Nur ein Stuhl

Während der Fahrt mit der Schnellbahn sah ich aus dem Seitenfenster einen schmalen Stahlrohrstuhl mit schaumstoffgepolstertem Sitz und Kunststoffbezug am Rande des Gleisbetts stehen, den ich zuvor dort nicht gesehen hatte. Er stand unter einer Brücke, die als Straßenüberführung die Gleisanlagen kreuzt. Wer wird dort sitzen oder gesessen haben? Jemand, der den Zügen nachsieht; jemand, der sie zählt und in eine Liste einträgt, damit Ordnung einkehrt oder sich bestätigt im eigenen, unruhigen Kopf. Ein Mann oder eine Frau? Ich beließ es bei der losen Idee, mußte kurz darauf aussteigen. Keinen falschen Tiefsinn erzeugen, keine Geschichten ohne einen wahren Kern. Hier in der sehr großen und weitläufigen Stadt stehen im sogenannten öffentlichen Raum ständig und überall ausrangierte Dinge herum, weggemüllt, verachtet, auf solche Weise beinahe entehrt. Man muß sich nichts dabei denken, kann aber. Sie besitzen eine Geschichte. Existiert eine Würde des Gegenstands? Das weiß ich nicht. Wessen Würde wäre das? Was sucht dieser bestimmte und auserwählte Stuhl unter der Brücke, wie lautet dessen Geschichte oder die seines letzten Weges an die Gleise? Gewiß ist das nicht wichtig. Ja. Doch warum eigentlich nicht?

Nur ein Stuhl

Die dem Wind abgewandte Seite

Man möchte sich den Blumen zuwenden und den friedlicheren der Tiere. Der Mensch sucht ein Idyll. Einfachheit, Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. In einem Bildchen leben statt im größeren Bild. Ich tat dies am 1. Mai, als der laue Wind in Lautstärken die Klänge und Stimmen einer mobilisierten Masse in meine Rückgezogenheit trug und ich wußte, daß ich nicht dorthin wollte, von wo die Schallwellen kamen. Ich sagte mir im verwilderten Garten ein paar Sätze, sie handelten vom Leben abseits des Getümmels, und schrieb sie auf. Gedanken über den Zusammenhang von Demonstration und Karneval. Nach einigen Stunden wagte ich mich auf die Straße, schlug die dem Lärm abgewandte Richtung ein, Far from the Madding Crowd (Thomas Hardy, 1874).

Die dem Wind abgewandte Seite

Zwischenstand unentschieden

Anspannung in den Menschen, sie laufen herum wie geladene Teilchen. Je aufgeregter und nervöser sie sind, desto ruhiger wünsche ich mir zu werden. Ob und inwiefern das gelingt, wird sich zeigen. Ich habe mit dem Vorhaben gerade erst begonnen. Hier halten sich Leute für Feinde, die woanders einen Rettungsring teilen könnten. Eine Groteske, die auf ordnungspolitisch problematische Entscheidungen verweist. – Ich möchte ganz anderes berichten demnächst. Mir gehen die Spielchen der politischen Erwachsenen gehörig auf die Sinnesorgane. Daß die jeweils Sprechenden rechthaben und Gutes anstreben, steht außer Frage. Doch ich bin müde und erschöpft und lasse mich nicht gewinnen. Vier Tage in Folge war ich glücklich, erleichtert, sonnig. Das nur nebenbei. Hauptsächlich läuft einstweilen noch das Sturmprogramm des Irrsinns.

Zwischenstand unentschieden

„Und wie es da war, als gar nichts mehr war“

Das Rechthaben ist eine bemerkenswerte Position. Man wünscht sie keinem. Sie ist bitter. Die süßen Positionen sind die gefälligen. Man stellt sich ins rechte Licht, sagt und zeigt das Gebotene. Das Rechthaben wird verwechselt mit der Rechthaberei. Sie sollte unterbleiben. Recht zu haben bedeutet, ein Recht zu besitzen. Das ist nicht wenig, das ist nicht nichts. Vielleicht kein einklagbares Recht, so aber doch eines des Wissens, der Haltung, der Tapferkeit – im Sinne von Richtigkeit, von Angemessenheit. Mir wäre lieber, ich irrte mich ständig oder wenigstens wiederholt. Meine Befürchtungen stapeln sich hoch. Hier notiere ich nur einen Bruchteil davon. Ich möchte nicht rechtbekommen, dies noch einmal. Ich möchte völlig falschliegen und eines Tages begreifen, daß es nicht so schlimm war oder ist.

(Das Titelzitat ist von Kettcar, einer Hamburger Band, dem Titel „Handyfeuerzeug gratis dazu“ entnommen, 2005 auf dem Album Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen erschienen. Viel Glück der Band weiterhin.)

„Und wie es da war, als gar nichts mehr war“