Nebelmonat

Er steht auf dem Dachgesims des Hotels und starrt nach unten in die reißende Tiefe. Letzte Bilder der Erinnerung flimmern auf und sind solche des Aufrufs. Geh den letzten Schritt. Er steht am Bahnsteig, eine Bahn fährt ein. Was hält ihn zurück. Muß man hundert werden. Wie gefährdet Menschen als Einzelne, Verlassene und Verlorene sind, schrillt mit der Nachricht ihres vorzeitigen Todes ein. Der Monat des Totengedenkens ist angebrochen. Es starben zu früh die Besten.

Nebelmonat

Menschenfurcht

Vorhin eine schöne fette Ratte gesehen. Auf dem Gehweg im Industriegebiet oder Gewerbegebiet lag was zu futtern. Es schmeckte auch der Taube, sie teilten sich die Mahlzeit. Die Ratte verschwand im Gebüsch hinterm Maschendrahtzaun, die Taube blieb, als ich den Freßplatz passierte. Ratten wissen, daß sie unpopulär sind, Tauben nicht.

Menschenfurcht

Kein Tingeltangel

Ich bin mit der sogenannten Ziellosigkeit komplett einverstanden. Der Weg ist mir jederzeit Ziel genug. Warum weitereilen, wenn es bereits schön ist, hell und warm? Ich nehme Zeit und Ort ernst, ich bin gern hier. Kosten wir den Augenblick aus, vergiften wir ihn nicht durch Pläne und Vorhaben, Absichten und Richtungen. Ich bin der, der bleibt. Sollte ich gegangen sein, war ich der, der gehen wollte. Müßte ich partout ein Ziel angeben, lautete es Anwesenheit.

Kein Tingeltangel

Tingeltangel

Die Frage lautet vielleicht nicht, ob wir ein Ziel haben. Wir werden eines haben, deren mehrere sogar, das läßt sich unterstellen. Die Frage ist: Was tun wir, wenn wir es erreicht haben? Ich höre die Antworten: Dann stellen oder legen oder setzen wir uns ein neues. Ziel.

Was bedeutet es, daß ich so frage und die Antworten lauten, wie sie lauten, und mich die Antworten nicht erstaunen, aber nachdenklich stimmen? Es könnte und müßte zuallererst bedeuten, daß ich alt bin, jedenfalls alt genug bereits, um den Lebenskampf zu relativieren, späterhin sogar aufzugeben, gezwungenermaßen. Es bedürfte meinerseits keinerlei Polemik, um dieses endlos fortlaufende und möglicherweise in ein spektakuläres Nichts zielende Getriebe als Rattenrennen zu desavourieren. Immerhin ist es Leben oder stellt sich streckenmäßig so dar. Besser noch als Tod. Keinerlei Makel, objektiv betrachtet, also aus der Sicht der Gegenstände mit ihrem Nichtbewußtsein heraus gesehen.

Nein, mich beschäftigt die bestürzende Tatsache, daß die Frage, was ein Ziel ist, ich seit der Pubertät nicht mehr befriedigend beantworten kann. Mittlerweile interessiert mich keine Antwort mehr. Kommt mir jemand mit Gottfried Benns Aussage, der Geist sei seiner Bestimmung oder Veranlagung nach bionegativ, nicke ich freundlich und unüberzeugt.

Ich habe oft genug Ziele simuliert, nur daß ich nicht wußte, daß ich simulierte, während ich es tat. Solches Vorgeben-als-ob scheint mir Kennzeichen des zivilisatorischen Lebens zu sein. Nur so können wir offenbar „gelesen“ und auch verstanden werden, jedenfalls mit Zuspruch und breiterer Anerkennung rechnen.

Was ein Ziel ist, weiß ich noch immer nicht. Ich sollte einem zustreben, das wurde mir versichert. Einem solchen zueilen zu wollen scheint ein Grundbeweis der Zurechnungsfähigkeit zu sein. Was aber, wenn ich gestehe, daß ich kein Ziel habe? Ich habe noch immer keins. Kein einziges würde mir gefallen, wenn es nicht so tun könnte, als sei es keines.

Großer Gott Wirklichkeit, das lädt ja zu sonstwas ein. Warum habe ich angefangen zu schreiben? Nun, ich fing an. Jetzt ist es geschehen. Schönes Leben mit Ausrufezeichen.

Tingeltangel

Skifahren

Es gibt auch einen, nehme ich an, unerlösbaren Teil unserer selbst. Der bildet und zerteilt sich dann in jene Teile oder Splitter, die den Späteren zu schaffen machen – zuvor jedoch uns selbst. Der Gedanke (oder die Idee) einer Erlösung mag religiös klingen, doch sie beschäftigt mich. Ich kenne den Zustand der Erlöstheit. Er fühlt sich an, als gäben die großen Gewalten für eine Zeitlang einmal Ruhe, als sei es möglich, endlich einmal sinnvoll nachzudenken, und zwar nicht in herkömmlichen Begriffen und Verstehensweisen. Das ist ein Moment kostbarer Freiheit. Ich spüre, kann es aber nicht beweisen, daß die Last der unbewältigten Schwierigkeiten der Ahnen auf uns lastet. Nun fügen wir neuerlich Lasten hinzu. Derweil sollen wir noch alltäglich agieren und funktionieren. Da wird es manchmal knapp.

Skifahren