Nicht erst am Ende eines Lebens wird man Narben begutachten wollen. Keine Narben, keine Wunden. Keine Wunden, kein Leben. Die Kinder wissen das. Stolz präsentieren sie ihre schlimmsten Verletzungen und erzählen haarklein, wie das passieren konnte. Und dann bin ich ohnmächtig geworden.
Autor: Holger Tegtmeyer
Nach der Krötenwanderung
Es ist Nacht, kein Luftzug regt sich. Die Fenster sind geöffnet, alles ist sechsundzwanzig Grad im Sechsundzwanziggradkontinuum dieser Nacht, draußen und drinnen sechsundzwanzig. Wie umständlich lang die Zahlen in Buchstaben ausgeschrieben sind. Ich nahm den Nachtbus heim, hörte beiläufig Musik zu den vorbeirasenden Häuserwänden und den Fußballkneipen und Spätkaufs, sah auf Bildschirmen das grelle Grün eines Fußballrasens, auf dem winzig kleine Flecken sich bewegten, und erinnerte mich: die Fußball-WM, stimmt, die gibt es ja auch noch. Die Steine der Stadt und der Asphalt haben die Wärme aufgenommen und geben sie nun frei. Die vierundzwanzig Grad, die sie an der Wetterstation messen, unterliegt den Bedingungen des Tempelhofer Feldes. Städte und Siedlungen sind Wärmespeicher. Vermutlich sollte ich die Fenster schließen. Doch ist es schön, so nachtumflossen zu sein. Im Sommer wird es ohnehin nicht wirklich dunkel. Der Mond steht fastvoll am Himmel, leuchtet matt und käsegelb, als sei Unheil zu vergeben.
Ohne Pointe erstaunlich
Die, die gerne baden, verstehen vielleicht nicht gut, daß jemand nicht gern badet oder in der Sonne liegt, um sich bräunen zu lassen oder Vitamine über die Haut aufzunehmen. Früher war ich eine Wasserratte, heute bin ich es nicht. Früher war ich Kind, heute bin ich keines mehr. Legt man mich in die Sonne an einen Strand, merke ich minütlich, wie ich dümmer werde. Ich spüre, wie mein Gehirn in der Schädelpfanne zu schmurgeln beginnt. Schnell in den Schatten, vernünftige Kleidung an und hinüber ins Strandcafé oder besser noch in die Stadt unter die Arkaden, wo sich sitzen und schauen läßt, ohne dauernd auf Badehosen und Bikinis zu stoßen. Auch Sonnenbrillen mag ich nicht. Sie haben etwas Vulgäres. Unklar ist weiterhin, warum die Leute endlose Strecken zurücklegen, um ausgerechnet im Sommer dorthin zu fahren, wo es derart heiß ist, daß es schwer auszuhalten sein wird. – Wie komme ich darauf? Ich sehe Sundown mit Charlotte Gainsbourgh und Tim Roth, die Anfangsszene. Auch im Garten unter dem Weinlaub sprachen wir beim Kirschenesssen vorhin über Sommerreisen, unsere eigenen und die der Landsleute.
Die Ausdehnung der Zeit
Der Sommer ist die Zeitlosigkeit. Endlose Nachmittage. Die Sonne scheint gar nicht mehr unterzugehen. Dazu diese Hitze, ab morgen wieder Wärme genannt: als solle man gebacken und verspeist werden. Sinnliche Tage. Schweiß und Erschöpfung. Herzschlag. Man hängt herum und spürt die Ausdehnung der Zeit. Der Raum ist voll von Zeit. Jede Minute klebt an der Haut. Erstaunlich, wie wenig es zu denken gibt, zu reden kaum. Einen Sonnentag überdauern, abends vielleicht raus. Vor den Cafés sitzen und die anderen Menschen sehen, die auch versuchen zu leben auf ihre Weise. Wird es regnen? Ja, es wird dermaleinst regnen. Auch kühler kann es werden. Der Sommer ist kein Schmusetier, er ist ähnlich brutal wie der Winter. Ich genieße die Langeweile wie eine Endlosmassage. Endlich winke ich ab. Die Hitze sperrt mich ein. Nur die Wildtiere müssen draußen sein. Ich gedenke derer, die heute arbeiten müssen, stelle mir die Autobahn vor und Tankstellen. Oder die Streichholzwälder rund um Berlin, Kiefernmonokultur, das Knistern des Grases im Steppenland Brandenburg. Sandgruben, Truppenübungsplätze, Stacheldrahtverhaue. Steige hoch du roter Adler. Badeseen, Strände, Pommes. Und am Himmel steht das Wetter.
Das bewußte Tier
Mit dem Menschen ist ein evolutionäres Wagnis eingegangen. Man spürt es am eigenen Leib und im Fühlen und Denken. Denken und Fühlen sind eins, nur daß sie modellhaft getrennt werden. Ein Denken, das sich der zugrundeliegenden Gefühle nicht bewußt wird, fällt auf und ist typisch. Durch sein Bewußtsein, also die Fähigkeit, nicht nur sich selbst, sondern alles Bestehende und Umgebende denken zu können, scheint „dem Menschen“ aufgetragen zu sein, eine Art Herrschaft oder Kontrolle seiner Lebensbereiche zu übernehmen. Diese Herausforderung, die einstweilen eine Überforderung bleiben wird, ist in den Religionen gut dargestellt. Freiheit ist zugemutet, wird zugetraut. Wo sind die Limits? fragt es aus der Menge der menschlich Begeisterten. Findet sie heraus, schweigt das Leben gestattende Universum zurück.
Sowieso
39 minus 5
Das Haus verlassen und in den warmen Körper der Luft eingetreten. Nur noch 34°C im Schatten, doch die Straße ist aufgeheizt und voller halbverrückter Menschen. Vor dem Wettbüro tanzen sie, die Musik kommt aus einer Boombox. Es wird gelacht und gestritten, und der, der manchmal schreit, schreit auch jetzt. Sein Blick geht ins Weite der unabsehbaren Gegenwart, er erkennt mich nicht. Vor den anderen Geschäften, Cafés und Spätkaufstellen sitzen sie und rauchen, trinken Tee, spielen. Während ich den Weg zum Billigsupermarkt einschlage, stelle ich mir vor, ich sei verschluckt worden und befände mich im Inneren eines Wesens, dessen Körpertemperatur etwa der unseren gleicht. Haben nicht Wale bereits Menschen ausgespuckt, die sie versehentlich ins Maul bekamen? Mythen in Tüten. Ich habe eine aus Jute dabei, in die kommen die Bierflaschen, die ich erst kaufen und dann trinken möchte, wenn es nicht mehr so heiß ist. Auf dem Rückweg erkennt mich der, der manchmal schreit, ich nicke ihm zu. Seit ich ihm einmal Geld geliehen habe, mag er mich. Hey Chef! ruft er mir nach. Im Billigsupermarkt schrillte unaufhörlich der Feueralarm, die Kassierer nahmen es stoisch. Nichts brannte, es war nur heiß und stickig. Die Technik weiß nicht alles. Also warten, bis die Feuerwehr kommt? wiederholte die Mitarbeiterin am Diensttelephon die Anweisung aus der Zentrale. Geht das jetzt noch zwei Stunden so? fragte der Kassierer. Über die Schulter gelegt trug er ein Frotteehandtuch, mit dem wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Wir erleben hier doch sonst nichts, erwiderte sein jüngerer Kollege.
Nicht dorthin wollen
Vermutlich will jemand, der groß und mächtig zu werden wünscht, nichts oder wenig anderes, als daß das Herumkommandiertwerden endet. In solchem Sinne formulierte Jack London einige seiner Geschichten, die von „Selbstermächtigung“ und gesellschaftlichem, also ökonomischem Aufstieg handeln. Bittere Lektionen in Martin Eden. Der ökonomische Erfolg führt nicht per Expreß in die Klasse der Auserwählten. Altes Geld, Neues Geld. Er ist und bleibt ein Parvenü. Ein Emporkömmling, ein seitens der Überlegenen notfalls oder nach Bedarf Geduldeter. Stürzt er zurück die Tiefe, atmen die Bevorrechteten auf. Sie haben es kommen sehen. Zu schnell nach oben, das geht selten gut.
Aus dem Zusammenhang 385
„Wenn du durch dieses Leben kommen willst, mußt du manche Dinge ignorieren.“
Small Things Like These [dt. Kleine Dinge wie diese], 2024
Der Weg als Ziel und andere Verwegenheiten
Da wir unsere Aufgabe kennen, wissen wir, was von uns erwartet wird. Wir betreten ein Geschäft und wünschen einen Guten Tag. Ich gehe auf eine Angestellte des Supermarktes zu, sie räumt Regale ein, und frage: Darf ich Sie kurz stören? Ich gehe davon aus, daß ich darf, denn ich bin Kunde. Dennoch frage ich. Man sagt, der Ton macht die Musik. Es kommt nicht so sehr darauf an, was wir sagen, sondern wie wir es sagen. Sagen wir es schön, hört man es gern, und sei es des Klangs der Worte wegen. Manchmal ist es gut, seine Aufgabe zu kennen und zu wissen, was erwartet wird, um sodann etwas fundamental Anderes zu tun. Das führt zum Eklat oder zu Applaus. Wir sind nicht hier, sofern wir leben, um gefügig zu sein. Daß menschliches Leben derart aufgefaßt wird, liegt an guter oder schlechter Erziehung. Ich kann das nicht klären. Der Augenblick entscheidet alles, hörte ich einst. Ja, in einem Moment kann sich manches ändern. Doch zuvor hat sich über Jahre etwas vorbereitet, daß dich im passenden Augenblick exakt das hat tun lassen. Im Rückblick ergibt sich der Weg, nach vorn sehen wir nichts. – Demnächst schreibe ich hier weiter.