Nicht einmal zugespitzt

Man kämpft sie nieder, dachte ich in der Untergrundbahn, als ich in die Gesichter der Mitleidenden sah. Man türmt Angst auf Angst, bis sie klein sind. Die Kassiererin im Supermarkt erklärte mir, daß die Pfandbons nicht ohne Grund auf einem Papier gedruckt und ausgegeben werden, das nach kurzer Zeit und insbesondere Wärme- oder Lichteinfluß die Schrift unleserlich macht. Sie berichtete, daß sie in der Schule bereits gelernt habe, daß wir auf uns selbst aufpassen müssen und auf das Leben auf unserer Erde. Die da oben tun es nicht, fügte sie hinzu. Ich solle Kassenzettel, die wichtig sind, bevor sie unleserlich werden, kopieren. Ich fragte, was sie glaube, wer die da oben sind. Keine Ahnung, sagte sie, aber keine glücklichen Menschen.

Nicht einmal zugespitzt

Es geht immer weiter und weiter

Eine Serie von Träumen, eine Serie unaufhörlichen Erwachens aus dem Schlaf mit Bildern vor Augen, die zeigten, bevor sie erloschen, daß ich sonstwo zu arbeiten scheine. In einer Folge war ich Sprengmeister in einer Mine, in einer anderen Blütenbestäuber von Kirschbäumen mit dem Pinsel in der Hand auf einer hohen Trittleiter in China. Ich lebte in einer namenlosen Siedlung am Rande der bekannten Welt und war umgeben von Jesus-Freaks, die mich fragten, ob ihre Flugblätter gut genug sind. Zwischen den Träumen mußte ich auf die Toilette, denn ich hatte kräftigenden Linseneintopf nicht nur gekocht, sondern auch noch verzehrt. Körper und Geist kooperieren, wenn man sie läßt. Zwischen den Träumen und den Toilettengängen dachte und sprach ich, um erneut in den Schlaf zu finden: O große Seele, nimm mich auf.

Es geht immer weiter und weiter

Sich täglich wundern

Da leben wir mitten im Wunder und sind Teil des Wunders, da beschweren sich welche, daß sie mehr Sonne möchten, den Winter abschaffen oder gleich ganz den Tod als Grenze des Lebens und Übergang oder Nichtübergang. Das nenne ich unverschämt und frech, ist den Menschen untereinander aber offenbar vertraut und verständlich, denn solchen Beschwerden schließen sich manche an. Weise ist gar nichts am Wissen, es sei denn, es findet aus seiner eitlen und selbstgefälligen Beschränktheit heraus.

Sich täglich wundern

Rettungswege

Rette rette rette mich, schmachten die Liebes- und Winselschlager. Nichts gegen die Bedürftigen, ihr Bedürfen ist bekannt und anerkannt. Doch das Konzept der Rettung sieht nicht vor, daß jemand Ersehntes umstandslos und voraussetzungslos von außen ins Innen faßt und die vom Leben geschlagenen unsichtbaren Wunden heilt. Selbst wenn es sich so anfühlen mag. Es ist sogar gut und richtig, daß es sich so anfühlt. Dadurch kommt unrealistischer Schwung in die Sache. Leben als Illusion? Nein, nein. Leben kann keine Illusion sein, dazu macht es viel zu lange schon fröhlich und schmerzverkrümmt weiter. Wir hätten sie nur gern, die uns (alle) begünstigende Illusion. Sie wäre zu angenehm. Retten können nur wir uns selbst, gern With a Little Help from My Friends. Das sei konzediert.

Rettungswege

Nebelmonat

Er steht auf dem Dachgesims des Hotels und starrt nach unten in die reißende Tiefe. Letzte Bilder der Erinnerung flimmern auf und sind solche des Aufrufs. Geh den letzten Schritt. Er steht am Bahnsteig, eine Bahn fährt ein. Was hält ihn zurück. Muß man hundert werden. Wie gefährdet Menschen als Einzelne, Verlassene und Verlorene sind, schrillt mit der Nachricht ihres vorzeitigen Todes ein. Der Monat des Totengedenkens ist angebrochen. Es starben zu früh die Besten.

Nebelmonat

Menschenfurcht

Vorhin eine schöne fette Ratte gesehen. Auf dem Gehweg im Industriegebiet oder Gewerbegebiet lag was zu futtern. Es schmeckte auch der Taube, sie teilten sich die Mahlzeit. Die Ratte verschwand im Gebüsch hinterm Maschendrahtzaun, die Taube blieb, als ich den Freßplatz passierte. Ratten wissen, daß sie unpopulär sind, Tauben nicht.

Menschenfurcht

Kein Tingeltangel

Ich bin mit der sogenannten Ziellosigkeit komplett einverstanden. Der Weg ist mir jederzeit Ziel genug. Warum weitereilen, wenn es bereits schön ist, hell und warm? Ich nehme Zeit und Ort ernst, ich bin gern hier. Kosten wir den Augenblick aus, vergiften wir ihn nicht durch Pläne und Vorhaben, Absichten und Richtungen. Ich bin der, der bleibt. Sollte ich gegangen sein, war ich der, der gehen wollte. Müßte ich partout ein Ziel angeben, lautete es Anwesenheit.

Kein Tingeltangel