Leben heißt lernen. Kein Tag, an dem wir es nicht tun. Es ist nicht möglich, nicht zu lernen. Lernen forcieren zu wollen ist Sache der Leistungsbeauftragten. Bis zur Einschulung lief es ganz gut mit dem Lernen, danach nicht mehr. Was ist geschehen? Da kamen die anderen, da war man woanders, da wurde verglichen. Dreißig kleine Schulkinder in einer sogenannten Klasse in fremder Umgebung, vorne eine unbekannte Person, die fortan würde zu bewerten haben, wie gut es mit dem Lernen funktioniert. Da ist der Bruch, da beginnt für manche ein furchtbares Elend. Es gibt Erwachsene und sogenannte Senioren, die sind ganz fröhlich und fuchteln aufgeregt mit den Armen wie Nestflüchter, wenn man sie mit „lebenslangem Lernen“ füttert. Andere zucken zusammen wie unter Stromschlägen, kommt ihnen jemand mit „Gehirnjogging“ oder „Beziehungsarbeit“. Die Reaktionen sind Erfahrungen des Körpers.
Autor: Holger Tegtmeyer
So gut wie selten zuvor
Psst, schlafen alle, leise. Januar ist Ruhezone. Nur die Notorischen quirlen Luft und Raum. Halt doch einfach mal den Mund. Die Freundin legt während der Fahrt ihren Kopf auf die Schulter der Freundin. Es ist nicht spät, doch vor vier Stunden ist die Sonne untergegangen. Wir treten über in das Zeichen des Wassermann. Der ist etwas heller und schneller, der regt das Denken an. Wer den Steinbock nicht ehrt …
In der Sonne tanzen
Hitzacker
Januar ist Schlafenszeit. Alle Lichter aus. Selbst tagsüber pennen die Leute. Dabei wird eine Menge Sonnenlicht ausgegeben, erstaunlich für den schwärzesten Monat des Jahres. Februarkälte ist bereits vorgezogen, dieser Januar ist ein Prachtbursche, ein Wintermusterstück, und wird eingehen in die Geschichte der lokalen Witterungen. Derweil dämmern die Menschen in Hoffnungslosigkeit dahin, denn die allgemeinen Verhältnisse verheißen wenig Gutes. Letzte Reste Humor werden zusammengekratzt.
Tempo geben ins Nichts
Reich sein oder werden
Manchmal schnappe ich Sätze der Vorübergehenden auf, oder ich bin der, der vorübergeht, so zum Beispiel am Sonntag im Wedding, als ein Mann auf einer Parkbank saß und telephonierte, im sogenannten Afrikanischen Viertel, wo die Straßen nach ehemaligen deutschen Kolonien benannt sind und nach jenen, die sich dagegen zur Wehr setzten. Der Mann sagte: I don’t know if she is rich, but her husband was rich.
Hört auf diese Stadt
Als ich nach Berlin zog, war die geschundene Stadt für ein paar kurze Jahre noch jeder Aufmerksamkeit wert. Man sah die Wunden im Stadtkörper, identifizierte die Einschußlöcher aus den letzten Wochen und Tagen des letzten Krieges, lief mit zugeschnürter Kehle die Wege des Wissens entlang. Dann kam, was sie einen hype nannten, etwas ungesund Aufschießendes, Herdenhaftes: eine Stampede kommerzieller Ausschlachtung, Vermarktung und Entwürdigung, die Schändung dieses Körpers, befördert von Stadtmarketing und der Konsum-Ideologie von global village und lonely planet. Alles war space in den dummen Nullerjahren. Die Investoren fielen über die Stadt her, bis sie schrie. Sie schreit Nacht für Nacht. Tagsüber hört man fast nichts, da braust nur der ewige Verkehr.
Skizze eines Territorials
Manche möchten in die Systeme, ich möchte aus ihnen heraus. Andere wollen selbst eines erschaffen, das vieles von dem enthalten soll, was es gibt. Ein jedes Einzelne an seinen zugedachten Platz. Nur daß die Einzelwesen und Dinge sich nicht an solche Platzzuweisung halten und sich zu bewegen beginnen, kaum pfercht man sie gewissermaßen ein. Das nannte einmal jemand den Aufstand der Dinge – er meinte jedoch nicht allein den der Gegenstände. Auch für Systeme gilt nach guter Lebenspraxis das Prinzip der offenen Tür: durch sie läßt sich sowohl ein- als auch wieder austreten. Ohne solche Türen, die in beiderlei Richtung durchgängig sind, gilt das Prinzip der Geschlossenen. Die Geschlossene ist eine Anstalt, in die man amtlich beurkundet eingewiesen und aus der man erst wieder entlassen wird, wenn das neuerlich eine anerkannte Autorität anordnet. Definitionen sind gedankliche Einsperr- und Aussperrvorrichtungen. Daher die endlosen Streitereien um so etwas Belangloses wie einen Begriff. Doch die Festlegung der Grenze läßt Millionen erzittern. Davon handeln Macht und Ohnmacht.
Filmrolle rückwärts
All diese Leute in laufenden Bildern aus Geschichten in unvertrauten Gegenden, die einen nichts angehen, bis man sie bearbeitet und zurechtgeschnitten vor Augen hat, Film auf Film, bis man vergißt, wo man mit den geleiteten Augen und Ohren bereits war, die übrigen Sinne schweigen und bleiben, wo sie sind, nämlich hier, wo ich wirklich und täglich lebe, nicht nur für neunzig Minuten. All diese bildhaft und bewegt vorgeführten Leute versuchen irgendwas, bis es gelingt oder mißlingt, und suchen wohl auch nach etwas, das durchaus dem ähneln könnte, wonach ich suchen wollen würde, wäre ich so wie diese Leute auf dem Bildschirm. Ich bin es aber nicht. Früher einmal hätte ich sein mögen wie einer dieser heldenhaften Leute, heute möchte ich mit niemandem tauschen. Man wird nicht umsonst älter. Filme bestaune ich wie abwegige Möglichkeiten oder unzulängliche Gegebenheiten. Nur manchmal noch identifiziere ich mich, dann wird es warm, vertraut und schön.
Ehrfurcht vor dem Nächsten, wäre das der Titel?
Daß wir nicht wissen, in welchem Zustand diejenigen sind, die wir anrufen und zu berühren versuchen. Unaufhebbares Nichtwissen. Vermutlich notwendig, damit wir nicht nach Belieben herumwirtschaften können. Die erkannten und zugleich unverstandenen Grenzen sind ein besonders Schönes an unserem Menschsein.