Müßte ich einen dramatischen Texte verfassen, fragte er: Wo bist du? Sie ist die Frage nach dem Ort, der Herkunft und der Hinkunft, dem Schwerpunkt und der Sehnsucht. Wie bist du gemeint? Die Frage stellt sich mir; sie zielt ich auf das, was man früher vielleicht Gott nannte und auf ein Schicksal, eine Bestimmung, ein Ziel zu deuten schien. Gewiß, aus moderner Sicht äußert sich in solcher Weise Aberglaube oder unaufgeklärtes Denken. Man mag nicht, daß derart unzulässig gefragt, geforscht, gebohrt wird. Deshalb wurde eine Mauer gebaut, ein Sperrbezirk eingerichtet, eine Quarantäne (Berührungs- oder Kontaktverbot) verhängt. (Ideen sind nicht unschuldig,) Man durfte stolz darauf sein. Nie wieder Aberglaube. Das war ein Sieg. Ich jedoch sitze, stehe, liege hier (oder dort) und frage nach meiner Bestimmung. Ich rekurriere nicht auf die bekannten Gottheiten. Allerdings unterstelle ich, daß ein Funken Wahrheit in allen Versuchen der Annäherung enthalten sein wird.
Autor: Holger Tegtmeyer
Zwei-Uhr-fünfzehn
Wer spricht, wenn ich spreche? Was spricht aus mir? Was bedeutet Subjekt, sofern es nicht allein als sprachlich-logische Konvention aufgefaßt ist? Wir bewohnen die bekannte Welt wie Unbehauste. Beginnt sie zu vibrieren, scheppert es aus allen Richtungen. Die Haltbarkeiten sind begrenzt. Porzellan zerspringt, Gläser klirren. Die Zurechtlegungen machen nervös, da das Zurechtgelegte sich aus seiner Lage zu befreien scheint. Als begännen die Dinge selbst zu sprechen, nachdem sehr lange nichts von ihnen zu hören war. Herrschaft bricht ein. Es wird interessanter, keinesfalls gemütlicher. Die Krise als Chance. In der Hölle lachen sie laut. Das sagten die Vorgänger auch. Hier fehlen die Satzzeichen, um zu klären, wer was sagt. Lassen wir selbst das ungeklärt, die Wörter entfalten ihre Macht, wenn sie gebraucht werden.
Es könnte Steine regnen
Ganz selten wird es mal ruhig. Wir reden wie Automaten. Die Berührungen sind minimal. Wären wir nicht Körper-Seele-Geist- und Herkunftsexistenzen, ließe sich das, was zu sagen oder mitzuteilen ist, robotermäßig erledigen. Man müßte den Standpunkt, die Position, die sogenannte Weltanschauung der durch Sprechen handelnden Person eingeben, das, was sie (irgendwer wird das sein) mindset nennen, in Ermangelung einer aktuell verfügbaren Übersetzungsbemühung (Denkweise vielleicht). Nichts veraltet schneller als das Modernste. Das wissen wir längst, nur daß die Angst vorm Abgeschaltetwerden alle technischen Geräte erfaßt. Also reden wir weiter wie gewöhnlich, und das macht uns auch so. Erklärt mir jemand die Weltlage, höre ich genau zu. Es ist mir möglich, mich zu verzögern. Ich stoppe den Automaten für die Zeit eines Blicks aus dem Fenster oder die Frage, warum niemand die Blume gießt, die auf dem Fensterbrett verdurstet.
Versteht sich wie von selbst 2
Hohes Kompliment, unter die Wildblumen gerechnet zu werden. Daß die blauen Kornblumen oder der leuchtende Klatschmohn zwar gepflückt, aber nicht den Weg in die Vase finden werden, beschäftigte mich als Kind. Ich hätte sie gern mit nach Haus genommen. Warum ist das so? Sie gehören wohl exakt dorthin, wo sie wachsen und blühen können, zum Beispiel an den Rand der Getreidefelder in damaliger Zeit. Ich sah sie wieder vor einigen Jahren, als wir aus Berlin mit der Bimmelbahn hinausfuhren und uns dem sogenannten Ökodorf Brodewin näherten. Das Herz ging auf, ich hätte schluchzen mögen, jedenfalls jubelte es in mir. Die Erde wartet auf Heilung, die Pflanzen, die Tiere, der Mensch. (Ich meine das ganz wirklich und völlig unesoterisch.) (Esoterik ist ein Spartenprogramm der Konsumgesellschaft.) Läßt man leben, machen sie alle mit.
Versteht sich wie von selbst
Politische Hitze
Äußere Prozesse, innere Entwicklung. In mir arbeitet es, falls ‚arbeitet‘ das richtige Wort ist. Unausgesetzt arbeitet es, nämlich seit ich darauf achten kann oder einen Sinn dafür entwickelt habe. Mit zwölf, mit dreizehn Jahren? Dafür und darauf – sind das Demonstrativpronomen oder Adverbien? Auch die Nebenfragen zählen. Pronominaladverbien, eine Sonderklasse der grammatischen Nomenklatur. In meinem nächsten Leben werde ich Mystiker, notfalls nur Grammatiker. Ich empfehle für die nächsten Tage die Lektüre von Uwe Timm, Heißer Sommer. (Anschließend dann Kerbels Flucht und Morenga.)
Ab auf den nächsten Baum
Hier machen sie dauernd Theater ums Wetter. Zu heiß, zu kalt, zu sonstwas. Da nun Sommer ist, soll es doch Sommer sein. Wie hätten wir es denn gern? Sommerlich frisch oder moderat mittellauwarm. Der Winter war kalt, da kommen wir her. Es ist, wie es ist. Genialer Satz, man geht in die Knie. Der Ball ist rund und das nächste Spiel das schwerste. Auf solche Sachen ist Verlaß, die kann man sagen. Wäre ich Eichelhäher, ergäbe sich ein anderes Bild.
Meer ist mehr
Ein Televisionsgroßereignis wie die laufende Fußballweltmeisterschaft birgt Gefahren. Fernab von meinem Standort geschehen Dinge, die ohne Relevanz für mein Leben sind. Darin liegt die Pointe. Ich freue mich über das 2:2 der Kapverdischen Inseln gegen Uruguay, das bindet emotionale Energien. Muß ich fußballerisch für Deutschland sein, während ich mich politisch zurückhalte. Das menschliche Leben ist kompliziert und uneindeutig. Kaum jemand erträgt solche Ambivalenzen.
Was ich eigentlich sagen wollte, aber in der Nacht nicht mehr hinbekam, ist die Beobachtung, daß die Fußballweltermeisterschaft, sofern man sich auf sie einläßt, Energien ansaugt und verzehrt. Man kann süchtig werden nach Spielen und immer noch mehr Spielen. Das mündet in Depression. Sie handelt von Hilflosigkeit. Das Mediale ist eine Krake, die erfaßt und umklammert. Zeit für Papier und Stift.
Dem Unterscheidungsvermögen
Wem vertraue ich? Die Antwort ist eine lebenslange Suche. Zwischendrin wäre es schön, antworten zu können: mir selbst. Kann man seinen Eltern vertrauen? Darf man den Lehrern trauen, den Geistlichen, den Idolen, den Freunden? Schon eilt die Gegenwart heran und fragt nach dem Vertrauen in Medien, Politik, Institutionen, Personen des öffentlichen Interesses. In ihr geht alles schnell und ist flüchtig. In mir ist alles langsam und setzt sich. Wem vertraue ich? Ein wenig schon mir selbst: der Erfahrung, den Instinkten, der inneren Ruhe. Fehlt sie, bin ich alarmiert.
Wissen, Herrschaft, Ordnung
Kürzlich ist Jürgen Habermas gestorben. Vor ein paar Jahren begegnete er mir Unter den Linden Ecke Friedrichstraße. Er war in Begleitung, ich lief allein. Als Student las ich Strukturwandel der Öffentlichkeit und zitierte daraus. Daß Wahrheit ein Produkt der gewaltfreien Kommunikation sein könnte, lag darin angelegt. Zugleich auch das Dürftige einer solch verfahrenstechnisch, mag sein, eleganten Lösung. Habermas als gebranntes Kind. Damalsdamals glaubten sie der einen und einzigen Wahrheit, und die lautete wie bekannt. Fortan also Aushandlung, Arrangement, Kompromiß. Niemand hat endgültig Recht, niemand Unrecht. So läßt sich leben. Nur daß zwischendurch noch die Gegner einer solchen Minimallösung aus dem Weg geräumt werden müssen. Man wird ihm ein Museum errichten, vielleicht am Starnberger See, vielleicht in Frankfurt am Main, nötigenfalls in Berlin. Wie gerät man aus dem Dritten Reich, ohne erkennbaren Schaden genommen zu haben? Habermas schlug sich auf die Westseite. Common sense statt absoluter Wahrheit. Das läßt sich leicht verstehen. Als er starb und die Nachrufe eintrafen, war mir danach, zu fragen, ob ein Soziologe etwas zu sagen vermag über den einzelnen Menschen und zwar hinsichtlich dessen, was nicht in die Soziologie, die Medizin oder sonstwelche Erfassung geraten kann.