Pflaumenmus und Räucherspeck

Bauernhofkind zu sein – was heißt das? Es heißt, von wo zu kommen, Erde unter den Füßen zu spüren, wohin man auch geht. Heimaterde. Deshalb ersehne ich mir Leichtigkeit. Ich ersehnte mir nicht Leichtigkeit, fühlte ich mich leicht und frei und wäre bereit zu jeglichem Flug sonstwohin. Im Gegenteil, ich spüre die Last und die Nässe der schweren Böden meiner Heimat. Andererseits, und dieses Andererseits ist sehr mächtig, strebe ich hinaus in die Weite und Schönheit eines nichtarmen Lebens. Denn arm waren sie daheim, und das Karge und schamhaft Zurückgenommene kennzeichnen einen Teil meiner Herkunft, insbesondere auch die Ängstlichkeit eines Aberglaubens, der in allem Zeichen des Unheils erkennt. Ich verallgemeinere: Wir kommen nicht von sonstwo, und wir sind auch nicht zufällig die, die wir sind. Eine solche Annahme grenzte an Selbstaufgabe, wenn nicht -vernichtung. Sehen wir genauer hin, was da los war, als wir begannen.

Pflaumenmus und Räucherspeck

Beim dritten Mal

Einmal lernte ich für ein knappes halbes Jahr Karate. Die Freundin war schuld, sie verschleppte mich in eine Sporthalle. Merken konnte ich mir wenig, die Kampfchoreographien waren schlimmer noch als die Tanzschulenschritte, auch fehlte es an Spiritualität (Geist und Begeisterung). Was ich mir gemerkt habe, ist das Folgende: Schlägt ein Gegner einmal auf mich ein, wehre ich ab. Schlägt er ein zweites Mal, wehre ich erneut ab und weiche vielleicht noch zurück. Schlägt er ein drittes Mal, erfolgt der Gegenschlag, schnell und gezielt, unmißverständlich.

Beim dritten Mal

In Geduld sind wir gut

Wenn das Leben eng und klein und feige geworden ist, haben wir das selbst zu verantworten und also auch bei uns selbst zu beginnen, sollten wir Weite, Größe und Mut anstreben. Dasjenige Wesen und Walten, das in einer klugen sprachlichen Fassung „Zeitgeist“ (Herder) genannt wird, gespenstert freigelassen herum und verteilt seine Marken auf jegliches, streunt und eilt hierhin bis dorthin, ergeht sich in Aktivität und erlischt. Manchmal muß man warten, bis Zeitgeist sich erledigt hat. Solches Erledigen besorgt ein jeder Geist, der einer bestimmbaren Zeit anhaftet, sich selbst. Insofern bedürfte es gewisser Geduld, gefiele einem ein bestimmter Zeitgeist nicht so sehr.

In Geduld sind wir gut

Ländliche Tanzfigur

Leben muß nicht idealisiert werden. Es riecht, es ächzt, es sondert Säfte aus. Die Kinder freuen sich über Fürze und imitieren sie, indem sie die Lippen auf den Unterarm pressen und Luft freilassen, jedenfalls die Jungens. Den Mädchen bringt man bei, sich vornehmer zu halten, aber schweinisch können sie zum Glück auch. Wir pendeln zwischen Adel und Abschaum, jeweils jeder. Später einmal, wenn man groß und bedeutsam ist, wird man sich eine Attitüde zugelegt haben, dazu die Kleidung und eine unverwechselbare Frisur. So schafft man Möglichkeiten, daß andere an einem emporstaunen können. Der Bauer in mir rülpst, der Adlige sagt: Gut so. Was ist denn schon dabei. Widerlich sind doch die Quälereien und Schindereien, das bewußte Kaputtmachen. Ansonsten lauter Arrangements und die Hoffnung, daß bei einem selbst noch etwas herausspringt hinsichtlich Begabung oder Beglückung. Niemals aller Tage Abend, und der Irrwitz mancher Tage strandet, landet, krepiert blindgängerisch. Dies gegen die Sterilität. Uns wachsen Haare sonstwo. Was ist mit denen?

Ländliche Tanzfigur

Bauernhofkind 2

Ich nenne mich Bauernhofkind, da dort meine ersten neunzehn Jahre stattfanden. Wohnhaus, Scheune, Stall. Hof und Gemüsegarten, nach vorn zur Straße ein paar Blumen für die Schönheit. Hühner, Kühe, Schweine. Dazu als Haustier der Hund, er durfte ins Haus. In Stall und Scheune die Katzen, sie durften nicht. Wir ernteten Gerste, Roggen, Hafer, Weizen, Rüben und Kartoffeln. Die Kühe kamen auf die Weide, zum Melken mußten sie in den Stall getrieben werden, immer mit der Ruhe. Das Verhältnis zu den Tieren ist vollkommen unsentimental, auch wenn die Kühe Namen bekamen. Edith, Gerda, Senta. Ich liebte ihre feuchtschimmernden Augen und liebe sie noch. Ich verabscheue Tierquälerei, wie ich Menschenquälerei verabscheue. Die Jungs spielten schlimme Streiche: der Katze eine Blechbüchse an den Schwanz, daß sie sich totrennt, Frösche mit dem Strohhalm aufblasen, bis sie platzen. Spielfeld der Grausamkeit. Die Sache mit der kleinen Katze (siehe unten) war kein Vergnügen. Es war ein Versuch, mich der bäuerlichen Wirklichkeit zu stellen. Mein Mitleid erschien mir lähmend groß, ich würde daran zugrunde gehen. Auch aus solchen Konflikten besteht das Leben. Die Bürger geben die Katze zum Tierarzt, der macht sie steril. Das gab es auf dem Dorf nicht, damals jedenfalls nicht, als es dort nur so wimmelte vor Leben.

Bauernhofkind 2

Bauernhofkind

Als Kind meint man lügen zu müssen, aus Angst vor Strafe. Ich wußte genau, daß irgendwas schon wieder nicht richtig war. Schließlich schlußfolgerte ich, daß ich selbst es sein müsse, der nicht richtig ist. Dauernd hatte ich was ausgefressen, ich hielt mich für schlecht. Als Kind lernt man Regeln, an die die Erwachsenen sich nicht halten. Ich geriet dauernd in die Klemme, fürchtete Strafe und hoffte, daß alles gut gehen möge und unbemerkt bliebe. Damals hätte ich zu Gott beten können. Stattdessen bekam ich Alpträume und fand vor Furcht nicht in den Schlaf. Was die Nächte angeht, durchlebte ich als Kind die Schreckensvisionen der Hölle, teils auch bei Tag (mein Katastrophismus: die Erwartung schlimmster Ereignisse). Das sensible Kind, würde man heute sagen. Damals auf dem Land gab es das nicht. Mit vierzehn oder dreizehn begann ich mich abzuhärten, mit fünfzehn wußte ich, was ich tat. Ich nannte es Desensibilisierung und bat meinen Vater, mit der Schaufel eine der winzig kleinen, noch blinden Katzen erschlagen zu dürfen. Er besorgte das für die anderen drei – eine aus dem Wurf verblieb jedoch bei der Katzenmutter, damit sie zu tun hätte und nicht sofort erneut Junge bekäme. (Katzen in Überzahl werden auf den Höfen zur Plage.) Seitdem zwinge ich mich hinzusehen, wenn Schlimmes geschieht. Ich kann nicht so tun, als sei nichts.

Bauernhofkind

Erbschaft antreten

Idee der Erbsünde. So wären wir verderbt von Anfang an, weil wir Menschen sind und als Menschen Nachfolger des ersten Menschen, dessen Sünde darin bestanden haben soll, erkennend sein zu wollen, also notfalls abtrünnig?

Daß wir auf irgendeine Weise im Verlauf unseres individuellen Lebens schuldig werden, ob wir es wollen oder nicht, leuchtet dagegen ein. Die Entscheidung für ist eine Entscheidung gegen, wir können es nicht allen recht machen, selbst wenn wir wollten. Wir dürfen und wir müssen irren.

Die Erbschuld des Menschen erstatten zu lassen von Jesus Christus ist mir unangenehm. Er soll nicht stellvertretend für mich leiden oder sich töten lassen. Ich möchte solches Opfer nicht annehmen, wie groß es auch sein mag. Lieber trete ich selbst vor Gott. Ich tue das nicht selten.

Daß andere anders über derlei denken, kommt mir gelegen. Lerne ich doch dieser Zeit, daß der Widerstreit gepflegt werden kann und sollte. Zur Erbsünde habe ich vorrangig diese Frage: Tut sie den Menschen gut, befördert sie eine gesunde Entwicklung, hilft sie heilen? Anders herum: Schadet sie, reißt sie Wunden, läßt sie verzweifeln? Macht sie klein?

Wir sind sämtlich Gottes Töchter oder Söhne, sofern wir eine sinnvolle Idee von Gott hinbekommen. Daß die Menschen in ihrem Organisationsbedürfnis, das auf Gruppenbildung, also Einschluß und Ausschluß beruht, ausgerechnet Gott kapern wollen, ist ein Skandal und beschämend banal. Die Kirchen schämen sich seit Jahrhunderten – ebenso die Gegenkirchen.

Erbschaft antreten

Tippen

Jeden Tag wird mir unklarer, was ich hier tue. Doch ich tue es. Ich tippe ins Weltall, was zu tippen ist. Ein frivoles Unterfangen. Ich sage Weltall, weil unklar ist, wo solch Gesendetes landet und seine Grenzen findet. Ich kann nicht einmal wissen, wer sich was merkt. Die Leute merken sich sonstwas, ihre Gehirne sind autonom und dienen.

Tippen