Eine eigenartige Tabustarre setzt ein, spreche ich mit Bekannten und Freunden über Themen der neueren Lebensgestaltung. Dazu zählen die Lieferdienste für dies und das, die notorische, weil angeblich günstigere Bestellung über das Internet, die Bezahlung der Supermarkt- oder anderer Geschäftsrechnung vor Ort via Karte, die Nutzung der sogenannten Künstlichen Intelligenz, den Preis für die technischen Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten. Ich bekomme zu hören, daß es ist, wie es ist. Als hätte ich das nicht bereits bemerkt. Tabustarre deshalb, da ich spüre, daß man darüber kaum sprechen, jedenfalls nicht nachdenken möchte. Man wiegelt ab, man nickt und hofft. Man hofft, daß sich demnächst ein bequemeres Thema ergeben wird. Die Welt ist voller Themen, da muß man nicht über solchen Scheiß reden. Ich sehe das ein. Es kommt sowieso, wie es kommt, und stets kommt es, wie es kommt, da solche Tabus errichtet sind. Woher die Angst, frage ich mich. Läßt sich doch locker über alles reden. Ich spüre einen Druck seitens meiner Gesprächsleute, die mich ängstigt. Was ist los? Ernsthaft gefragt. Zu jedem Vorteil gehört ein Nachteil, das lernt man doch bereits früh.
Allgemein
Der Züge Donner
Steht man am Bahnsteig, wartet auf einen Zug nach sonstwo, und ein Güterzug brettert durch, beginnt man vielleicht nicht zu verstehen, aber immerhin zu spüren, was los ist. Machtvolles Getöse, Gerappel, Geschepper. Die Gleise schreien vor Belastung, der Fahrtwind bläst einen zurück. Ich versuche, die einzelnen Waggons zu zählen, bei achtzehn gebe ich auf. Später dann im Zug meiner Wahl die distinguierten Menschen im Leisemodus ihres Privat- und Geschäftslebens. Das ist die andere Welt, die von jener der Lastzüge wenig weiß. Ich möchte beim Bild des donnernden Güterzugs bleiben, der an mir vorbeigerauscht ist. Was für eine Kraft, was für eine Gewalt. Sie reißt die Stille entzwei wie ein Fetzentuch.
Ab nach Amrum
Nachgereicht
Zur Not
Gedanke vor dem Spiegel, während ich Nachrichten sehe oder höre oder verstehe: irgendeinen Sinn wird es wohl haben, daß ich derzeit lebe und hier, vielleicht kann ich helfen.
Ich kann mich nicht noch ein weiteres Jahrzehnt deprimieren lassen
Fällt eigentlich noch jemandem auf, daß wir schon gar nicht mehr richtig leben, sondern fast schon tot sind. Daß wir die Luft anhalten, die Ohren verstopfen, nur noch in eine Richtung starren und die Erlösung in der Katastrophe heimlich ersehnen, muß ja mal Schluß sein. Wer oder was hat uns derart erschöpft, daß wir in der Gegend herumhängen und leblos auf die Geräte glotzen, daß dort endlich die Nachricht erscheint, auf die wir immer schon gewartet haben. Vielleicht geht es nur mir so, vielleicht fühlen sich die anderen noch intakt. Ich könnte sie fragen, doch würden sie antworten. Alternativlosigkeit führt in die Depression, und dabei interessiert mich das Politische am allerwenigsten. Unsere Schwierigkeiten sind kultureller Art. Kultur bedeutet: wie wir tun, was wir tun. Also – was tun wir hier und wie tun wir es? Worum soll es denn gehen in unser aller Leben, jeweils? Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben mich dermaßen totgespielt, daß ich mich jeden Morgen bejuble, wenn ich wieder auferstehe und aus den Federn finde und einen neuen Tag angehe mit der Naivität eines Neuankömmlings oder unverwüstlichen Optimisten. Das Leben muß doch mal beginnen.
Träume sind Räume
Träume fliegen ein wie seltene Vögel. Niemals kann ich wissen oder darf es, welcher Traum als nächster landet. Es sei denn, sie schlössen mich an eine Hirnmaschine, die es utopischerweise bereits geben wird, dystopisch ausgelegt oder nicht. Jedenfalls: Ich möchte nicht bestimmen, was dort geschieht, wohin meine Kontrolle nicht reicht. Dort ist ein unbestimmter Ort des erlebbaren Nichtbewußtseins. Es wird einen Grund haben, daß die Träume erlebt, aber selten erinnert werden. Es muß immer einen Ausgang geben, sonst wird jegliches Wissen totalitär.
Gedächtniszelle 8×8
Jemand berichtete, er habe Schach gespielt auf einem weißen Feld, auf dem weiße Figuren gegen die weißen Figuren des Gegners antreten. Man muß sich sehr gut merken, sagte er, wer wo steht. Bemerkt man es nicht, fügte er hinzu, spielt der Gegner mit deinen Figuren gegen dich.
Erinnerungen an früher, als ich Kind war, aber nicht mehr so sehr
Wir wollen jetzt schlafen gehen, sagte der Vater in den Zeiten seiner schwindenden Regentschaft.
Außerhalb des Labyrinths
Ich würde so gern liebevolle Portraits meiner Freunde und Bekannten zeichnen. Ich würde sie schamvoll verkleiden und diskret unkenntlich machen. Stattdessen habe ich beschlossen, alles auf mich zu nehmen. Ich bin der Spiegel, die Reflexzone, das Einschlaggebiet der Liebe, der Freundschaft, der Begegnungen und alles Möglichen und scheinbar Unmöglichen noch. Dieser Tage und Nächte komme ich mir ruhelos vor. Ich nenne das Poesie. Etwas ist im Busche, wie man einstmals sagte. Das schöne und wahrhaftige Leben (trenne niemals das eine von dem anderen) ist zurück. Darauf ein kühles und kühlendes Bier.