Die Sommerferien sind zum Greifen nah – wie Kirschen von der Leiter aus, die in den Baum gestellt ist. Ein gutes Kirschenjahr, die Äste hängen voll. Saisonobst. Erdbeerzeit. Stachelbeerzeit. Windige Tage nun, kühl die Nächte, etwas Regen. Die große Hitze marschierte beiläufig durch, bescherte schlafarme Nächte. Wann war das doch gleich? Ja, vor eineinhalb Wochen. Seitdem Mischwetter mit Wolkenhimmeln und schnellem Luftmassenaustausch. Letzter Schultag für Brandenburg und Berlin, für Schüler und Lehrer, für Kinder und Erwachsene. Zeugnisrituale und Initiationen. Als ich heute Tom Sawyer kaufte, nicht ihn, sondern das Buch, nahm ich Guy Debord gleich mit – Die Gesellschaft des Spektakels (1967). In der Vorrede von 1992 schreibt er: „Ich bin nicht jemand, der sich korrigiert.“ Zwei Jahre später korrigierte er, indem er sich das Leben nahm. Ich erkenne Anklänge an Carl Einstein, Die Fabrikation der Fiktionen. Eine Verteidigung des Wirklichen (1933/34, ed. 1979), und weiß nun, durch wen Jean Baudrillard sich inspirieren ließ. (Adorno ist ebenfalls nicht weit.) In welcher Zeit also leben wir, wer führt sie uns vor, was spielen wir ab, wenn wir von leben sprechen?
Autor: Holger Tegtmeyer
Alles untertunneln
In den USA spielen sie weiter Fußball. Weltmeisterschaft. In einer halben Stunde treten die US-Boys, wie sie auch hierzuland genannt werden, im Achtelfinale gegen Belgien in die Arena. Ihr rotgesperrter Angriffsspieler darf dank einer Sondererlaubnis des Weltfußballverbandes nach Intervention des amerikanischen Präsidenten mitspielen, das hat für Wirbel gesorgt. Daß Politik und Sport nicht getrennt sind, weiß man schon. Daß aber derart schamlos ins Regelsystem eines laufenden Sportwettbewerbs eingegriffen wird, schlägt dem Faß den Boden aus. Trump und Infantino sind das Patt und Patterchen (Pat & Patachon) des Profifußballs und der andockenden Geschäftswelt. Daß die Fifa einknickt, wenn die Mächtigen ihre Bestellungen aufgeben, verwundert allerdings wenig. Dem Trainer der amerikanischen Nationalelf wäre es nun allerdings vorbehalten, den gesperrten und nun entsperrten Stürmer gar nicht erst aufzustellen – als Antwort aus dem sportlichen Bereich des Fußballgeschäfts, gleichsam als Antwort auf eine Frage der Ehre. Wie ich lese, wird er diese Antwort nicht geben. Vielmehr findet er die einmalige Entscheidung des Verbandes wunderbar. So bleibt es einzig der belgischen Fußballnationalmannschaft überlassen, solchen Machenschaften eine Abfuhr zu erteilen, wenn auch nur symbolisch.
Aus dem Zusammenhang 386
„Gebt mein Auto Johnny Dogs, meinen Wein dem Garrison, meine Pferde jemandem, der keine Arbeit für sie hat, meine Kugel einem, der keinen Namen auf sie schreibt – und meine Waffen jemandem, der keine Verwendung für sie hat.“
Peaky Blinders – The Immortal Man
Villa Massimo, Rom, Oktober 1972
„Was habe ich denn erwartet, als ich hierher kam? Gewiß etwas Altmodisches, eine Atmoshäre von einigermaßen Intelligenz, auch von Zurückhaltung, von Interesse, sollte man doch annehmen, wo Leute sind, die sich mit Bewußtsein und mit Sinnen beschäftigen, mit dem Raum, in dem man lebt, aber ausnahmslos sind sie hier zeitenössisch, fortschrittlich, das heißt gegen Individualismus, gegen die einzelne, möglichst genaue Ausprägung und für das Mittelmäßige, schlechte Humane.
Mit ihrer Humanität untereinander und auf alles übertragen kürzen sie ständig alles runter. Das Humane Allgemeine verhindert jede ernsthafte größere Sicht des Menschen. Das fällt mir selbst bei den geringsten, gewöhnlichsten Unterhaltungen über alltägliche Dinge auf. Dagegen werden Probleme der Kaffee-Maschine ungeheuer ins Große gelagert. Enorme Ansprüche. Das Ende ist Wirtshaus-Gemeinschaft. Die große Übereinkunft. ‚Wir sitzen ja alle im gleichen Boot!‘ Klar, nur nicht so, daß das Boot alle gleich macht.“
Rolf Dieter Brinkmann, Rom, Blicke [1979]
Festmahl der ästhetischen Gäste
Kreisdenker Bahndenker Heimdenker Gruppendenker Preisdenker
Man will denken, aber dann doch lieber nicht. Ein Stück weit zu denken ist schön und angenehm; es fühlt sich gut an, dabei mitzumachen, aber dann reicht es auch schon wieder; dann biegt man ab und gelangt in den beruhigten Bereich, wohin von Anfang an offenbar zu manövrieren war und weshalb die Denkbewegung vollzogen werden mußte, nämlich um sich und die Seinen in Sicherheit zu bringen. Denken als Tagesausflug. Ich unterstelle, daß die meisten denken, um es sich anschließend gemütlich machen zu können (oder auch gleich und von Anfang an zur Verteidigung). Man läßt sich prüfen, vom Leben, von einer Kommission, einer Redaktion, gibt ab und freut sich, wenn es angenommen wurde. Das geht Station für Station. Man möchte ankommen, sich einrichten, etwas gelten. Später gibt es Preise (Positionen) dafür, unweigerlich fliegen die Angebote ein. Man fühlt sich bestätigt, wird zum Sprecher nicht nur seiner selbst, sondern neuerdings und vermehrt auch für andere. Man genießt Vertrauen, es wird mit einem gerechnet. Man wird zum Denker, der nicht mehr frei denkt. Wie aber heißt solches Denken, das nicht mehr frei denkt, sondern sich in Bahnen und Kreise lenkt? Es ist spät, mir fällt kein Wort dafür ein – nur diese lose zusammengetackerte Überschrift.
Das Größte im Kleinsten
Seit ein paar Minuten böllern sie, als hätte wer gewonnen. Neukölln kurz nach Mitternacht. Die Abkühlung tut gut. Im kalten Winter sehnen wir uns nach Wärme, an heißen Sommertagen nach Kälte. So fassen die Jahreszeiten und Wünsche ineinander wie die Finger der Hände im Gebet oder die Wogen im Rad des Tao. Man muß nicht gläubig sein, doch alle sind es. Zu jedem Gott existiert ein Gegengott, und hieße er Nichtgott. Daß nicht einmal das Physische aus sich selbst heraus zu begreifen ist, mag frustrierend sein. Der Geist steckt bereits in der Materie, er tritt nicht erst später ordnend hinzu. Von Beginn an sind Geist und Materie untrennbar vereint. Mich tröstet das. Ein Wort wie Urknall macht lachen. Da seriöse Leute dabei einstweilen nicht lachen müssen, scheint der Nachhall des Knalls noch gehört zu werden. Was war vor dem Knall? Nietzsche sagte, Gott sei eine faustgrobe Antwort auf die Frage nach der Erschaffung der Welt und des Lebens – denn wer schuf Gott? Das reichen wir weiter an die Nachfolger, nicht Nietzsches, sondern der Idee der einen Ursache und des Anbeginns.
Schönheit siegt
Zwischenstand 2
Erneut suche ich ein Lied, das sich auf die Situation anwenden läßt, insbesondere zur Erheiterung. Die Beach Boys bieten sich an wie zu jeder Krisenlage und Durchhaltesituation. Fröhlichkeit wirkt ansteckend. Daß die Beach Boys dafür zahlen mußten, ist dokumentiert. Schlimme Geschichte. In den Augen der See sind wir Abtrünnige. Der Satz fällt ein wie ein Fallbeil, ich hasse ihn.
Nachtrag, paar Tage später: In den Augen der See sind wir Abtrünnige. Manchmal kommt jetzt dieser Satz. Er fällt ein, aber köpft nicht. Ich hasse ihn nicht, ich gehe ihm auf den Grund. Das Leben entstammt dem Meer, insofern ist doch wenig Geheimnisvolles daran. Scheint es. Ich bin mir der Sache noch nicht sicher. Vielleicht später einmal. Vielleicht besteht aus einer Menge leicht.
Erzähler gesucht
Eine Kühle zieht ein, ich spüre sie an den Zehen. Die Hitze ist fort und vertrieben. Wir besprechen sie nach. Am westlichen Himmel staffeln sich die Wolkenformationen, die Wetterlage hat sich verändert. In den Wohnungen wird es erträglich. Eine kleine Ausnahmesituation wurde bewältigt, daher ein gewisser Stolz. Sie ergibt Geschichten. Auf die sind wir scharf.