Brennendes Dunkel

Es war finster dort draußen jenseits der Brücke und des Fußgängertunnels. In einem Neubau schien schwaches Licht aus einem der oberen Fenster. Dort saßen Leute bei Kerzenschein und warteten, bis es Schlafenszeit wäre. Nun haben sie dort wieder, was wir alle haben. Wer wir alle sind, frage ich gar nicht erst. Daß die Zivilisation, wie sie um uns errichtet ist und ständig erneuert wird, extrem anfällig ist, läßt sich wissen. Der Vorfall in Berlin bedeutet eine bittere Lektion, doch sie wird nicht verstanden werden können. Sämtliche Modernisierungsprozesse werden ungebremst weiterverfolgt, denn elektrischer Strom ist zur Genüge und jederzeit vorhanden. So lautet die nicht voraussetzungsarme Annahme. Wenn das einmal nicht der Fall sein sollte, müssen die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden. Genau das wird fortfolgend geschehen. Fortsetzung des eingeschlagenen Wegs der Superelektrifizierung und Hyperdigitalisierung plus Künstlicher Intelligenz, denn in diese Richtung galoppiert die globale Herde, und wir also mit und hinterher, reichlich außer Atem.

Brennendes Dunkel

Neues Jahr, siebter Tag

Bekomme eben eine Nachricht über die Alarm-App des Senats, daß die Notlage aufgrund des Stromausfalls im Südwesten Berlins aufgehoben ist. In den Medien ringen Journalisten, Experten und Politiker um die Deutungshoheit über den Vorfall. Der Regierende Bürgermeister war Tennis spielen, während er vorgab, nach Bekanntwerden des Unglücks, verursacht durch einen Anschlag auf die kritische Infrastruktur (hier eine Kabelbrücke über den Teltowkanal), unentwegt telephoniert zu haben. Erst zehn Stunden nach dem Stromausfall, der am Samstag in den frühen Morgenstunden begann und gut vier Tage währte, ließ er von sich hören. Die Konkurrenz will ihn loswerden, jetzt bietet sich Gelegenheit. In der Politik hat man keine Freunde. Man wird sich die Hände reiben, daß jetzt herausgekommen ist (immer redet irgendwer), was er während der Mittagsstunden des Samstags getrieben hat. Bald sind Neuwahlen. Die Hyänen umkreisen den Ort, sie wittern Aas. Einzig ein Sprecher der Polizei sagt, was jeder weiß: Während eines Notfalleinsatzes braucht man alles Mögliche, nur nicht Politiker, die den Einsatzkräften kameratauglich im Wege stehen.

Neues Jahr, siebter Tag

Die Zone

Diesseits der Brücke leuchten die Straßen im elektrischen Licht: Straßenlaternen, Schaufenster, Leuchtschilder, Verkehrsampeln, Geldautomaten, Schaukästen, Klingelschilder, Hausnummern, Wohnungen. Jenseits der Brücke führt eine nachtschwarze Straße nach Süden, als sei dort Stadtende, Weltende, dort beginnt die Zone. Autos kommen gerollt und nehmen ihr Scheinwerferlicht gleich wieder mit. Es gibt keine Ampelanlage. Niemand kann mich sehen. Ein abendlicher Dauerläufer rennt vorbei, nur ein Körper, kein Gesicht. Jetzt ist Gelegenheit, die Straße zu überqueren. Auf der anderen Seite brennt ein Licht, ein Lidl-Discounter, Wir haben für Sie geöffnet, stromversorgt über einen Generator von der Größe eines halben Frachtcontainers. Der Generator brummt leise, man möchte die umliegenden Häuser anschließen. Ich kehre zurück in die Welt der Lichter und des Glanzes. Die S-Bahn ist Grenze zwischen Strom und Nichtstrom.

Die Zone

Innerhalb der Stadtmauern

Draußen nun minus sechs Grad, die Obdachlosen sterben oder schaffen es ein paar weitere Tage und schlimmer noch: Nächte. Es ist ein Elend in der Stadt, das an uns vorbeihuscht oder lästig wirkt durch aufdringliches Betteln in den Untergrund- und Schnellbahnen. All diese Gesichter und zermergelten Körper samt den Reaktionen jener, die fürchten könnten, selbst einst oder bald zu solchen Gespenstern zu mutieren über den Weg und Abgang durch den ökonomischen Fleischwolf. Man möchte sich retten, verständlich genug. Vor einem reißt es den Nächsten weg. Die Winter in Berlin sind hart, da kommt man ins sinnliche Denken. Deshalb bin ich hier.

Innerhalb der Stadtmauern

Neues Jahr, fünfter Tag

Ich möchte den Schnee bejubeln und die klare Kälte feiern – Spaziergänge unter malerischem Himmel in den Kaltfarben des Winters – doch das gelingt nicht, da sie im Südwesten der Stadt weiter frieren und im Dunkeln warten müssen, bis die sogenannte Infrastruktur wieder steht. Ich habe nichts gegen ein Wort wie Infrastruktur, also Innen- oder Untenordnung, denn solche trägt und bewältigt sämtlichen Verkehr: Güter, Waren, Lebewesen, Informationen. Doch ich spüre die Kälte des Begriffs und möchte dorthin, wo gesehen und gefühlt werden kann, was ein Zusammenbruch von Infrastruktur bedeutet. Er bedeutet nichts Leichtes und schon gar nichts Lustiges, auch wenn die Spötter und politischen Zyniker breitärschig sitzen und von nichts eine Ahnung haben müssen. Sie wird nicht abverlangt. Ignoranz kennzeichnet Menschen. Werden die Spötter selbst zum Opfer einer unheilvollen Situation, sprechen sie anders, hoppla. Man kann ihnen das Nachdenken und Mitfühlen nicht hinterherschmeißen. Noch ist nicht ganz klar, wer für den Anschlag auf die Stromversorgung zuständig ist, auch wenn es ein Bekennerschreiben gibt. Immer langsam mit den jungen Pferden. Daß im Südwesten der Stadt ‚die Reichen‘ wohnen, scheint für einige zu implizieren, daß sie kein Mitgefühl aufbringen müssen. Wie kaputt kann man sein? Offene Frage. Das Muster ist bekannt.

Neues Jahr, fünfter Tag

Neues Jahr, dritter Tag

Schnee in Berlin, Stromausfall im Südwesten der Stadt. Notunterkünfte, Evakuierungen, Dauereinsatz von Rettungs- und Versorgungsmannschaften – Folgen eines Anschlags auf eine Kabelbrücke über den Teltowkanal. Betroffen sind 45.000 Haushalte und mehr als zweitausend Gewerbekunden, meldet Stromnetz Berlin. Dauer der Reparaturmaßnahmen: bis voraussichtlich Donnerstag, 8. Januar. Nimm alles fort aus deinem Leben, was elektrischen Strom benötigt, dann weißt du, was dort los ist. Zum Glück fahren die Busse und Bahnen, so können die Bewohner in benachbarten Bezirken einkaufen. Bibbernd ins neue Jahr.

Neues Jahr, dritter Tag

Deutsche Pressung

Ich erlebe die Leute, die mir begegnen, ob ich sie kenne oder nicht, als zusammengedrückt, vorsichtig, ängstlich. Heil durchkommen irgendwie – durch den Tag mit seinen Anforderungen und Pflichten, durch die Gespräche über heikle Themen. Vieles scheint heikel dieser Tage und Jahre. Umschwirrt von Ismen – das sind so kleine Götzen mit Millionengefolgschaft und Glaubenshandlungen mit klarer Feindbildausrichtung. Langweilig, nervtötend, öde (unfruchtbar). Zu jedem Ismus gibt es einen Anti-Ismus, wer hätte das gedacht. Deutschland im Pro-Kontra-Krieg, das nennen sie hier Kulturkampf. Als hätten nicht neuerlich alle recht, und zwar jeder auf seine Weise. Dazwischen, wie gesagt, die wenig begeisterten, fast schon apathischen Leute, zusammengedrückt und hilfsbedürftig. Sprich sie nicht an, sie reagieren wie auf Stromstoß. Mein guter Freund Lothar fragt, ob ich wüßte, warum die Menschen fortdauernd politisch glauben wollen, dann machten sie sich doch unweigerlich zu Agenten einer Sache, die sie nicht ausreichend durchschauen. Warum für andere streiten und kämpfen, mit denen man weder befreundet ist, noch es zu sein sich wünscht? Ich erwarte keine Erlösung, sondern die Erschlaffung der Fundamentalismen samt ihrer aufgeregten Anhängerschaft. Am Ende werden wir miteinander leben müssen – im Gegeneinander bluten wir aus.

Deutsche Pressung

Gute Sicht, schlechte Sicht

Das ehemalige Flugfeld ist groß und weit. Man kann dort die Orientierung verlieren für Augenblicke, wenngleich die Sicht- oder Landmarken sie nach kurzem Suchen wiederherstellen. Neben dem viertelkreisförmigen Hangar, dem S-Bahnring und der Stadtautobahn, der Bahlsen-Keksfabrik und dem Wohnhochhaus im sogenannten Wohnpark St. Marien ist das neuerdings der Hochhausneubau des Hotels Estrel (Estrel Tower) an der Sonnenallee.

Noch wird gebaut. Durch die Dachschräge erinnert es an das markante Universitätshochhaus in Leipzig, das mittlerweile den Namen City-Hochhaus tragen muß. Der Estrelturm wird mit 176 Meter Höhe Berlins höchstes Hochhaus sein, einstweilen. Zum Vergleich: das Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz (Forum-Hotel, jetzt Park Inn by Radisson) kommt auf 125 Meter. Baulich reckt und streckt man sich hier ein bißchen, doch in den Himmel wächst, des Baugrundes halber, gar nichts.

Kürzlich lief ich auf dem Feld und sah fast nichts mehr. Nebel war aufgezogen, es wurde unheimlich. Das war kurz nach Sonnenuntergang. Mit einem Mal war es finster. Selbst auf der Start- und Landebahn verlor ich die Orientierung, tastete mich am Grasrand der Piste entlang. Kam ein Licht aus dem Nichts auf mich zu, schnellte ich zur Seite – ein Radfahrer. Er hätte mich nicht sehen können, ich bin kein Leuchthund. Endlich erreichte ich die Lichter der Kleingartenkolonie und verließ durch das Drehtor dieses ohnehin gespenstische Feld. Ich habe keine Ahnung, welche Geister dort kreisen, selbst an hellen Tagen im Sommer.

Berlin ist mir eine unerkennbare Größe geworden. Keine Ahnung, was hier los ist. Über Berlins häßlichsten Hochhausneubau, den sogenannten Amazon Tower an der Warschauer Brücke, 142 Meter über der Erde, schreibe ich später einmal. Da scheint alles kaputt gegangen zu sein, was ästhetisch im Menschen sich noch zu regen vermag. Insofern ein Baudenkmal ersten Ranges. Ich gerate in ein inneres Zittern, nähere ich mich dieser gepanzerten Baumasse bestürzender Einfallslosigkeit. Wenn wir so bauen, was treiben wir dann als nächstes?

Gute Sicht, schlechte Sicht