Filter und Suche

Wer das noch nicht probiert hat, mag es nun probieren. Ich gab „Klüngel“ ein und erhielt folgende Textantwort aus dem fernen Frühjahr 2022:

https://texteundtage.de/2022/03/24/kurz-vor-vier-zeit-zu-schlafen/

Deutschland und Freiheit begegnen sich in der Hymne. Als ich krank war, las ich Hölderlins Hyperion. Man soll sein eigenes Land nicht unterschätzen, gab ich mir auf für den Weg in die Genesung.

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Wir schleppen uns durch

Der Winter hält noch Kälte bereit. Das Frühjahr ist ein langer Kampf. Auch ich bekomme diese Blumen- und Blütenbilder gesandt, und gewiß meinen es jene, die sie senden, gut. Ich habe, da er enden soll, den März verstanden. Er ist Wundschleifen. Januar ist stoisches Durchhalten (Zentimeter für Zentimeter), Februar Renitenz (ohne sinnlich-empirische Basis, also vorwiegend geistiger Natur). Im März geht es ans tatsächliche Beginnen – vorsichtig, gewagt. Daß der zögernde März im Monat, der ihm folgt, ein Durch-die-Wand-Wollen provoziert, kann nicht wundern. Da wird aus Ungeduld der Hammer ausgepackt. Ein Lob auch solcher Aktivität! Wer zwanzigmal gegen die eine Wand läuft und selbst dadurch nicht aufzuhalten ist, daß er nach jedem Versuch immer noch mehr blutet, stürmt in der Optimismus-Klasse. Noch ist März, noch ist Winter. Ich warte auf Schneegestöber Anfang April. Dann setze ich mich aufs Pflaster und esse Schneeflocken.

Wir schleppen uns durch

In eine Ruhe gelangen, weil man muß

Alles leer, frei und weit. Als hätte man sich losgesagt und triebe dahin. Kranksein macht sinnlich. Nach der Reizhustenfolter mit Schlafentzug nun der Versuch, langsam die Schritte zu tun, in die Sonne zu blinzeln, nicht mehr zu verlangen als geboten. Es wird werden. Selbst die Toten geben Ruhe. Wir sammeln Sonnentage wie Schmetterlinge und stecken sie ein. Das Kranksein kommt zur rechten Zeit, die Schwächung war fällig. Während ich mir die Lunge aus dem Hals hustete, stellte ich erstaunt fest, daß ich nicht auseinanderfliege oder platze. Der Körper kann das, als sei er dafür geschaffen.

In eine Ruhe gelangen, weil man muß

Durch die Nebelwand ins Ungefähre

Mir ist ganz und klar unklar, wie es um die Selbstaufmerksamkeit der Menschen, die ich kenne, bestellt ist. Ich las vorhin Tagebucheintragungen aus der Zeit von März/April 2023. Sie verbanden mich mit jenem Ich, das ich damals gewesen sein mag. Es registriert die Erschöpfungen des dreijährigen bürgerlichen Trauerspiels namens C. Es sehnt sich nach Hilfe, Rat, Unterstützung. Es schreibt sich durch die Not hindurch. Im damaligen Frühjahr wurde es spät erst milder, noch Anfang Mai war es kühl. Die Einpressung lag über den Szenerien des täglichen Lebens, das, um sich zu erholen, die doppelte Anzahl der betroffenen Jahre würde benötigen müssen. So ließ sich damals denken und notieren. Neuere Einpressungen sind hinzugekommen. Das Individuum auf dem Prüfstand seiner jeweiligen Selbsterhaltungskraft. Was denken die Leute, die ich kenne, wirklich? Warum sagen sie es nicht? Herrscht denn die Angst beinahe absolut?

Durch die Nebelwand ins Ungefähre

Statt des Nachrufs

Wie stark das Leben eines angeblich Toten wird, wenn er angeblich gegangen ist. Das sogenannte Ende eines Menschen erzeugt einen Widerhall, der vieles übertrifft, was zu Lebzeiten möglich war. Nun, da er tot zu sein scheint, denke ich über den Toten mehr nach als zu seinen Lebzeiten. Er hat die Tür gefunden, die ich noch suchen muß. Das wäre der erste Grund. Er läßt sich korrigieren. Der zweite liegt im Fehlen, im Loch des Verschwindens begründet; dieses Loch erzeugt einen Sog, als entließe eine U-Bahnstation einen Zug. Das reißt an den Haaren, macht in kalter Saison die Menschen zittern. Der dritte verweist auf den unsterblich-unauflösbaren Zusammenhang zwischen Leben und Tod, Tod und Leben. Leben ist ohne Tod gar nicht denkbar. Die Toten sind Teil der immateriellen Struktur des Lebens. An der hängen wir, unabkoppelbar, existentiell.

Statt des Nachrufs

Ideenfrage

Regentag. Märzkühl. Das Hautaufschürfende dieses Monats. Knospen treiben aus, tasten sich ins Medium. Ich denke an die Ratte auf der Flughafenstraße, sie lag dort am 8. März, die Räder der Autos hatten sie plattgewalzt, ihr Steuerschwanz zeigte nach Westen. Auf dem großen Flugfeld landeten die Ideen in meinem Kopf, ich durchlebte Ekstasen. Einer der siebzehn Sonnentage in Folge. Tags darauf starb Ludwig, der mit uns gelesen hat, als es die Skizzen noch gab. Ob das Leben eine Skizze ist, ließe sich fragen. Wer ist der Autor des Autors? fragte mich eine der Ideen.

Ideenfrage