Gedanke vor dem Spiegel, während ich Nachrichten sehe oder höre oder verstehe: irgendeinen Sinn wird es wohl haben, daß ich derzeit lebe und hier, vielleicht kann ich helfen.
Autor: Holger Tegtmeyer
Ich kann mich nicht noch ein weiteres Jahrzehnt deprimieren lassen
Fällt eigentlich noch jemandem auf, daß wir schon gar nicht mehr richtig leben, sondern fast schon tot sind. Daß wir die Luft anhalten, die Ohren verstopfen, nur noch in eine Richtung starren und die Erlösung in der Katastrophe heimlich ersehnen, muß ja mal Schluß sein. Wer oder was hat uns derart erschöpft, daß wir in der Gegend herumhängen und leblos auf die Geräte glotzen, daß dort endlich die Nachricht erscheint, auf die wir immer schon gewartet haben. Vielleicht geht es nur mir so, vielleicht fühlen sich die anderen noch intakt. Ich könnte sie fragen, doch würden sie antworten. Alternativlosigkeit führt in die Depression, und dabei interessiert mich das Politische am allerwenigsten. Unsere Schwierigkeiten sind kultureller Art. Kultur bedeutet: wie wir tun, was wir tun. Also – was tun wir hier und wie tun wir es? Worum soll es denn gehen in unser aller Leben, jeweils? Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben mich dermaßen totgespielt, daß ich mich jeden Morgen bejuble, wenn ich wieder auferstehe und aus den Federn finde und einen neuen Tag angehe mit der Naivität eines Neuankömmlings oder unverwüstlichen Optimisten. Das Leben muß doch mal beginnen.
Träume sind Räume
Träume fliegen ein wie seltene Vögel. Niemals kann ich wissen oder darf es, welcher Traum als nächster landet. Es sei denn, sie schlössen mich an eine Hirnmaschine, die es utopischerweise bereits geben wird, dystopisch ausgelegt oder nicht. Jedenfalls: Ich möchte nicht bestimmen, was dort geschieht, wohin meine Kontrolle nicht reicht. Dort ist ein unbestimmter Ort des erlebbaren Nichtbewußtseins. Es wird einen Grund haben, daß die Träume erlebt, aber selten erinnert werden. Es muß immer einen Ausgang geben, sonst wird jegliches Wissen totalitär.
Gedächtniszelle 8×8
Jemand berichtete, er habe Schach gespielt auf einem weißen Feld, auf dem weiße Figuren gegen die weißen Figuren des Gegners antreten. Man muß sich sehr gut merken, sagte er, wer wo steht. Bemerkt man es nicht, fügte er hinzu, spielt der Gegner mit deinen Figuren gegen dich.
Erinnerungen an früher, als ich Kind war, aber nicht mehr so sehr
Wir wollen jetzt schlafen gehen, sagte der Vater in den Zeiten seiner schwindenden Regentschaft.
Außerhalb des Labyrinths
Ich würde so gern liebevolle Portraits meiner Freunde und Bekannten zeichnen. Ich würde sie schamvoll verkleiden und diskret unkenntlich machen. Stattdessen habe ich beschlossen, alles auf mich zu nehmen. Ich bin der Spiegel, die Reflexzone, das Einschlaggebiet der Liebe, der Freundschaft, der Begegnungen und alles Möglichen und scheinbar Unmöglichen noch. Dieser Tage und Nächte komme ich mir ruhelos vor. Ich nenne das Poesie. Etwas ist im Busche, wie man einstmals sagte. Das schöne und wahrhaftige Leben (trenne niemals das eine von dem anderen) ist zurück. Darauf ein kühles und kühlendes Bier.
Nicht einmal zugespitzt
Man kämpft sie nieder, dachte ich in der Untergrundbahn, als ich in die Gesichter der Mitleidenden sah. Man türmt Angst auf Angst, bis sie klein sind. Die Kassiererin im Supermarkt erklärte mir, daß die Pfandbons nicht ohne Grund auf einem Papier gedruckt und ausgegeben werden, das nach kurzer Zeit und insbesondere Wärme- oder Lichteinfluß die Schrift unleserlich macht. Sie berichtete, daß sie in der Schule bereits gelernt habe, daß wir auf uns selbst aufpassen müssen und auf das Leben auf unserer Erde. Die da oben tun es nicht, fügte sie hinzu. Ich solle Kassenzettel, die wichtig sind, bevor sie unleserlich werden, kopieren. Ich fragte, was sie glaube, wer die da oben sind. Keine Ahnung, sagte sie, aber keine glücklichen Menschen.
Es geht immer weiter und weiter
Eine Serie von Träumen, eine Serie unaufhörlichen Erwachens aus dem Schlaf mit Bildern vor Augen, die zeigten, bevor sie erloschen, daß ich sonstwo zu arbeiten scheine. In einer Folge war ich Sprengmeister in einer Mine, in einer anderen Blütenbestäuber von Kirschbäumen mit dem Pinsel in der Hand auf einer hohen Trittleiter in China. Ich lebte in einer namenlosen Siedlung am Rande der bekannten Welt und war umgeben von Jesus-Freaks, die mich fragten, ob ihre Flugblätter gut genug sind. Zwischen den Träumen mußte ich auf die Toilette, denn ich hatte kräftigenden Linseneintopf nicht nur gekocht, sondern auch noch verzehrt. Körper und Geist kooperieren, wenn man sie läßt. Zwischen den Träumen und den Toilettengängen dachte und sprach ich, um erneut in den Schlaf zu finden: O große Seele, nimm mich auf.
Sich täglich wundern
Da leben wir mitten im Wunder und sind Teil des Wunders, da beschweren sich welche, daß sie mehr Sonne möchten, den Winter abschaffen oder gleich ganz den Tod als Grenze des Lebens und Übergang oder Nichtübergang. Das nenne ich unverschämt und frech, ist den Menschen untereinander aber offenbar vertraut und verständlich, denn solchen Beschwerden schließen sich manche an. Weise ist gar nichts am Wissen, es sei denn, es findet aus seiner eitlen und selbstgefälligen Beschränktheit heraus.
Rettungswege
Rette rette rette mich, schmachten die Liebes- und Winselschlager. Nichts gegen die Bedürftigen, ihr Bedürfen ist bekannt und anerkannt. Doch das Konzept der Rettung sieht nicht vor, daß jemand Ersehntes umstandslos und voraussetzungslos von außen ins Innen faßt und die vom Leben geschlagenen unsichtbaren Wunden heilt. Selbst wenn es sich so anfühlen mag. Es ist sogar gut und richtig, daß es sich so anfühlt. Dadurch kommt unrealistischer Schwung in die Sache. Leben als Illusion? Nein, nein. Leben kann keine Illusion sein, dazu macht es viel zu lange schon fröhlich und schmerzverkrümmt weiter. Wir hätten sie nur gern, die uns (alle) begünstigende Illusion. Sie wäre zu angenehm. Retten können nur wir uns selbst, gern With a Little Help from My Friends. Das sei konzediert.