Eine Menge los

umstandslos inhaltslos klaglos gesichtslos geschichtslos antriebslos spurlos schamlos witzlos bedürfnislos lieblos konturlos charakterlos atemlos rettungslos fraktionslos kraftlos schuldlos wehrlos fraglos tatenlos anstandslos leidenschaftslos bedingungslos geräuschlos regellos furchtlos verantwortungslos haarlos fruchtlos tonlos niveaulos machtlos mitleidlos parteilos gottlos schriftlos bargeldlos kunstlos ruchlos tadellos zwecklos schnörkellos lautlos freudlos paarlos schnabellos faltenlos stillos betäubungslos schwanzlos fensterlos haltungslos ehrlos gedankenlos makellos ziffernlos gurtlos lückenlos ziellos führerlos bedeutungslos ruhelos besitzlos helmlos harmlos glanzlos bodenlos widerspruchslos gewissenlos vaterlos mutlos heimatlos glücklos obdachlos ahnungslos wirkungslos schadlos teilnahmslos geistlos hutlos sang- und klanglos fingerlos ortlos humorlos kopflos sieglos randlos hoffnungslos staatenlos heillos bestimmungslos aussichtslos kabellos rastlos lichtlos straflos fleischlos beziehungslos fühllos orientierungslos gefahrlos schnurlos torlos alterslos zwanglos kernlos grundlos herrenlos profillos zeigerlos haltlos kinderlos zahnlos ratlos richtungslos farblos bewegungslos kellerlos schlaflos schutzlos schmucklos wahllos herzlos reiterlos hirnlos sprachlos ausweglos sinnlos reizlos schonungslos hilflos zweifellos rechtlos leblos gestaltlos gehaltlos anspruchslos fassungslos arbeitslos voraussetzungslos schattenlos wimpernlos zahllos schrankenlos gnadenlos waffenlos blicklos regungslos geschmacklos saftlos lippenlos geruchlos gewaltlos kulturlos elternlos planlos schmerzlos

Eine Menge los

Artemis

Lichtausschüttung. Die Zweige wiegen im Wind. Hinter dem Leinenvorhang sitzt der Typ und schreibt was und hofft, daß er weiß, was er tut. Musik läuft dazu, herbeigezaubert aus den Sphären des weltumspannenden Netzes, eines der technischen Wunderwerke der gegenwärtigen Zivilisation, die sich anzuschicken scheint, in den Selbstvernichtungsmodus hochzuschalten. Möge der Schein trügen. Menschen machen sich auf zum Mond, der im Vollmondstatus sich uns Irdischen präsentiert. Ich bekomme Nachricht, daß das Herz sich beruhigen soll und ich selbst im Rachen des Löwen meine innere Ruhe finden kann. Artemis, Göttin der Jagd und des Mondes.

Artemis

Fehlt einer, verändert das alles

Ein postkartenkleiner Einladungszettel aus der alten Zeit fällt mir in die Hände, während ich nach Papier zum Entfachen des Ofenfeuers suche. Skizzen 11, Texte und Musik, 6. Juli 2019, 19.30 Uhr im Froschkönig, Weisestraße 17 in Berlin-Neukölln, es nahmen laut Einladung teil: Helena Abay, Dirk Flatau, Michael Lenhart, Ludwig Lugmeier, Theresa Schouwink, Holger Tegtmeyer, Jonathan Klein.

Fehlt einer, verändert das alles

Abstieg ins Wirkliche

Berlin. Hier wird es auch in Zukunft nicht gemütlich werden. Daß es zwischenzeitlich schien, als sei solches Behagen möglich, verweist auf die Selbsttäuschungsenergien der sich begünstigt Hoffenden. Die Stadt rumort, befindet sich neuerlich in Gärungskrämpfen, muß sich zum wievielten Male finden und erfinden. Der Hype (Aufmerksamkeit, Wirbel, Begeisterung) war nicht gut. Dreißig Jahre währendes Locken und Schocken. Und demnächst noch einmal Olympia – bitte nicht! Laßt die Leute in Ruhe, laßt die Stadt in Frieden. Ich bleibe hier. Schließlich siegt die praktische Vernunft, notfalls durch Ermattung ihrer Konkurrenten. – Hype: das Hochgejubeltwerden durch Interessierte; steigert den Marktwert der im Territorium liegenden Objekte; verändert den Charakter ganzer Landstriche, vertreibt diejenigen, die sie bequemerweise „sozial schwach“ nennen.

Abstieg ins Wirkliche

Gewiß zu billig

Berlin. Hier herrschen andere Druckverhältnisse. Ihnen sich gewachsen zu zeigen im Wandel der euphemistisch Herausforderung genannten Zumutungen bedarf eigener Methoden. Das Elend lagert hier unverborgen, ist unübersehbar in Straßen und Bahnen, auf Plätzen, in Parks, drückt in die Situationen eines jeden Tages. Liegestühle auf der Kastanienallee, nicht zu kalt, man kann sich der Sonne zeigen, einen Drink zu sich nehmen. Gegenüber, keine zehn Schritte entfernt, liegt einer im Rinnstein, an dem poltern die Straßenbahnen vorbei. Man ist hilflos, ratlos, manche sind noch fassungslos – was immer das heißen mag. Geht das so weiter, steigen wir über Leichen. Man kann hier besuchsmäßig im Regierungsviertel herumspazieren und sich die Gebäude aus Geschichte und Gegenwart zeigen lassen, verfassungsmäßig Institutionen verstehen lernen, den elegant-eloquenten Fremdenführern lauschen, wie Demokratie funktioniert im besten Deutschland aller Zeiten – mit Hinweis auf die Geschichte, aus der dieses aktuelle sich aus den Vorgängermodellen entwickelt oder herausgequält hat. Das Kanzleramt wird ausgebaut.

Gewiß zu billig

Neues Deutschland

Endlos die Straßen in Berlin. Vorhin die Greifswalder, morgen eine andere. Niemand kann so weit marschieren, wie es hier Marschrichtungen gibt. Zum Glück ist „der Berliner an sich“ vollkommen unkriegerisch und militärisch unbrauchbar. Deutschnational oder deutschimperial betrachtet ist Berlin Projektionsgröße ohne tragende Milieusubstanz. Daß Berlin Hauptstadt des zusammengebrachten Deutschlands wird, war damals ausgemacht. Bonn lag abseits und reizte karnevalesk zum Lachen. Daß die Westdeutschen kommen würden und Berlin ihnen zu Kopf stiege, war so nicht ausgemacht. Man hätte es erraten können. Da kamen die Kleinkarierten und stießen erstmals auf etwas, das ihnen Großformatiges versprach. Klotzen statt kleckern, sagte man damals, dreißig Jahre her.

Neues Deutschland

Faustformel Suffix

Meistens war ich zu aufgeregt, um klar sehen oder erkennen zu können. Ich staunte an der Pracht der Themen empor. Jedes Phänomen einer Hervorbringung des menschlichen Erfindungsvermögens, insbesondere hinsichtlich einer übersichtlichen Theoriebildung, flog meinem Anbetungs- und Verehrungsbedürfnis zu. Ich war wie geschaffen für die Ismen der Zeit. Daß ich mich nicht gewinnen ließ und in keine Gefolgschaft trat, rechnete ich mir an, wäre ich der Überzeugung, die Entscheidung läge allein bei mir. Sie liegt es nicht. Woher kommt dieses ‚es‘? Auch in der Sprache, insbesondere in ihr, liegt Wissen. Deshalb müßte man die Sprachreformer warnen, ob sie denn wissen, was sie tun. Ich bin nicht ganz mehr so aufgeregt wie vor vierzig oder dreißig Jahren, doch bebt die verstörende Erregung der Theorien nach, die Götzen waren, also Pseudogottheiten. Ihre Funktion bestand offenbar darin, Angst einzuflößen, Schrecken zu verbreiten und diejenigen zu verbrüdern und zu verschwistern, die Angst einflößen und Herrschaft ausüben wollten. Mir ist kein guter Ismus begegnet. Hängt -ismus hinten dran, wende ich mich ab. Und die Kunstrichtungen? Ja, doch was wären sie ohne das jeweilige Werk, das auch ohne Ismus wird bestehen müssen. Daß die Kunstavantgarde heilsgeschichtlich aufgeladene Pamphlete zu verfassen versteht, entspricht ihrer totalitären Intention. Kunst kommt vom Künstler, Können von Gott. Von da aus dann weiter im Denken und Meditieren.

Faustformel Suffix

Der Saloon als Weltbühne

Deadwood war eine Initiation. Sie ereignete sich vor fast schon zwanzig Jahren. Ich sehe die HBO-Serie nun erneut. Damals war mir klar, daß man fortan anders würde filmen müssen: realistischer und in solchem Sinne unmoralischer. Wahrheit folgt keiner Pädagogik, das Leben wütet und schweigt. Sie unbeschönigt darzustellen ist Ausweis einer Kunst, die sich sehen lernen wird. Entwicklung ist möglich. Heuchelei ist dumm, Zynismus nicht die Antwort. Es gibt ein Spiel um die Wahrheit, in der die Künste dominieren.

Der Saloon als Weltbühne