Autor: Holger Tegtmeyer
Selbstbildnisse
Im kahlen kalten Kirchenschiff auf harten Büßerbänken sitzend an den steilen weißen Wänden hoch die Klänge der Orgel. Erklingt die Orgel, spricht Gott, sagte Hermann Hesse. Marienkirche zu Berlin im Schatten des Fernsehturms, der wie eine Nadel in den gottlosen Himmel sticht. Müßte ich Gott sein, würde ich weghören, wenn die Menschen lamentieren. Daß sie aufdringlich sind, beleidigt den Geschmack. Sie lassen ihn gar nicht mehr frei.
Niemand gibt irgendwem ein Gefühl
Man kann Gefühle nicht denken. Über sie nachdenken läßt sich. Die Vorsilbe zeigt an, wie die Reihenfolge lautet. Gefühle haben nicht recht, doch sie zeigen an. Ohne sie sind wir verloren, mit ihnen geraten wir ebenfalls in Schwierigkeiten. Humor hilft heilen. Scheißkälte draußen auf den Straßen, doch sie strafft die Haut. Durch die Untergrundbahnen betteln sich die Bettler und können nicht wissen, daß einen Wimpernschlag zuvor bereits jemand gefragt hat. Man kann versuchen, die halbe Welt zu belehren oder zu bekehren. Man muß stattdessen das rote Auto ausparken. Rush Hour ist das Spiel der Stunde.
Glanz der elektrischen Kerzen
Sich vor die Tür trauen – ein Wagnis. Auf der Straße bleibe ich gleich erstmal stehen und suche Halt in mir selbst – eine Hoffnung. Wird schon was zu finden sein. Verkehr verkehrt, Autos schnellen die Anhöhe hinauf, Vollbremsung, damit eine betagte Fußgängerin nicht samt ihres Rollators zerfetzt wird. Durchatmen. Dreiundzwanzigster Tag des aktuellen Dezember. Ich bin auf dem Weg ins Risiko. Früher trugen Bars solche Namen. Eine glatte Zwei für das ablaufende Jahr, was immer noch geschieht. Man soll ja nicht, ich weiß: den Tag vor dem Abend, das Jahr vor der Knallerei, loben, proben, toben. Oben ist noch Platz, unten wieder voll. Minus vier oder fünf, da werden welche erfrieren, die wärmen die westlichen Werte nicht. Der Wind weht aus Nordost. Ich schreibe diesen Text am Geburtstag des legendären Wanderpoeten und höre Gang Starr.
Rührung und Berührung
Der Unterschied zwischen gerührt und berührt sein. Ich liebe die Sprache, die auch ich sprechen lernte und in mir dauernd erneuern muß, damit ich noch fühlen kann, was ich sage. Kürzlich war ich berührt, schrieb aber gerührt. Gerührt ist besser als geschüttelt, wir haben Spaß. Manchmal liegen die Bedeutungen knapp nebeneinander, manchmal sind sie weit voneinander entfernt wie böse Nachbarn. Das Mißverständliche ist eine eigene Kategorie, dort geschehen die bemerkenswerten Unfälle. Sprache soll verbinden, doch sie kann auch trennen. Da sie dieses kann, wird sie jenes leisten. Einen Gruß an Schiller, Vorname Friedrich. Er war ein Meister der Überkreuzstellung von Aussagen, konnte sich kaum beruhigen, so sehr war er verliebt in solche Positionsspiele der Satzglieder.
Niemand kennt sich aus
Das Schauen in die Augen will gelernt sein, das Lesen der Blicke, das Aushalten. Zugleich kann es das nicht. Mir ist, als wüßten wir jeweils alles voneinander – doch dann siegt das lahme Bewußtsein und erklärt Normalität oder Normativität. Es wird eine gute Funktion (Aufgabe) haben, daß wir erst zeitverzögert begreifen, was hätte geschehen können. Nein, wir sind selten im Augenblick. Später sind wir es. Wer im Augenblick wäre, geriete jederzeit in unerhörte Gefahr.
Der guten Dinge
Wer wissen sollte, wann Goethe geboren und wann gestorben ist, stapelt ihn korrekt ins Regal der Zeit. Vielleicht kennt man noch ein paar seiner Werke, hat sie gelesen und in Teilen verstanden. Da steht man schon hoch. Wer braucht noch Goethe? Nun, diejenigen, die es tun. Doch aus welchen Gründen? Goethe müßte doch lebendig sein in ihnen. Wie aber zeigt sich das? Was bedeutet es denn, etwas zu wissen – außer daß man auf Lehrer- oder Quizfragen angemessen zu antworten versteht und Punkte einheimst? Wir befinden uns in der Schule des Lebens, da gibt es keine Noten mehr. Wann erscheint Faust III und wozu?
Vorteilsannahme
Sich gesellschaftlich etabliert zu haben gleicht dem Gewinn eines Anspruchs, ein Recht darauf erworben zu haben, von gewissen Problemen fortan dispensiert oder auf absehbare Zeit verschont zu sein.
Anathema
Draußen auf den Straßen der Überlebenskampf der Gestrauchelten und Angezählten. Harte Kontraste in den Zentren des geregelten menschlichen Aneinandervorbei. Die Metropolen sind quantitative Erkenntnisorte, deren Umschlagsmoment ins Qualitative zu studieren ist. Ich fahre meine Strecken und gehe meine Wege und sehe. Nicht immer berichte ich. Doch in mir türmen sich Berge des erblickten Elends. Man kommt in kein vernünftiges Gespräch dazu mit anderen Leuten. Es ist ihnen unangenehm. Sie wissen auch nicht. Das ist der Pegelstand geteilten Nichtwissens, ein kognitives Normalnull. Angst umkreist die Gesprächsszene, als geduldeten sich unsichtbare Geier hoch oben und warteten auf einen neuen Kandidaten fürs Gefräß. Immerhin bin ich es nicht oder noch nicht, denkt hofft betet der geplagte Mensch, in sich bereits unsicher genug und ängstlich und bangend auch dauernd. U gutte gutte Gutt, brachte meine Bauerngroßmutter hervor, wenn das Entsetzen sie bannte und sie es umzukehren versuchte.
Selbstschuldautomatik
Am Mehringdamm liegen sie in Schlafsäcken an der Straße. Einer im offenen Bushaltehäuschen, immerhin überdacht, lang hingestreckt über die drei oder vier harten Sitzplätze, das Gepäck unter den Sitzen. Ein anderer liegt im Hauseingang neben Curry 36, wo zwanzig, dreißig Menschen Currywurst mit oder ohne Darm, mit oder ohne Pommes essen. Ganz normal offenbar. Das ist das Schlimme am Menschen – er gewöhnt sich an alles. Irgendwann steigen wir über Leichen und beschweren uns über den Gestank.