Früher saß ich im Garten und habe geschrieben. Es gab da einen Platz unter einem Baum. Dann haben sie den Baum gefällt, und dann war da im Sommer kein Schatten mehr und also auch kein Platz für mich. Eines Sommers waren alle Pflanzen dort draußen vernichtet, das hatte eine Arbeitskolonne verrichtet innerhalb von nur zwei Stunden. Das geschah während einer dieser heißen Sommer. Nur die Rosensträucher ließen sie stehen, die hatten Geltung, ansonsten war alles braun und verbrannt. In jenem Sommer mußte ich die Vorhänge mit Wasser einsprühen, so heiß wurde es ohne die schattenspendenden Bäume und Sträucher. Man soll den kleinen Hinterhofgarten in Frieden lassen. Jetzt wächst dort wieder was, ich finde Schatten und traue mich hinaus. Alle sagen, es wird ein heißer Sommer. Man könnte die Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner schreiben.
Allgemein
Weiterrobben
Endlich, nach Tagen, kommt der Kopf mal frei, so daß es sich anfühlt, als könne gedacht werden. Was ist denn los. Dies nicht als Frage, sondern als Klage. Wohin sich wenden, was ist zu tun? Schon denkt der Kopf sich seine Richtungen aus und assistiert dem Leben, das sich in meinem Körper aufzuhalten scheint, allerdings nicht dort allein. Ich stelle mir soeben vor, daß ich nichts mehr kann und brachliege. Die Kerze flackert, die Koinzidenz ist unheimlich. Tiefnachts nun, Zeit zu schlafen, zu träumen, aufzuräumen. Es ist gut, bei sich zu sein.
Das Gegenwärtige
Allein die Absicht verstimmt … Ein alter Merksatz der Selbstbehauptung aus dem Tagebuch. Man kommt von selbst darauf, wenn man lebt. Er handelt von Unschuld und ihrem Gegenteil. Spiele machen keinen Spaß, wenn das Ergebnis bereits festgelegt ist. Das Passende und Angemessene soll sich aus der Gegenwart und dem lebendigen Augenblick ergeben, nicht vorgeplant, eingeplant oder manipuliert sein. Kontrolle spricht von Angst, Vertrauen spricht vom Gewährenlassen, nämlich jenem des leuchtenden Augenblicks. Soll das persönliche Leben von Angst oder von Vertrauen geführt sein. Es ist vielleicht nicht frevelhaft, Absichten zu verfolgen. Vielleicht decken sie sich mit denen des Gegenüber. Besser vielleicht sogar nicht. Man weiß nie, sagt der Volksmund. Ohne Absichten zu sein ist edel.
Klingt fast wie ein Satz aus dem I Ging. Doch beim I Ging handelt es sich um nichts Geringeres als „Das Buch der Wandlungen“, ein jahrtausendealtes Monument der chinesischen Welt- und Lebensweisheit. Ich habe mir daraus unten zu zitieren gestattet, übrigens aus durchaus unzuverlässigen Übertragungen. Die hierzulande bekannteste und offenbar noch immer stimmige stammt von dem Sinologen Richard Wilhelm (1873-1930). Das Buch der Wandlungen ist durchaus kein Orakel, auch wenn manche es so benutzen mögen.
Aus dem Zusammenhang 352
„Wenn demgemäß [oben das Zeichen des Himmels, unten die Bewegung] die Bewegung dem Gesetz des Himmels folgt, dann ist der Mensch unschuldig und ohne Falsch. Das ist das Echte, Natürliche, das durch keine Überlegungen und Hintergedanken getrübt ist. Wo man die Absicht merkt, da ist die Wahrheit und Unschuld der Natur verloren. Natur ohne die Direktive des Geistes ist nicht wahre Natur, sondern degenerierte Natur. Von dem Gedanken des Natürlichen aus geht die Gedankenbildung teilweise noch weiter, und so umfaßt das Zeichen auch noch den Gedanken des Unbeabsichtigten, Unerwarteten.“
I Ging, 25. Wu Wang / Die Unschuld (Das Unerwartete)
Aus dem Zusammenhang 351
„Die innere Erschütterung raubt einem die Besinnung und Klarheit des Blicks, wenn sie aufs höchste gestiegen ist. In einer solchen Erschütterung ist es natürlich nicht möglich, besonnen zu handeln. Da ist es das Richtige, sich stillzuhalten, bis die Ruhe und Klarheit sich wiedergefunden hat. Dazu ist man aber nur imstande, solange man selbst noch nicht von der Aufregung angesteckt ist, während man an der Umgebung schon die unheilvollen Wirkungen einer solchen Erregung beobachten kann. Zieht man sich nun rechtzeitig von der Handlung zurück, so bleibt man frei von Fehlern und Schaden. Aber die Genossen in ihrer Erregung, die sich nicht mehr warnen lassen, werden mit einem unzufrieden sein. Allein darauf darf man keine Rücksicht nehmen.“
I Ging, 51. Dschen / Das Erregende, der Donner
Bewußtseinsstörungen
Unruhe im Kopf, Unruhe im Herzen. Die Nacht liegt ausgebreitet, und auch morgen wird es warm, denn die Sonne hört nicht auf zu wärmen. Dort draußen mag das Leben sein und soll es auch. Thomas Shelby hat soeben seine Diagnose bekommen, die Peaky Blinders sterben weg. Ich sehe ihnen ein zweites Mal beim Sterben zu, beim ersten Mal war ich zu befangen. Da redeten sie hier permanent von Krankheit und Tod, da lenkten sie mich ab. Der Arzt als Bote der Todesnachricht. Wieviel noch? Ein Jahr, bestenfalls achtzehn Monate. Schnell noch ein paar Feinde ausschalten. Danach werden Sie viele liebe Leute brauchen, die bei Ihnen sind. Die Krankheit wächst und beansprucht bald schon alles, was Sie haben.
Morphematisch
Aprilende läßt sich schwer lesen, man muß zweimal hinschauen. April-Ende wäre besser, doch jetzt lasse ich die Sache, wie sie angerichtet ist. Im Berliner Fenster, dem etwas großspurig ‚U-Bahn-Fernsehen‘ genannten Bildschirmmenü während der Fahrten mit den Berliner Verkehrsbetrieben in Untergrund- und Hochbahn, las ich soeben das Kompositum ‚Fotoupload‘, Werbung für ein Mitmachprogramm, digital. Fotoupload ist schlimmer als Aprilende. Dieses läßt an die Lende einer Aprikose denken oder an Leute, die im April endlich tun, was sie schon immer tun wollten; jenes an sonstwas. Ubahnfernsehen sieht übel aus. Bindestrich ist ein solider Bursche. „Fuckin‘ german language“, sagte die Britin, als sie im Kindl-Boulevard (Neukölln) im Vorbeigehen ihre Freunde auf ‚Rechtsanwaltskanzlei‘ aufmerksam machte. „Look at that!“ (Wir kommen sogar mit Oberweserdampfschiffahrt zurecht, das macht die jahrelange Übung oder Blickdressur.)
Aprilende
Aprilende, und der Hubschrauber knattert über der Stadt, vollführt am unschuldigen Himmel Figuren zum Auftakt des alljährlichen Erster-Mai-Zirkus‘. „Talkin‘ bout a revolution“, sang Tracy Chapman 1988. Die Zeiten ändern sich, achselzucken die Leute, während an ihnen etwas geschieht, das zu besehen und zu benennen wäre. Veränderung ist ein neutrales Wort, anders als Verschleiß. Der Unterschied zwischen Gebrauch, Verbrauch und Mißbrauch. Werden wir gut regiert? Gott liegt in der Badewanne und plätschert mit Händen und Füßen. Hier gurgelt es im Abflußrohr. Der Hubschrauber sucht weiter von oben die Straßen ab und schlägt dabei in die Luft. Herrschaft durch Kontrolle, ein Versuch.
Die Sache namens Leben
Da ich dem Leben nicht gewachsen war, wollte ich es moralisieren. Zuvor zerstückelte ich es in Bereiche und heftete den Bezirken Namen an, die Begriffe hießen. So gedachte ich, der quälenden Sache Herr zu werden. Auch gefiel es mir, vermittels einer Theorie mich von oben über die Dinge herzumachen. Das versprach Erkenntnis ohne die Mühsal von Erfahrung. An ihr fehlte es, denn was ich erlebt hatte, verdichtete sich noch nicht zu etwas, mit dem sich arbeiten ließ. Entsprechend aufgeblasen führte ich mich in Gesprächen und Diskussionen auf, wortgewandt und wichtigtuerisch. So fängt man an als junger Erwachsener, als Debütant, als eine Art Versuch oder Entwurf intellektueller Existenz. Mit der Zeit, wenn man sich läßt und dem Körper folgt und den Sinnen, versöhnen sich Intellektualität und Existentialität, man bekommt eine eigene kleine Lebensgeschichte, und endlich wird man vorsichtiger mit den Worten und betrachtet Theorien mit der gebührenden Skepsis. Theorien sind Verallgemeinerungen, sie entwachsen der Lebenspraxis. Zurück zur ersten Aussage dieses kleinen Textes: moralisieren bedeutet „verabscheulichen“, nämlich Schwerverständliches, Unverstandenes oder Unbeherrschbares vorschnell abzufertigen, statt sich einer Mühe zu unterziehen und es ergründen zu lernen. Wer moralisiert, möchte nichts mehr von der Sache wissen. Moral moralisiert nicht. Das Leben ist bunt und vielfältig, wir sagen das oft und verstehen es wenig. Dem Leben gewachsen sein … Nun, ich mag es wieder und wieder versuchen. Zuletzt werde ich scheitern, das ist gewiß.
Tiere und Dinge
Manchmal Visionen von Tieren, die mich anfallen. Grundlos, wie mir scheint. Für mich Hinweis, daß ich zuweilen in ein überspanntes Verhältnis zu mir selbst gerate. Aus der Selbstbefangenheit hinaustreten ins Freie und gut atmen. Sieh nur, was es gibt! Doch hier in der großen Stadt wirkt die Welt vollgestellt und reif für die Entrümpelung, nur daß niemand weiß, wo anzufangen wäre. Weniger Fahrzeuge täten gut. Manchmal Visionen, daß die Gegenstände auf mich zukommen, als wollten sie zerquetschen oder sich mir auflasten. Wie wohltuend können leere Räume sein. Bereits das Wort bereitet Unbehagen -: Gegen-Stand. Ich laufe jetzt mal los und schaue mir an, was sie dort draußen treiben.