„Wir sind in Schwierigkeiten.“
„Wieso erzählst du mir dann nicht davon?“
Finestkind [2023]
„Wir sind in Schwierigkeiten.“
„Wieso erzählst du mir dann nicht davon?“
Finestkind [2023]
Die Behauptung, es gäbe kein richtiges Leben im falschen, stand neuerlich im Raum. Wäre dem so, vorausgesetzt, wir könnten richtig von falsch trennen, säuberlich und unverschmutzt, hieße das doch, daß wir zu falschem Leben verurteilt oder verflucht wären. Das käme einer Verdammnis gleich, selbst wenn man solches Wort und seine Bedeutung nicht teilt. Ließe sich die Angelegenheit nicht drehen? Könnte nicht im falschen Leben ein richtiges sich zeigen? Daß das politische Insgesamt sich im Falschbereich bewegt, wird als unbestritten vorausgesetzt. Wenngleich es Gegenstimmen aus dem wirtschaftsliberalen Lager geben mag. Mich interessiert ein Leben, das im Falschen sich einzunisten weiß und pocht, leise und stark, unhintergehbar. Daß man sich selbst für machtlos hält, ist übrigens Teil der Herrschaft, deren Technik der Zermalmung und Versprengung, der Atomisierung des erwarteten Widerstands.
Mir tut es auch leid, daß die natürliche eine künstliche Intelligenz sich zu schaffen bemüht, da sie sich selbst für unzureichend hält. Wessen Problem soll das sein? (Ich kann nicht für die Menschheit sprechen, da niemand das kann, weil es Menschheit als handelndes und sich verantwortendes Subjekt nicht gibt. Allerdings wird mit Menschheit viel Firlefanz betrieben, insesondere in jenen Regionen, in denen man anzunehmen scheint, man lebe bereits dort hinauf. Universalismus.) Mich stimmt das neuerlich lustig, denn die Bemühungen sind, wenngleich verständlich, so doch erbarmenswert. Robert M. Pirsig, mittlerweile tot, nannte es „unmoralisch“, wenn man hinsichtlich der Strukturen des Lebens eine höhere durch eine niedrigere Struktur restlos zu erklären versuche, also beispielsweise die organischen Strukturen durch anorganische, die biologischen durch organische, die sozialen durch biologische, die geistigen durch soziale. Mit jeder Strukturebene sei ein neues Niveau erreicht. Dies zu negieren sind die derzeit triumphierenden Techniken angetreten. Man nennt sie zu Recht reduktionistisch. Ich freue mich auf ihr Scheitern. Lila oder ein Versuch über Moral, 1991 erschienen. Die Hierarchiestufen lauten, von unten nach oben: anorganisch, organisch-biologisch, sozial, geistig.
Da ich Spielfilme identifikatorisch schaue, wie es die Veranstaltung vorsieht, erschüttern mich die Fehler der Protagonisten. Wenn sie es mit einem Gegner, einem Feind sogar, zu tun bekommen, zeigen sie dem offen und für jedermann ersichtlich, daß sie ihn als Feind ansehen. Oft folgen Beleidigungen, Beschimpfungen, Verunglimpfungen. Wie auf dem Sportplatz, auf der Straße, in der Gosse. Das ist amateurhaft: schlecht gedacht, schlecht gemacht. Damit geben sie sich preis. Niemals darf der Gegner wissen, was du denkst, planst, tust. Es muß unbequem sein, dich als Feind zu haben. Bekenntnisse sind etwas für die Literatur und für echte Freundschaften.
Politik? Man verdreht schon die Augen. Muß das sein? Vielleicht muß das gar nicht sein. Vielleicht könnte man die Politiker machen lassen, ohne ihnen jene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die ihnen gnädigerweise gewährt wird, als ginge es in deren Geschäft um etwas, das Bestand haben könnte ohne sie. Ich will sagen: Es gibt Veranstaltungen, die veranstaltet werden, damit sie veranstaltet worden sind. Das meinte Marshall McLuhan, als er schrieb, das Medium sei die Botschaft. Glasklar. Der Betrieb erhält sich selbst. Denn der Betrieb sind die, die in ihm und durch ihn leben. Schon verstehen wir die Politiker, das sind auch nur Menschen, besser. Irgendwas dürfen sie jeweils sagen oder nicht sagen. Soll mich das beschäftigen, muß es das? Langweilig ist es allemal. Ich eile der Politik voraus und weiß wie ein Blindenhund, wohin sie demnächst sich wenden wird. Die Themen kommen und gehen. Es läßt sich riechen. Das ist wie auf dem offenem Meer mit dem Wetter und dem Wind.
Im tatsächlichen Leben herrscht permanent Ernst, nur deshalb kann es lustig sein. Man braucht eine halbe Ewigkeit, bis das verstanden ist. Probleme sind derart gebaut, daß sie benötigt werden. Dem einen sage ich dies, dem anderen das. Beides handelt beiläufig von mir oder jemandem, der durchaus ähnlich sein könnte. Identität ist mir nicht sonderlich wichtig. Ich fließe durch Formen der Verwirklichung. Was für ein blödes Wort. Selbstverwirklichung. Was tat man denn zuvor? Kein Anschluß unter dieser Nummer. Warum schreibe ich nach alter Rechtschreibung, ist das ein Spleen? Ja: ein Spleen, eine schrullige Vorliebe, eine Laune des Unverbesserlichen. Ich bin ein mißratenes Kind des Fortschritts. Sehe ich mir im Spiegel in die Spiegelaugen, muß ich lachen. Weiter so, Cowboy.
Wann hören wir auf, uns für unsere Existenz zu entschuldigen?
Eine kleine Wehmut schleicht sich ein. Wir ziehen um. Texte und Tage bekommen ein neues Zuhause. Ich werde Nachricht geben, wenn es soweit ist. Die Pferde neigen ihre schönen Köpfe. In der Flasche ist noch Bier. Schneit es erneut? Holundersaft, schwarzrot wie Blut. Das Feuerpferd naht. Dazu werde ich später etwas sagen. Was ist mit den Chinesen los, daß sie ihr Erbe nicht pflegen? Immer noch mehr Fortschritt, so wie bei uns. Erfolg heißt, sich zu enteilen. Das stimmt traurig. Man muß also fliehen. Doch wovor rennt man davon? Der Schatten kommt mit.
Ein Drittel des Tages schlafen Menschen. Acht Stunden Enthaltsamkeit. Beruhigung. Einkehr. Regeneration. Bewußtseins-Auszeit. Keine Kontrolle. Lassen. Bilder erscheinen. Aufwachen in Tatsächlichkeit. Sachen und Taten. Regentropfen auf der Fensterbank aus Zinkblech. Erste Eintragung ins Buch der Tage. Milchkaffee. Die Idee des Tages suchend. Jeder Tag ist neu. Wiederholung betrifft die Routine. Selbst die ist anfällig. Im Kopf wandern die Gedanken und suchen ein friedliches Ziel. Nachts muß ich Glas essen. Traumwahrheit.
Ein Stofftier lag auf dem Drahtgittersitz der Untergrundbahnstation und wartete oder wartete nicht. Kindern bricht solcher Anblick das Herz. Dürfen wir den mitnehmen? Er ist hier so allein. Es war ein Stofftierhund mit großen Augen und hellbraunem Fell. Ich nahm ihn nicht mit, er liegt noch dort.