Lehre und Leere

Manchmal schon, ich greife ständig vor, ein Gefühl von: Ich bin ja noch da, keine Sorge, fragt nur nach. Als sei ich demnächst woanders, als wäre es so weit. Noch nicht der Tod, sondern ein anderes Verschwinden. Ich habe keine Ahnung, was genau geschehen wird. Ich habe nicht einmal eine Ahnung des Ungefähren. Was also meine ich zu spüren, außer vielleicht Erschöpfung? Ich weiß es nicht. Doch ich weiß, daß ich mich an Deutschland und seinen Gesellen abgekämpft habe. Ich möchte nichts mehr sagen zu irgendeiner jeweils aktuellen Bundesregierung. Die Schwierigkeiten sind vielfältig und groß, der Geist wird wachsen dürfen. Es hilft nicht, daß ich den Kopf schüttele. Man soll sie scheitern lassen, hat man mir gesagt. Gewiß werden sie das.

Lehre und Leere

Das Geräusch der Blätter und Gräser im Wind

In den Hof gerannt, zum Himmel emporgeblickt – schon sind sie da. Mauersegler. Ihre hohen Rufe, als schleife man Metall. Die Mittagswärme steht im Asphaltgarten, ein leiser Wind streicht ein. Hängematten-Idylle. Zeit für Hundert Jahre Einsamkeit, hätte ich es nicht bereits gelesen. Zeit für ein Buch, in dem man sich verliert. Endlich sind Garten, Buch und Mensch eines, und die Tiervölker und Pflanzenfamilien noch dazu, alles Teile eines Ganzen unter einem fast schon wolkenlosen Himmel. Zuverlässig schlägt das Herz im Takt des Lebens, der Brustkorb hebt und senkt sich. Wasser trinken, glücklich sein.

Das Geräusch der Blätter und Gräser im Wind

Grabsprüche

Müßte ich eine kleine und bescheidene Rede halten an die derzeit Mächtigen dieser Hemisphäre (Ost und West), begänne sie mit den Worten: Nun haltet doch endlich mal ein. Ihr seid fürchterlich. Zweitens langweilt ihr. Niemand ist begeistert, wir sind entgeistert. Ihr seid die Leute, denen wir später ein Denkmal setzen für entsetzliche Vorhersehbarkeit.

Grabsprüche

Willi

Ich will, daß du nicht willst. Du willst, daß ich will. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich bin kein Freund der Willensphilosophie. Mögen sonstwelche Leute sonstwas wollen, ich werde mich nicht danach richten. Dein Wille sei mir Befehl. Nein, nicht einmal als Wunsch. Wir kriechen nicht umeinander oder voreinander herum. Vor mir möge sich niemand erniedrigen. Ich möchte nicht, daß man mir nach dem Munde spricht. Ich werde vor nichts und niemandem auf die Knie gehen. Schlüge man mir in die Kniekehlen und ich sänke zu Boden, dann wäre das kein Kniefall, sondern Mißhandlung. Wir wissen nicht, wohin die großen Dinge geraten. Aber wenn sie mit Furcht kommen und auf Angst setzen, dürfen wir uns menschlicher verbinden als zuvor. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.

Willi

Beim Leben in die Lehre gehen

Im wirklichen Leben sucht man sich seine Lehrer aus. Manchmal dauert es eine Ewigkeit, bis jemand gefunden ist, zu dem man paßt. Bis dahin schlägt man sich durch, lernt auf eigene Gefahr und schafft sich Regeln und Gesetze. Wie zusammengestoppelt sie auch sein mögen, man kommt damit schon ein Stück voran. In der Schule sind einem die Lehrer vorgesetzt, man braucht also Glück – wie bei einer Lotterie. Auf lange Sicht würde ich unterstellen, daß wir denen begegnen, die wir brauchen. Das gilt in beide Richtungen, also auch für den Lehrer oder Meister. Lernen kann ein hohes Vergnügen sein. Ich denke an einige meiner Schullehrer mit einer gewissen zärtlichen Rührung. Sie meinten es gut und konnten geben. Andere standen vor uns und ließen mich kalt. Wenn sie fachlich was konnten, waren sie erträglich. Ich war jedoch niemals gern einer von dreißig. Gruppen machen einen dumm, man muß sehr aufpassen. Ich wollte nach der Schule beim Leben in die Lehre gehen, doch dann geriet ich an die Universität. Das hat mir mehr geschadet als genutzt. Ich brauchte Jahre, um wieder sprechen zu lernen.

Beim Leben in die Lehre gehen

Also schweigen wir

Ach, ich möchte deutlicher werden. Es kotzt mir aus der Seele. Die vergangenen Jahre sind mir deutlich wie eine Alptraumzeichnung stupider Machart, eine Quälerei der Sinne, eine Vergewaltigung der Vernunft. Es kommen nur Töne aus mir, fragt mal jemand nach. Der Körper bebt noch immer. Es fragt niemand nach. Die, die fragen könnten, sind froh, daß es vorbei ist. Es ist eine Angelegenheit, die tabu gesetzt worden ist. Nicht darüber zu sprechen bestätigt und festigt das Tabu.

Also schweigen wir

Der lange Weg zurück, ohne daß es ein Zurück geben kann

Ich möchte meine Freunde stärker ehren. Mir ist, als wäre ich gelähmt gewesen und hätte nicht zeigen könne, wie sehr ich. Schubweise lösen sich meine Beklemmungen, doch ich stecke teilweise leider weiter fest. In Anläufen und immer neuen Heimsuchungen kehrt die schlimme Zeit zurück, als sie mich hier aussonderten und einer G-Klasse zuordneten, die minderwertig war. Mir blieben folgende Zugänge: Ich durfte arbeiten und zur Arbeit fahren und im Supermarkt einkaufen. Mehr nicht. Das war’s. Um zur Arbeit fahren zu dürfen, benötigte ich tagtäglich einen Test. Ich ging zum Reisebüro, das zur Teststation erhoben war, ließ mir mit Stäbchen in der Nase bohren, daß mir Tränen aus den Augen schossen, ging eine Runde um den Block, meist in Richtung Tempelhofer Feld (Himmel, Erde, Wolken), kehrte zurück und bekam von der Teststation den Befund, daß ich zur Arbeit fahren dürfe. Das Testergebnis legte ich pflichtgemäß meinem Arbeitgeber vor, so daß ich eintreten und arbeiten durfte. Dort arbeitete ich hinter einer Plexiglasscheibe, die als Spritzschutz deklariert war. Ich war Zeuge, wie ein Kollege auf offener Straße einen Test machen mußte, sonst hätten sie ihn nicht hereingelassen. Was ist los? fragte ich ihn. Er sagte: Die haben einen Schuß. Kleiner Sprung: Ich erinnere mich auch des Gesprächs (vor drei Monaten), als ich mit einer Engagierten politisch über Aussonderung sprach, und sie nicht verstehen konnte, daß ich aus einer solchen Erfahrung komme und spreche. Mir wäre es lieb, wenn man mich nicht nur hörte, sondern verstünde.

Der lange Weg zurück, ohne daß es ein Zurück geben kann