Wir reiten durch die Jahre und bekommen graue Bärte. Hätte uns niemand gezeugt und geboren, wären wir nicht hier. Nichts am Selbstverständlichen versteht sich von selbst. Wir hätten verkümmern können. Wer hat ein Recht auf Leben, wer nicht? Die Geschichten ziehen uns durch wie blutschwarze Fäden. Als sei man geangelt worden und ins Licht gerissen. Der Himmel ist hoch genug für weitere Hoffnungen, selbst ohne Prinzip. Ehren wir im Winter den Sommer und umgekehrt.
Autor: Holger Tegtmeyer
Café und Bar
Am schönsten ist das Café, wenn es leer ist. Die Musik läuft, niemand mehr da. Man kann aufräumen, Gläser polieren, sich an einen der Tische setzen und den Blick genießen, den einer hat, der Gast ist in einem solchem Café. Weit entfernt scheinen die Tage und Stunden, da ich in einem Café arbeitete und mein Geld verdiente. Tagsüber spielten sie dort sogenannte klassische Musik, ab 18 Uhr Jazz. Das bekam den Gästen gut, uns als Kellnern auch. Die Musik gab eine Stilhöhe vor, die zu unterbieten kaum möglich war. Benahm sich jemand schlecht, gab es eine Ermahnung. Nach der ersten Ermahnung durfte man gehen. Nicht so schlimm, das nächste Mal bitte anders. Barleute sind konziliant. Wir trugen Krawatten und weiße Hemden, Kellnerschürzen ohne Werbeaufdruck, man konnte sich nicht mit uns anlegen. Das Frühstücksgeschäft war klebrig, die Mittagstischrennerei ein Elend, doch abends wurde es elegisch. Ich denke gern zurück an die Zeit, als ich Aushilfskellner war.
Sich totstellen
Sehe mit gemischten Gefühlen die Verfilmung eines Romans von Tom Coraghessan Boyle. Willkommen in Wellville, eine Alan-Parker-Werkanstrengung aus dem Produktionsjahr 1994. Buch und Film widmen sich satirisch dem Wirken eines prominenten Mitglieds der Kellogg-Dynastie, John Harvey Kellogg. Die Geschichte spielt in den beginnenden Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Battle Creek Sanatorium in Michigan, über dem als Leitmotiv die Aussage leuchtet: Leben ist, den Tod hinauszuzögern. LIFE IS DEATH POSTPONED. Damit springt die Satire in die medizinische Wirklichkeit der Gegenwart. Worüber man damals gelacht hat, darf man heute schluchzen. Wohin ist das Leben entwichen, wer kann das noch?
Zweite, dritte, vierte
Sprühnebel
Die Kälte zieht einem wie in Fäden oder aus Kabeln die Energie aus dem Körper. Man wird früh müde, ist dieses frühe Ermüden jedoch nicht gewohnt, denn es gab schon länger keinen ernsthaft kalten Winter. Nun ist er da, wir lernen erneut. Nach einer Woche Rutscherei sind mittlerweile, siehe da, die Gehwege frei. In Berlin läßt sich wieder laufen, man kann die Alten wieder außer Haus lassen, sie werden nicht stürzen müssen. Politisch wird auch dies aufbereitet werden hinsichtlich Zuständigkeit, Verantwortung und Haftung. Wir leben in einem Rechtsstaat. Die Kälte wirkt heilsam, möchte ich behaupten. Sie setzt dem Betrieb des vorgeblich Selbstverständlichen Grenzen. Jemand nannte das einmal das Limit-Diktum. Für Größenwahnsinnige ist die durchgreifende Wirksamkeit der Natur nebst ihrer Launen ein Schock, ein Skandal. Gab es nicht welche, die wollten Wettermacher sein?
Als ließe sich das ausbügeln
Taxifahrt vom Flughafen in die Stadt, es ist Nacht. Künstliches Licht, Stahl und Beton, Brücken und Tunnel. Linienführung der mehrspurigen Straßen. Kaltes Licht, harte Fronten. Ampelanlagen mit kranartigen Armen, an denen die Lichtampeln befestigt sind und bei stärkerem Wind zu schaukeln beginnen. Im Taxi ist es warm, der Fahrer spricht kein Wort, das Radio läuft leise. Eine unwirtliche Gegend, nichts lädt ein, alles weist ab. Fahr bloß weiter, laß dich nicht hier aussetzen, laß dich weiter fahren, hier ist es kalt und leblos. Ein Wort und eine Tatsache wie Zebrastreifen. Gedanke: Sie bauen so, aber wir sollen menschlich sein.
Troubadour
Minus acht
Die Kälte gleicht einer Belagerung. Ich krieche in mich zurück und verdichte zu einem Rest. Keine größeren Gedanken, und selbst die kleineren zerbrechen zu Scherben. Der Münzenwurf beim I Ging bestätigt die Lage: Das Übergewicht des Kleinen (62) mit dem Wandelbild Die Bedrängnis (die Erschöpfung) (47). Botschaft: kleine Brötchen backen, die Bälle flach halten, bescheiden sein, sich zurückziehen, warten. Sowie: auf der Hut sein, nicht von hinten attackiert zu werden. Vorsichtig lief ich die Straße hinunter, meine Schritte suchten Inseln im glitzernden Meer aus Eis. Ich bin heil zurück.
1980
Das im Stich gelassene Individuum, vollgepackt mit Furcht und Neurosen
Die Trostlosigkeit der Erklärungsversuche der Missetäter und das Stereotype ihrer Ausreden läuft stets auf dasselbe hinaus: Wir haben es nicht besser gewußt, man hat das damals so gemacht, wir waren Ausführende auf höheren Befehl, nämlich dem einer Autorität. Seit hundert Jahren oder länger scheint die Menschheit im Umkreis der sogenannten zivilisierten Nationen aus Befehlsempfängern und konditionierten Funktionern zu bestehen. Da kann man ja gleich die künstliche Intelligenz ans Werk lassen, das erspart spätere Gewissensbisse. Statt Menschen zu Maschinen zu machen, wie geschehen, machen wir nun Maschinen zu sogenannten Menschen. Die Umkehr war fällig. Sie wird zu weiterer Humanisierung führen.