Leben überlebt alles

Nach der Aufregung kommt die Beruhigung. So ist es stets. Der Marder fährt in die Hühner, gerät in einen Blutrausch, tötet zwei bis drei Tiere. Die toten Hennen liegen herum, der Hahn kräht laut. Er müßte der Chef sein und solche Aufregung verhindern, doch gegen einen Marder kommt er nicht. Umso stolzer läuft er umher und reckt sein Haupt empor. Endlich ist klar, daß auf dem Boden oder der Empore drei Tote liegen und dort liegen bleiben. Räumt kein Mensch sie fort, bleiben sie dort liegen, beginnen zu stinken und werden wie auf Befehl einer höheren Gewalt nach und nach zersetzt. Für die anderen Hühner und den Hahn geht das Leben weiter. Was sollen sie tun? Der Hühnerhof ist umzäunt. Die Erinnerung an den Marder bleibt bestehen. Er könnte wiederkommen, wenn erneut vergessen würde, die Klappe zum Hühnerstall zu schließen. Die Hühnerklappe schließen, das müßte ich tun. Ich hätte es damals tun müssen, doch ich kam zu spät. Da waren die Hennen bereits tot. Deshalb schreibe ich dies auf, längst ahnt man es. – Ich dachte dann (nahm an), daß der Marder befriedigt sei nach seinem ersten und spektakulär erfolgreichen Raubzug und nicht erneut einführe in die friedliche Hühnerschar. Doch er kam zurück, wieder war es meine Schuld, und vier weitere Hennen lagen blutbesudelt am Boden des Hühnerstalls. Während ich die Hühnerklappe hätte schließen müssen, war ich noch in eigenen Lebensdingen unterwegs, hatte wichtige Verabredungen. Einmal ist ein Versehen, das zweite Mal ist es Fahrlässigkeit. Der Vater bestrafte mich nicht, als er davon erfuhr.

Leben überlebt alles

Anregung, Antrieb, Eingebung

Es heißt, der Mensch sei ein instinktschwaches Wesen, anders als die Tiere, mit denen er verglichen wird. Auf solcher Annahme oder Beweisführung beruhen Anthropologien. Ich erinnere mich an die Idee, der Mensch sei hinsichtlich spezifischer Überlebensfähigkeiten ein Mängelwesen, dessen evolutionärer Vorteil jedoch darin bestanden habe, fast sämtliche seiner Mängel klug ausgleichen zu können, insbesondere durch Werkzeuggebrauch und planvolles gemeinschaftliches Handeln. Ich erinnere mich der Busfahrten, als ich versuchte, Arnold Gehlens Der Mensch zu verstehen. Ich war Oberstufenschüler eines städtischen Gymnasiums, ein Auswärtiger, ein Dorfkind, eine Stunde mit dem Schülerbus entfernt draußen wohnend auf dem Land, eigene Fragen im Kopf, suchend sowieso, Lebenswelten wechselnd wie noch heute, da ich in Neukölln lebe und in Zehlendorf arbeite, beides Berlin. Wieso beschäftigen mich die Instinkte? Ich meine, wir hätten welche. Soll ich nicht wir sagen? Ich meine, ich hätte welche. Im tv-medialen Verkehrsunterricht sprach man vom siebten Sinn. Es geht nicht allein darum, etwas zu ahnen, sondern um aktivierte Aufmerksamkeit hinsichtlich einer eintreffenden Situation und deren Antizipation. Nicht nur privat, sondern auch politisch ist man auf Instinkte angewiesen. Falls die Biologen murren, schreibe ich sie in Anführungszeichen.

Anregung, Antrieb, Eingebung

Wohlan

Ich spüre und sehe mit an, wie Menschen ihr eigenes Altwerden präfigurieren, das heißt, ungezwungen ihre Leblosigkeit vorbereiten. Leblosigkeit ist Erstarrung. Sie basteln emsig an einer Konfiguration, die zwar Sicherheit verspricht und solches Versprechen auch halten kann, aber das Lebendige ausschließt. Was geht mich das an? Eigentlich wenig, andererseits viel. Ich bin ihnen verbunden und leide mit. Wie würde ich es an ihrer Stelle tun? Ernsthaft gefragt. Ernsthaft geantwortet: Ich weiß es nicht. Da ich nun ein bißchen alt genug bin und ein anderer, weiß ich (immerhin das ist erreicht), daß zu leben bedeutet, viel zu geben, Angst zu überwinden und Fehler zu riskieren, sie nicht einmal zu scheuen. Es bedeutet, schwingungsfähig zu sein und in Berührungen zu geraten, auch in Konfrontationen. Wir sollen leben.

Wohlan

G wie Geld oder Geist oder Gespenst oder Gicht

Der November macht sich deutlich. Nebelmonat. Nun wird es tief. Die Toten kehren zurück. Nachdenklichkeit und Besonnenheit halten hof. Das besorgt die Natur. Sie ist die Chefin, jeder weiß und spürt das im eigenen Körper. Wir mögen rebellieren, randalieren, sie behält recht. Besser man legt sich mit ihr nicht an. Deshalb gibt es eine (von mir neuerlich eingeforderte) Naturphilosophie und hoffentlich eine Naturheilkunde, die solchen Namen verdient. Ich wurde zum Bewunderer des menschlichen Immunsystems, als man uns beizubringen versuchte, es sei defizitär.

G wie Geld oder Geist oder Gespenst oder Gicht

Muß man für alles sein

Eine eigenartige Tabustarre setzt ein, spreche ich mit Bekannten und Freunden über Themen der neueren Lebensgestaltung. Dazu zählen die Lieferdienste für dies und das, die notorische, weil angeblich günstigere Bestellung über das Internet, die Bezahlung der Supermarkt- oder anderer Geschäftsrechnung vor Ort via Karte, die Nutzung der sogenannten Künstlichen Intelligenz, den Preis für die technischen Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten. Ich bekomme zu hören, daß es ist, wie es ist. Als hätte ich das nicht bereits bemerkt. Tabustarre deshalb, da ich spüre, daß man darüber kaum sprechen, jedenfalls nicht nachdenken möchte. Man wiegelt ab, man nickt und hofft. Man hofft, daß sich demnächst ein bequemeres Thema ergeben wird. Die Welt ist voller Themen, da muß man nicht über solchen Scheiß reden. Ich sehe das ein. Es kommt sowieso, wie es kommt, und stets kommt es, wie es kommt, da solche Tabus errichtet sind. Woher die Angst, frage ich mich. Läßt sich doch locker über alles reden. Ich spüre einen Druck seitens meiner Gesprächsleute, die mich ängstigt. Was ist los? Ernsthaft gefragt. Zu jedem Vorteil gehört ein Nachteil, das lernt man doch bereits früh.

Muß man für alles sein

Der Züge Donner

Steht man am Bahnsteig, wartet auf einen Zug nach sonstwo, und ein Güterzug brettert durch, beginnt man vielleicht nicht zu verstehen, aber immerhin zu spüren, was los ist. Machtvolles Getöse, Gerappel, Geschepper. Die Gleise schreien vor Belastung, der Fahrtwind bläst einen zurück. Ich versuche, die einzelnen Waggons zu zählen, bei achtzehn gebe ich auf. Später dann im Zug meiner Wahl die distinguierten Menschen im Leisemodus ihres Privat- und Geschäftslebens. Das ist die andere Welt, die von jener der Lastzüge wenig weiß. Ich möchte beim Bild des donnernden Güterzugs bleiben, der an mir vorbeigerauscht ist. Was für eine Kraft, was für eine Gewalt. Sie reißt die Stille entzwei wie ein Fetzentuch.

Der Züge Donner