Haben, sein, können, wollen

Wir sind alle erschöpft. Das ist ein schöner Satz. Nach einem solchen Satz fällt es schwer, einen weiteren schönen Satz zu plazieren. Ich versuche es. Wir sind bedürftig. Es soll nicht länger gequält werden. Die Mächte möchten sich in ein Einvernehmen bringen. Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen, wir sind es leid. Wir sind nicht getrennt, also versuche man nicht neuerlich, uns zu zertrennen. Mitternacht durch, ich gehe schlafen, versuche es. Nicht die Leute wollen den Krieg, sondern die Mächte. Benennen wir sie.

Haben, sein, können, wollen

Das helle Café

Es war noch ein wenig kühl. Es gab ein Innen und ein Außen. Das Café verwandelt sich des Nachmittags zum Abend und wird Bar. Ein heller Ort, nirgendwo sonst sind wir so wie dort. Es wurde gefragt, ob es uns recht sei, wenn die großen Fenster geöffnet würden. Es war uns recht und verband außen und innen, so daß es seltsam war, die vor dem Fenster plötzlich ohne Fenster zu sehen. Das Bewußtsein ist langsam, es weiß meist als letztes, was geschieht. Den Bäumen geht es gut, dem Hund ging es sonderlich gut auf der Bank neben dem Freund. Hunde werden nicht alt, deshalb vielleicht zählt jeder Augenblick stärker. Der Hund hielt die Augen geschlossen. Es war ihm recht, wie alles ist.

Das helle Café

Schnäbel

Es ist gut, vom Rand her zu kommen, nicht dazugehört zu haben. Das schärft die Sinne und den Verstand. Zu wem würde man denn gezählt haben wollen. Mit welchen Milieus mag man sich denn eingelassen haben und für wie lange. Wohin strebt das soziale Begehren. Fragen dringen ins Herz der Ungewißheit und durchbohren den schwachen Panzer des Verschweigens. Man darf sich klären, sonst besorgt das die gnädige Zeit. Ein Lebensweg ergibt sich nicht von selbst. Entlang der Strecke hocken Geier im Dunkel hoher Bäume und Felsen. Geier sind mir lieber als Truthähne.

Schnäbel

Es müßte in uns selbst beginnen

Ich erhole mich vom Leben durchs Schreiben. Indem ich es sage, banne ich das Schlimme. Das Schöne und das Wahre feiere ich in Worten in immer neuen Anläufen, denn niemals ist das Leben alt. Ich werde nicht aufhören, mich darüber zu wundern: daß etwas ist (in solcher Fülle und Pracht) und nicht vielmehr nichts. Deshalb zürne ich den Menschen, die sich an der Pracht und Fülle des Lebens vergehen. Sicher vergehen sie sich auch an sich selbst. Siehe nur ihre armseligen Gärten und Gedanken. Sie machen alles klein und dumm. Das Viele ergibt unter ihrem fruchtlosen Bemühen keine Fülle, sondern bloße Zählbarkeit. Wie konnte es kommen, daß wir den Quantitativen die Herrschaft überließen? Wir leben in vollständiger Entgeisterung und haben es noch immer nicht genug bemerkt. Das Leben kann sich jederzeit erholen.

Es müßte in uns selbst beginnen

Nichts existiert nicht

Der Abend wir eingeläutet, ich träume in den Garten hinaus. Alles ist bewegt, das macht der Wind. Die Stimmen der Menschen klingen verändert zum Feierabend, sie klingen nach getaner Arbeit. Hier steht ein Fahrrad ohne Hinterrad. Hier sitzt ein Stoffbär auf der Fensterband und sinnt vor sich hin. Hier sitzt ein Mensch an einem Tisch und tippt auf die Tasten. Warum tut er das? Er möchte etwas sagen, er möchte sich verbinden, er sendet seine Worte ins große Nichts.

Nichts existiert nicht

Freitag nach dem Feiertag

Natürlich gibt es die Deutschen nicht. – Man kann solchen Satz unterschiedlich betonen. Ich möchte ihn heute so verstehen, daß es die Deutschen eigentlich nicht geben kann, sondern immer nur bestimmte Deutsche, die dann als ‚die Deutschen‘ wahrgenommen werden. Jeder weiß, wie problematisch es ist, den Mitgliedern großer Kollektive gemeinsame Merkmale zuzuschreiben; wir kennen auch die Rede vom sogenannten Nationalcharakter, ebenso die endlose Suche nach dem deutschen Wesen.

Es gab zahllose Versuche, sich ihm zu nähern. Spontan kommen mir Syberbergs Filme in den Sinn: Ludwig – Requiem für einen jungfräulichen König (1972); Karl May (1974); Hitler, ein Film aus Deutschland (1977-1980). Ich denke auch an den „deutschen Sonderweg“ in der Geschichte, wie er eine Zeitlang von Historikern thematisiert und problematisiert wurde. Als die Deutschen noch verteilt auf zwei Staaten lebten und die Trennung sie neurotisch machte, verging keine Woche ohne ein „Nachdenken über Deutschland“.

Wer also sind wir? Welche Eigenschaften schreibt man uns zu? Man greift in den Beutel und zieht Kapseln wie bei einer Lotterie, öffnet sie und entrollt beschriftete Papierstreifen, auf denen beispielsweise zu lesen ist:

Rechthaber. Klugscheißer. Besserwisser. Ordnungsfanatiker. Denunzianten. Richter und Henker. Gemütlichkeit. Romantik. Idealisten. Ingenieure. Handwerker. Zwanghaftigkeit. Perfektionisten. Homogenität. Provinzler. Speichellecker und Radfahrer. Untertane. Tollpatsche. Sturzkampfbomber. Endsiegspezialisten. Biertrinker. Grillmeister. Jagd- und Forstaufseher. Kindergärtner. Schulmeister. Weltverbesserer. Getrenntzahler. Vereinsmeier. Herrenmenschen. Neidhammel. Berührungsängste. Fanatiker. Kleingärtner. Krähwinkelei. Schwermütigkeit. Grübelei. Tiefschürfer. Selbstunsicherheit. Flucht nach vorn. Mustermänner.

Ach, die deutsche Angst. Angst in allen Ausprägungen, hinzu noch die Angst vor der Angst. Seit die Deutschen sich sensibel geben, ist noch mehr Angst dazu gekommen. Angst, etwas falsch zu machen. Deshalb sind die Deutschen die Richtigmacher, und aus ihrem Richtigmachen haben sie Regeln und Vorschriften deduziert, mit denen sie die eigenen Leute und die fremden Leute pädagogisieren. Deutschland ist Richtigland und muß es bleiben, denn einst war es Falschland. Das soll es nie wieder werden. Daß es eine Dialektik gibt, nach der das Richtige ins Falsche umschlagen kann, scheint derzeit wenigen bewußt zu sein. Endlich sind Freund und Feind im Bürgerkrieg kaum mehr zu unterscheiden. Methodische Angleichung und Annäherung im gemeinsamen Werk: dem der Zerstörung.

Gestern war Feiertag. Heute ist der Tag danach. Die Sonne scheint. Die Deutschen sind mir egal, ich habe mit denen zu tun, die ich mag. Stoße ich auf welche, die ich nicht so mag, versuche ich sie mir schön zu machen. Dies geschieht, indem ich sie behandle, wie ich behandelt werden möchte: freundlich, zugewandt, hilfsbereit. Sind sie ganz schlimm, erprobe ich die positive Neutralität. Ich gönne den Schlimmen keinen Haß, selbst wenn es in mir tobt. Beim Schreiben darf es anders sein, da mag ich die Schärfe, hin und wieder. Wohl fühle ich mich anschließend nie, eher beklommen. Als hätte ich zuviel preisgegeben, als müßte ich mich meiner Leidenschaft schämen. Das wiederum ist vermutlich sehr deutsch.

Freitag nach dem Feiertag

Feiertag

Achter Mai, und sie befummeln hier den Tag, an dem aufgehört werden sollte, im Krieg zu sterben. Im Pazifik waren sie noch nicht damit fertig, da dauerte es bis August. Achter Mai, und der Irrsinn hatte wenigstens hier ein Ende, jedenfalls vor achtzig Jahren. Gott, die Deutschen. Wäre ich nicht selbst einer, ich würde Sachen sagen … Wenigstens dies: Wenn die Deutschen eine Idee haben – geht in Deckung. Nicht sie haben eine Idee, sondern eine Idee hat sie. Auf der laufen sie bis ans Ende der Welt und notfalls weiter in die Wolken. Die halten durch, die Deutschen, die können das. Warnungen schlagen sie in den Wind, Vorsicht ist Defaitismus. Wenn Deutsche recht haben, sind sie im Recht. Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ist nirgendwo so ausgeprägt wie hier, möchte ich behaupten. Außer vielleicht in den USA. Ich bin durch die deutschen Erziehungsanstalten gegangen, die haben was gemacht. Ich habe erst vor kurzem erlebt, was sie hier veranstalten, wenn sie im Besitz der einzigen Wahrheit sind. Deshalb sage ich – geht in Deckung. Soeben höre ich, die Deutschen möchten wieder eine Führungsrolle in Europa spielen. Sagt der neue Kanzler. Ich höre bereits den Applaus aus Polen, aus den Niederlanden, aus Frankreich. Und die Russen? Ja, über die muß ich auch einmal schreiben. Einstweilen möchten die Deutschen sie erziehen. Das wird was werden, das gelingt ja schon so außerordentlich gut.

Feiertag

Wenn die Sache klar wird

Als ich richtig anfing mit allem – mit leben, fühlen, denken, sprechen, lesen, schreiben -, da waren mir diejenigen gerade recht, die wie unverrückbare Monumente der Strömung im Wege standen, und ich war Mitte zwanzig, fraß die Gedichte von Robinson Jeffers und verschluckte mich daran. Ich hatte nichts dagegen, daß Denken gefährlich ist, und habe nichts dagegen, daß das Leben gefährlich ist, wenn es sich hinauswagt über die anerkannten und abgesteckten Grenzen und dort draußen durchschlägt, sonstwie-sonstwo, bebenden Herzens und hoffenden Sinns. Manchmal muß man ins Freie, um atmen zu können. In der Stickigkeit flackern die Seelenflämmchen am Docht ihrer knapper werdenden Reserven.

Wenn die Sache klar wird