Autor: Holger Tegtmeyer
Tankstelle bei Nacht
Was ich mich frage, angesichts meiner vielen Freunde, ist, ob sie mich auch ein zweites Mal opfern würden für die gute Sache.
Wir kennen das bestens
Eines jeden Leben ist ein persönliches Werk. Es erzählerisch in den Blick zu nehmen war dem 19. Jahrhundert aufgetragen, in schmerzvoller Verzerrung und Verkrümmung dem 20. Seitdem warten wir, was zu tun sein könnte. Schriebe ich RETTET DEN MENSCHEN an eine Hauswand, wüßte niemand so recht damit etwas anzufangen, vielleicht dächte man an die sogenannte Künstliche Intelligenz. Als mir um die letzte Jahrhundertwende klar wurde, daß wir zivilisatorisch an der „Abschaffung des Menschen“ arbeiten, wußte ich nicht, daß es eine Schrift aus den vierziger Jahren gibt, die solchen Titel trägt: The Abolition of Man von C. S. Lewis. Meine Überlegungen jedoch gingen und gehen dahin, daß der Mensch dadurch in Gefahr ist, daß wir ihn objektivieren, reduzieren und funktionalisieren. Ein Mensch wird zum Ding, zur Sache, zur statistischen Größe: ausgeliefert zu bloßem Nutzen. Er wird, um seinen Nutzwert zu bestimmen, in einen Vergleichsmaßstab (benchmark) gezwungen, der genau betrachtet seiner Kreuzigung gleichkommt. Millionen weltweit singen das schaurige Lied ihrer inhaltsleeren Aufopferung für einen Zahlenwert. Man blicke in die Anstalten der sogenannten Bildungssysteme und spreche mit den Betroffenen. Sie sind Insassen, selbst wenn sie das Sagen zu haben meinen.
Malträtiert
Grausame Welt. Ob ich eines Tages heimisch in ihr sein werde, ohne Furcht und Schrecken. (Da traut sich nicht einmal das Fragezeichen aus dem Versteck.)
Nachtflug
Vielleicht sind wir hier gemeinsam miteinander im Lauf der letzten Jahre verrückt geworden und können uns nun gegenseitig unsere schönsten Verrücktheiten präsentieren, stolz wie Amputierte oder Kriegsversehrte, die immerhin darin wetteifern, wer den schwersten Schaden und die tiefste Verletzung erlitten hat, ganz nach Maßgabe älterer Bücher und Berichte aus den Straßen und dem Untergrund der Metropolen. Ich denke an Antoine de Saint-Exupérys Citadelle (deutsch: Die Stadt in der Wüste). Jenseits der Flüsse und Ozeane setzen die Verrücktheiten sich fort, man müßte weltweit Trophäen verteilen. Hierzulande wollen sie kriegstüchtig sein oder werden, es ist zum Schießen.
Zwischenstandsangabe Ende März
Daß wir nicht tot sind, heißt fast schon leben. Ich belle hier herum wir ein kleiner Hund, der nicht schlafen kann. Irgendwas stört ihn, irgendwas hat er vernommen. Die Nächte sind kühl, tagsüber weht der Wind, es hat auch geregnet. Ich lief herum und wärmte mich durchs Gehen, weniger als Hund, eher wohl als Mensch. Die Wohnung ist klamm, der Ofen zieht nicht. Andere haben Probleme mit der Zentralheizung, warten auf den Handwerker. Bauernweisheiten weissagen einen trockenen Sommer. Ich habe jetzt bereits genug von der Zukunft, kapriziere mich auf jeden einzelnen Augenblick meines Lebens. Ich ahne, daß wir geliefert sind. Zugeben würde ich es nicht. Mir wäre auch, als hätte man die längst überfälligen Wunder nicht einbedacht.
Watt
Da die Zeiten sind, wie sie sind, benehme ich mich danach oder tue es nicht. Ich spreche darüber, wie ich die Verhältnisse wahrnehme. Wer widerspricht, ist mir lieb. Ich möchte nicht rechthaben, denn vom Rechthaben sind wir schon ganz wirr im Kopf. Mögen die Wellen tanzen, sollen die Wolken ziehen. Ich kann noch immer nicht die Flugformationen von Kranichen und Wildgänsen unterscheiden. Man sagt, ich solle auf die Schreie hören. Das tue ich. Dies hier sind auch nur Schreie, kleine Schreie aus dem Innern eines Lebens, das sich zu wehren trachtet. Gegen wen oder was? Ach du Scheiße, selbst das müßte erklärt werden. Ich putze die Kaffeemaschine, heute kommt keiner mehr.
Teerpappe
Die Leute sind derart müde und kaputt, die schlafen im Gehen ein. Auch die Politik spielt sie tot. Kaum noch Hoffnung auf irgendwas. Die Verhältnisse sind das Ergebnis von sonstwas. Die Leute sollen dies, die Leute sollen das. Davon, daß sie dauernd wollen sollen, sind sie so müde. Wir sind ausgekitzelt, schrieb ich in den Nullern. Doch sie hören nicht auf, uns zu kitzeln. Damals lachten wir uns noch tot, jetzt sind wir sonstwo, jedenfalls jenseits des Grabs und der Gebete. Die Herrschaften werden immer nur noch frecher. Ich besichtige die politischen Seiten der Magazine und Zeitungen wie Ruinenlandschaften. Was ist mit der Sprache geschehen? Wohin ist die Freiheit entwichen? Gibt es Herrschaftskritik? Interessiert sich jemand für die Umverteilung des Volksvermögens und der Werte? Ist noch wer am Leben?
Wie Marionetten des Lebens und ohne Protest
Mir jedenfalls nicht
Allmählich löst sich manches. Die Kruste springt auf. Mit den Leuten ist zu reden. Es gibt viel zu besprechen. Erste Entdeckung, wie überraschend, niemand ist böse. Wozu auch sollte jemand böse sein? Gemeinsamkeit ist denkbar, zuvor der Austausch der unterschiedlichen Denk- und Sichtweisen. Wichtiger noch: ein grundlegendes Verständnis dessen, daß wir jeweils aus unterschiedlichen Lebenserfahrungen kommen und deshalb jeweils auch unterschiedlich reagieren und agieren. Mit solchen Selbstverständlichkeiten bereits bekommen wir ein lädiertes Gemeinwesen repariert, nacheinander an vielen Stellen. Große Politik reitet und ritt über uns hinweg wie ein Mißverhältnis, deshalb ducken und duckten wir uns so. Das tut uns nicht gut.