Der Himmel ist wie blankgeputzt, Sonnenlicht durchflutet das Zimmer und zeichnet scharfe Schattenlinien. Ein Spatz kühlt sich den Bauch in der Wasserschale. Ich trete auf den Balkon, eine Taube flieht aus dem Haselnußstrauch. Das fettige Klatschen ihrer Flügel. Die Blätter des Strauchs färben sich jetzt erst grün. Es ist ein Leben in der Welt, daß sich staunen läßt. Gibt der Tod jetzt endlich mal Ruhe? Als ich heute früh das Tagebuch aufschlug, hätte ich fast geschrieben: Dienstag, 6. Mai ’45. In zwei Tagen ist der Krieg vorüber. (Der 6. Mai vor achtzig Jahren war ein Sonntag.) Das Leben lebt sich durch mich und drückt sich entsprechend aus, notierte ich noch. Also wird doch jeder gebraucht. Leben heißt Freude empfinden.
Allgemein
Nehmen und geben
Nachts kommen die Dämonen. Sie sind nicht die Geister des Geistersehers, sondern die Botschafter des Verdrängten. Das Verdrängte ist das Abgewürgte, das zum zweitenmal ermordete Leben. Die Folgen solcher Taten rotieren in uns, das geht über die Familie hinaus. Und was heißt schon Familie? Nach ein paar Generationen hat man viele, eine kleine Menschheit, im Schlepptau. Ich selbst wollte mich der Ahnen lange und mit Bedacht entkoppeln. Mir war ganz und gar und sehr vital nach mir selbst zumute, ich wollte ungestört sein. Mir ist, als gefiele dies den Geistern. Sie respektieren mich – ich sie.
Die Straße entlang
Zufall ist ein sprechendes Wort
Daß ich nirgendwohin gehöre, insofern frei bin, ist ein persönliches Spektakel. Keinesfalls ein Debakel, vielmehr beabsichtigt. Die Hemmnisse, die das Leben in den Weg wirft, sind Teil des Parcours. Wir wurden nicht vorgewarnt. Wenn man nicht mehr gehört, sollte man reisen. Andernorts werden neue Botschaften sein. Ich begreife das Leben eher schicksalhaft. Die Begegnung ist von Belang, ihre Bedeutung einstweilen unklar. Noch hält es mich hier, als sei Entscheidendes ungeklärt. Ich übe mich in der Kunst der lateralen Drift. Der Begriff stammt von Robert Pirsig und beschreibt eine Aufmerksamkeit in der Bewegung, die sich keinem Ziel zuwendet, da sie keines hat. Daher Aufmerksamkeit den Rändern zu, dem Zufälligen vielleicht.
Uns hört man nicht zu
Nachts trauen sich die Themen aus der Gruft des Schweigens. Sie sind willkommen. Wohin sonst könnten sie, der ich nichts von ihnen will. Es hat geregnet, die Luft ist rein. Ich sollte schlafen, doch ich schlafe nicht. Die Themen – das sind Stimmen. Ob ich sie nicht sagen könnte, fragen sie.
Leidenslanges Lernen
Die Zeit heilt alle Wunden. Auch das wurde gesagt. Da ich aber jung war, als es gesagt wurde, konnte ich das nicht glauben. Man kann nur annehmen, wofür man bereit ist. Ist man nicht bereit, geht man leer aus. So geht es zu im berühmt-berüchtigten Lauf der Zeit. Daß man sich jeweils für schlau und ausgebufft hält, gehört zur Selbstinszenierung menschlichen Lebens in der Natur. Ist man jung, will man tapfer sein und sich den Schrecknissen stellen. Ist man nicht mehr jung, sucht man sich seine Gegner aus. Sie lauern meist in der eigenen Brust. Ich wiederhole mir oder etwas wiederholt Problemkonstellationen, die das Leben stellt. Ich will sagen: ich mache mit, da ich muß. Sie werden gleichsam zugestellt. Es ist zum Haareraufen. Mit der nervenden Regelmäßigkeit einer Sirene oder einer dämonischen Hilfskraft werden Lebensthemen angeläutet und aufgetischt – auf daß ich sie diesmal verzehre und verstehe und die Lektion nicht ein weiteres Mal zu absolvieren habe. Gebet. Ich lache nun schon fast, wenn ich erneut in einer jener Klemmen stecke und neuerlich nach Luft schnappe. Papillonmäßig, falls man Buch oder Film kennt. Lernen kann gräßlich sein.
Der fatale Übergang
Die Geräusche im Ohr sind wieder fort. Der Körper gibt stets die Signale, daß etwas ist. Ich lebe in einer gewissen Anspannung, manchmal erwarte ich das Schlimmste. Politisch gehen die Dinge schief, doch dazu scheint Politik da zu sein. Sie bringt mich um mich selbst, wenn ich nicht aufpasse. Übergib keines der dir wichtigen Themen der Politik, dann kannst du sonstwas erleben. Der fatale Übergang. Ich wurde dazu gebracht (dazu hat man Freunde), in ein kleines und anmutiges Kino zu gehen und einen Film anzuschauen (ich habe zugestimmt und war voll banger Erwartung), der sich dem Stierkampf widmet: Albert Serras Tardes de Soledad (Nachmittage der Einsamkeit) über den jungen Matador Andrés Roca Rey.
Aus dem Zusammenhang 353
- Das Median-Gehalt von CEOs weltweit ist zwischen 2019 und 2024 um 50 Prozent gestiegen, während die Durchschnittslöhne von Arbeitnehmer*innen um nur 0,9 Prozent zulegten. CEOs verdienten 2024 ein Median-Gehalt von 4,3 Millionen US-Dollar.
- In einer Analyse von 56 der umsatzstärksten deutschen Unternehmen lag das Median-Gehalt von CEOs 2024 bei rund 4,4 Millionen Euro, was einem Anstieg von 21 Prozent gegenüber 2019 entspricht. Im selben Zeitraum stiegen die Reallöhne von Arbeitnehmer*innen in Deutschland um nur 0,7 Prozent. Damit wuchsen die Gehälter der Manager*innen 30 Mal stärker.
Oxfam Deutschland, Pressemitteilung vom 30.4.2025
Die Automaten sind erschöpft
Unter Handwerkern des Todes
Es gibt ein Todeswächtertum, welches das menschliche Leben zu beherrschen trachtet. Ihm gilt meine Aufmerksamkeit. Es möchte kontrollieren, regulieren, reduzieren.
Dieses Wächtertum handelt von unsäglicher Angst. Die Angst ist der vielköpfige Drache, Angst ist das frivol umtanzte Monster. Ihm werden kostspielige Opfer dargebracht.