Brandgeruch schmecken

Brand im Tunnel der Untergrundbahn 7 an der Station Yorckstraße. Ich steige vom Westeingang hinunter, dort kommen sie mir aus dem Rauch schon entgegen. Einen kurzen Augenblick überlege ich, mir das näher anzusehen – Reflexe des Journalisten, des Reporters, desjenigen, der nicht wegläuft. Der Rauch dringt nicht allein durch die Nase in die Lunge, er schmeckt auch. Ich schmecke ihn am Gaumen, mittig oberhalb der Zunge. Ich nehme den Bus Richtung Mehringdamm. Selbst dort, zwei Stationen weiter, schmeckt es bereits nach Brand. Die Wartenden merken es nicht. Die Bahn fährt ein, kommt von dort. Im Waggon sitzen sie und halten sich Tuch oder Stoff vor die Nase. Sie sind da mitten durch, der Fahrer des Zuges (ich sehe ihn kurz) blickt stoisch geradeaus. Noch drei Stationen bis zum Ziel, nächste Station Gneisenaustraße. Die Türen öffnen sich, schließen. Wir können jetzt lüften, sage ich den Leuten im Waggon, das Feuer liegt hinter uns. Man spricht nicht zu allen in diesen Bahnen, es sei denn, man bettelt. Schließlich wächst aber das Vertrauen und nacheinander werden die Kippfenster geöffnet. – Jetzt, mehr als zwei Stunden später, schmecke ich den Rauch noch immer.

Brandgeruch schmecken

Sonnentage

Lichte Tage im dunklen Dezember. Ein leiser Jubel durchrieselt den Körper. Ach, wäre die Lichtausschüttung durchaus geistiger Art, dann würde Intelligenz die Hemisphäre erstrahlen lassen in Schauern der Einsicht und umfassenderen Verstehens. Stattdessen deprimieren sie uns weiter, die Köpfe auf den Bildschirmen mit ihrer Sprechblasenrhetorik der Wiederholung erbarmenswerter Plattheiten. Immer schon; nie; alles; nichts; weiter so. Schaffen sie es, die große Katastrophe anzurichten? Sie tun einiges dafür. Und wir hier? Spüren am Körper Sonnenenergie und sprechen textlose Gebete. Wir warten auf ein Wunder, so kindlich und bescheiden sind wir geworden. Die machen das schon, werde einige denken. Politik ist, lauthals und kopfüber in Sackgassen zu stürmen.

Sonnentage

Himmel, Wasser, Erde

Ich möchte reinste Freude sein. Zuvor ein paar Befürchtungen abgeschüttelt, auch kleinere Ängste losgeworden. Soll doch alles kommen, wie es will oder sich ergibt. Schicksal ist nicht Determinismus; dieser ist mechanistisch, jenes lebendig-dynamisch (kreativ-poetisch mit Schlußpointe). Ich lasse Fragen wie die nach dem Schicksal offen, lebe noch nicht lange genug. Wer weiß, wohin das Leben mich trägt. Ich bin ein kleines Boot auf dem Strom des Lebens und darf ein bißchen paddeln und zu steuern mich bemühen, wenn die Stromschnellen tosen. Nur ein Bild, eine kleine Idee. Heute schien die Sonne, der Himmel war hoch und blau gespannt. Schon ist heute vorbei, morgen rückt an. Null Grad draußen, sternenklare Nacht.

Himmel, Wasser, Erde

Dezemberkinder

Überwältigt wäre eines dieser Worte. Ja, so sehr. Von der Schönheit und der Liebe des Lebens. Schließlich nämlich sind wir nicht Verlorene, auch wenn es für lange ausgesehen oder insbesondere angefühlt hat. Wie vorsichtig wir sind und fein. Das Jahr zählt ab, meint man. Es rundet sich, schließt ab. Gutes Jahr, die allgemeine Vernunft kehrt zurück, schüchtern wie ein Rebhuhn. Gutes Jahr, Herz und Hirn verbinden sich. Das macht stark.

Dezemberkinder

Gulasch auf dem Herd

In solcher Zeit Texte zu verfassen, die haltbar sind, erfordert einiges. Zunächst vielleicht dies: sich nicht gemein machen mit den Forderungen der vorlauten und zu herrschen trachtenden Mächte; bei jedem Schritt den nächsten und übernächsten bedenken, gemäß der Frage, wo soll das hin; niemals Parteigänger werden, und sei es noch so verführerisch, einer zu sein und wie stets für die gute und unwiderstehlich richtige Sache; mit seinen Instinkten zu spüren, was an einer Sache faul ist; den Verführungen der Zustimmung und des Mitströmens ausweichen; nicht in die Gegenrichtung sich verführen lassen; Spaziergänge unternehmen, sogar Wanderungen; fortdauernd Humor einsetzen; ausreichend schlafen und essen; auch wissend: das geht vorüber.

Gulasch auf dem Herd