen zu antworten versteht und Punkte einheimst? Wir befinden uns in der Schule des Lebens, da gibt es keine Noten mehr. Wann erscheint Faust III und wozu?

Der guten Dinge

Anathema

Draußen auf den Straßen der Überlebenskampf der Gestrauchelten und Angezählten. Harte Kontraste in den Zentren des geregelten menschlichen Aneinandervorbei. Die Metropolen sind quantitative Erkenntnisorte, deren Umschlagsmoment ins Qualitative zu studieren ist. Ich fahre meine Strecken und gehe meine Wege und sehe. Nicht immer berichte ich. Doch in mir türmen sich Berge des erblickten Elends. Man kommt in kein vernünftiges Gespräch dazu mit anderen Leuten. Es ist ihnen unangenehm. Sie wissen auch nicht. Das ist der Pegelstand geteilten Nichtwissens, ein kognitives Normalnull. Angst umkreist die Gesprächsszene, als geduldeten sich unsichtbare Geier hoch oben und warteten auf einen neuen Kandidaten fürs Gefräß. Immerhin bin ich es nicht oder noch nicht, denkt hofft betet der geplagte Mensch, in sich bereits unsicher genug und ängstlich und bangend auch dauernd. U gutte gutte Gutt, brachte meine Bauerngroßmutter hervor, wenn das Entsetzen sie bannte und sie es umzukehren versuchte.

Anathema

Selbstschuldautomatik

Am Mehringdamm liegen sie in Schlafsäcken an der Straße. Einer im offenen Bushaltehäuschen, immerhin überdacht, lang hingestreckt über die drei oder vier harten Sitzplätze, das Gepäck unter den Sitzen. Ein anderer liegt im Hauseingang neben Curry 36, wo zwanzig, dreißig Menschen Currywurst mit oder ohne Darm, mit oder ohne Pommes essen. Ganz normal offenbar. Das ist das Schlimme am Menschen – er gewöhnt sich an alles. Irgendwann steigen wir über Leichen und beschweren uns über den Gestank.

Selbstschuldautomatik

Brandgeruch schmecken

Brand im Tunnel der Untergrundbahn 7 an der Station Yorckstraße. Ich steige vom Westeingang hinunter, dort kommen sie mir aus dem Rauch schon entgegen. Einen kurzen Augenblick überlege ich, mir das näher anzusehen – Reflexe des Journalisten, des Reporters, desjenigen, der nicht wegläuft. Der Rauch dringt nicht allein durch die Nase in die Lunge, er schmeckt auch. Ich schmecke ihn am Gaumen, mittig oberhalb der Zunge. Ich nehme den Bus Richtung Mehringdamm. Selbst dort, zwei Stationen weiter, schmeckt es bereits nach Brand. Die Wartenden merken es nicht. Die Bahn fährt ein, kommt von dort. Im Waggon sitzen sie und halten sich Tuch oder Stoff vor die Nase. Sie sind da mitten durch, der Fahrer des Zuges (ich sehe ihn kurz) blickt stoisch geradeaus. Noch drei Stationen bis zum Ziel, nächste Station Gneisenaustraße. Die Türen öffnen sich, schließen. Wir können jetzt lüften, sage ich den Leuten im Waggon, das Feuer liegt hinter uns. Man spricht nicht zu allen in diesen Bahnen, es sei denn, man bettelt. Schließlich wächst aber das Vertrauen und nacheinander werden die Kippfenster geöffnet. – Jetzt, mehr als zwei Stunden später, schmecke ich den Rauch noch immer.

Brandgeruch schmecken

Sonnentage

Lichte Tage im dunklen Dezember. Ein leiser Jubel durchrieselt den Körper. Ach, wäre die Lichtausschüttung durchaus geistiger Art, dann würde Intelligenz die Hemisphäre erstrahlen lassen in Schauern der Einsicht und umfassenderen Verstehens. Stattdessen deprimieren sie uns weiter, die Köpfe auf den Bildschirmen mit ihrer Sprechblasenrhetorik der Wiederholung erbarmenswerter Plattheiten. Immer schon; nie; alles; nichts; weiter so. Schaffen sie es, die große Katastrophe anzurichten? Sie tun einiges dafür. Und wir hier? Spüren am Körper Sonnenenergie und sprechen textlose Gebete. Wir warten auf ein Wunder, so kindlich und bescheiden sind wir geworden. Die machen das schon, werde einige denken. Politik ist, lauthals und kopfüber in Sackgassen zu stürmen.

Sonnentage

Himmel, Wasser, Erde

Ich möchte reinste Freude sein. Zuvor ein paar Befürchtungen abgeschüttelt, auch kleinere Ängste losgeworden. Soll doch alles kommen, wie es will oder sich ergibt. Schicksal ist nicht Determinismus; dieser ist mechanistisch, jenes lebendig-dynamisch (kreativ-poetisch mit Schlußpointe). Ich lasse Fragen wie die nach dem Schicksal offen, lebe noch nicht lange genug. Wer weiß, wohin das Leben mich trägt. Ich bin ein kleines Boot auf dem Strom des Lebens und darf ein bißchen paddeln und zu steuern mich bemühen, wenn die Stromschnellen tosen. Nur ein Bild, eine kleine Idee. Heute schien die Sonne, der Himmel war hoch und blau gespannt. Schon ist heute vorbei, morgen rückt an. Null Grad draußen, sternenklare Nacht.

Himmel, Wasser, Erde