Gott ist der Weihnachtsmann, er weiß alles. Am Tag vor Heiligabend wird das Urteil verhängt. Ich bin schuldig und bekomme nichts. Das war ja klar. Endlich ist Bescherung. Die Tür geht auf, der Christbaum leuchtet. Auch ich stehe im Glanz der Lichter und gehöre dazu. Ausgerechnet ich, der Sünder, der Lügner, der Gedankenverlorene. Ich habe Neben- und Hintergedanken noch zu jedem und allem. Nun werde sogar ich beschenkt, das ist erstaunlich. Meine Ergriffenheit kennt keine Grenzen, zugleich denke ich nach, wie es mir gelungen sein könnte, solches zu erreichen, indem ich vermutlich …
Autor: Holger Tegtmeyer
Dorfkneipe
Da geheuchelt und gelogen werden muß, stellt sich die Frage, an welchem Punkt positive Ehrlichkeit festzustellen sein könnte. Der gesellschaftliche Druck besorgt die Heuchelei, jeder weiß das. Die Lügen ergeben sich auf Nachfrage. Auf Druck ließen sich Geständnisse erpressen, doch wen interessiert das. Man kennt seine Pappenheimer, wie man sich selbst kennt. Nämlich ungenügend. Mit solchem Halbwissen, insbesondere über die eigene Person, läßt sich locker ein Leben bestreiten. Das sollte man den Leuten sagen, damit sie sich nicht allzu sehr fürchten.
Gesellschaftlich
Du siehst phantastisch aus! bemerkt die Gastgeberin zur Begrüßung des ungebetenen Gastes. An der Haustür ist sie sichtlich überrascht, die ehemalige Freundin zu erblicken und spielt schnell und gekonnt über die Irritation hinweg. Komm doch herein, sagt sie und macht den Weg ins Innere frei. Danke, sagt die Freundin aus früherer Zeit und tritt ein. Im Haus sind die Freundinnen versammelt, sie kichern und tuscheln wie damals, als sie Schülerinnen waren. Längst sind sie Positionäre, Standartenträgerinnen, Größen der Gesellschaft. Der erstaunte Blick gilt der Neuen, die aus ihren Reihen stammt und sich verirrt zu haben scheint. Was will sie hier, die Party ist doch gut. Ohne sie bliebe die Party gut. Mit ihr wird sich was ändern. Warum wird sie eingelassen? Herrgott, kann denn nun jeder hier herein nur wegen früher!
Engel sind nicht der Menschen Wünsche hörig
Nicht ein Mensch ist wie der andere. Daß wir auf die Idee geraten sind, uns selbst als idealtypisch aufzufassen und über derart gespeiste Annahmen zu Generalisierungen vorzustoßen, die die Spezies betreffen sollen, ist verwegen. Daß der Beobachtende Teil des Beobachteten ist und dieses beeinflußt, hat sich immerhin herumgesprochen. Desungeachtet wäre es allerdings herrlich, über eine interessenfreie Wissenschaft zu verfügen. Sie wäre eine Wissenschaft der Engel des unabhängigen Wissens.
Leben und lassen 3
In den Schönheiten des Wirklichen bin ich gefangen wie ein Abtrünniger der Ideen. Ich bin berauscht davon, daß buchstäblich nichts Lebendiges den Vorstellungen folgen muß oder will. Daß die Forscher und Interessierten nachträglich ihre Zurechtlegungen für das, was geschehen ist, finden, ist erwartbar. Ich halte die Wissenschaftler für Angehörige eines strengen Ordens, in dem darauf geachtet wird, daß die Grenzen des eigenen Wissenkönnens eingehalten und dessen Bedingungen reflektiert werden. Es ist, das zur Beruhigung, ganz und gar unnötig, daß wir alles wissen. Immer schon sorgt das Leben für uns und umgekehrt. Kontrolle handelt von Angst, wissen die Ordensmitglieder der Psychonautik.
Leben und lassen 2
Wenn das Denken käsig wird und lange Fäden zieht, öffnet man die Tür und spaziert nach draußen. Da ist dann meist schon die Sonne, ein paar Vöglein zwitschern, vielleicht gibt es ein Regengeschenk, gar kein Problem. Man muß sich nicht im Glas der Schaufensterscheibe spiegeln, hat sowieso schon genug von sich. Einfach nur sein, stehen bleiben oder gehen, bemerken ohne zu bewerten – und die Verallgemeinerungen in Ruhe lassen. Gar nicht schlecht, so ein menschliches Leben, wenn es sich einmal läßt. Oft kommt dann irgendeine Gier in die Quere und fummelt am Abzug herum. Die Pistole hübsch gesichert lassen, auch nicht nachladen. Wir spazieren einfach nur so rum, wollen gar nichts.
Trockenobst
Wenn sich Glaube mit Geld zu Macht oder Macht mit Glaube zu Geld (die dritte Variante erleben wir zeitgemäß jetzt) zu bekehren beginnt, entsteht Leidens- und Gewaltgeschichte. Die Zeugen sprechen gepreßt. Man zieht sie aus den Jahrhunderten wie getrocknete Feigen. Einstmals hatten sie recht, nun verstehen wir. Das Verstehen kommt zu spät. Es ist tragisch. Können wir, dürfen wir, sollten wir Tragik mildern? Die Tragischen sind schöner und wirken erhabener als die Komischen. Die Banalen sind jene, die sagen, was man sagt, die tun, was man tut und so weiter.
Als sollten wir noch einmal von vorn beginnen
In einer Welt ohne Transzendenz kann Kunst nicht mehr sein. Sie wäre bestenfalls Unterhaltung und sorgte für Kurzweil gegen die Langweil. Doch die Langweil trüge den Sieg davon, weshalb mit Sensationen zu reagieren wäre und weiteren nach oben skalierten sogenannten Spektakeln. In solcher Zeit dürfen wir leben. Vor nahezu zwei Jahrzehnten, als wir planten, ein gedrucktes Lebens- und Kunstmagazin herauszugeben, das den Namen PALLAS trüge, wußten wir genau, daß die Unterhaltungsbranche am Ende war. Jedenfalls für uns, wir waren zu dritt. Man müßte sehr anders an den Start gehen, um den Themen des Lebens gewachsen zu sein. Wir starteten Pallas nicht, ließen sie liegen, gingen eigener Wege. Kein Makel, heißt es günstigenfalls im I Ging. Die nicht verwirklichten Projekte sind die besten. Jeder weiß es.
Sheridan Pickett, gespielt von Skywalker Hughes
Nicht jeder wird eine Fernsehserie ansehen wollen, die von einem Wildhüter namens Joe Pickett handelt, der am Rande der Rocky Mountains dafür sorgt, daß die Jagdregeln eingehalten werden. Ich erwähne die Serie, deren zweite Staffel ich nun ein zweites Mal schaue, da ich voll und ganz auf Seiten von Sheridan bin, der mittleren seiner und seiner Frau Kinder. Sheridan möchte die Wahrheit wissen, und sie ist jederzeit bereit, trotz ihres Alters, die ganze Wahrheit zu erfahren – und nicht die für sie herunterdosierte Version oder gar das Gegenteil, nämlich eine pädagogische Lüge. Wie alt mag sie sein? Ich weiß nicht, vielleicht wird es irgendwann erwähnt. Ich denke, sie ist sieben oder acht Jahre alt, möglicherweise neun. Sie ist diejenige, die am besten versteht. Solche Leute gibt es in jeder Familie.
Wie ein Zopf geflochten wird
Kann man Kinder in guter Absicht mit Lügen beruhigen? Ja, das läßt sich versuchen. Gelingen wird es nicht. Worin bestände die gute Absicht? Ich höre, sie würden dadurch geschützt; das Unangenehme möge eine Zeitlang noch ferngehalten werden, die Wahrheit wäre zumutbar ab einem gewissen Alter, dann käme es zu einer Art Offenbarung. Wie soll die aussehen? Ich habe länger als irgend jemand sonst auf der Welt an den Weihnachtsmann geglaubt. Das ist kein literarischer Witz. Ich kenne also die Kraft des Glaubens. Doch mir wurde niemals weisgemacht, die Kinder brächte der Klapperstorch oder alle geliebten Menschen seien automatisch gut. Ich hielt mich selbst sogar für böse, weil ich meines Erachtens nicht gut genug war. Deshalb fürchtete ich den Weihnachtsmann, Jahr für Jahr. Die Jahreszeit, da sich das ereignete, nähert sich nun. Gott ist für mich der Weihnachtsmann, ohne jeden Humor. Deshalb kann ich ohne mit der Wimper zu zucken sagen: Stell dir vor, du bist Gott. Die Mystiker wissen ohnehin Bescheid. Ohne mich ist Gott nicht, sagte einer von ihnen. Ohne Gott bin ich nicht. Wir benötigen einander. Mir ist das vollkommen klar. Gott ist ein Wort mit vier Buchstaben und einer Bedeutung, die unauslotbar tief ist. Flach genommen kommt nur Unsinn dabei heraus. Spricht jemand über Gott, erkennt man schnell, auf welchem Niveau die Regung stattfindet. Das ist nicht verwunderlich. Wir alle kommen aus den Parolen, sie sind die Überbleibsel unverstandener Geschichten.