Der Unterschied

Es gibt den Einen, der will es nicht so genau wissen. Er möchte klarkommen, nicht anecken, das Schlimmste vermeiden. Er denkt und fühlt familiär und sozial. Es gibt den Anderen, der will es wissen, notfalls alles. Der gibt nicht klein bei, der fragt sich durch – bohrt nach, insistiert. Man kann den Job erledigen, so oder so. Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht. Der Andere ist erkenntnisgeleitet, der Erstgenannte agiert pragmatisch. Aus solcher Spannung ergeben sich Geschichten. Geschichten handeln von Ereignissen. Die wiederum bilden Spannungen ab. Spannungen zeigen Ladungsunterschiede an. Die Unterschiede ermöglichen Explosionen.

Der Unterschied

Zwei Blumensträuße

Ich verlasse die Bar zur richtigen Zeit, die Augenblicke waren ausgetrunken. Auf der Straße komme ich an einem Geschäft vorbei, es ist hell beleuchtet, eine Fahrschule hat eröffnet. Weiße und schwarze Luftballons sind in Hülle und Fülle angebracht und umrahmen das neue Ladenbüro. Vor der Eingangstür steht eine Frau mit ihren zwei Kindern, ihre Jungens tragen feierlich Blumensträuße in den Händen. Ich nicke ihnen im Vorbeigehen zu und wünsche alles Gute. Die Frau mit schwarzem Kopftuch fragt, ob ich einen Blumenstrauß mit mir nehmen möchte, sie hätten diese zwei über. „Aber nur, wenn Sie sie nicht wegschmeißen.“ Ich versichere, dies nicht zu tun. Doch welchen der zwei Sträuße soll ich mit mir nehmen. Die Mutter der beiden Kinder weiß, wie das zu entscheiden ist. Eene meene miste. Schon ist klar, welche Blumen ich mit mir trage. Wir verbeugen uns. Derweil beginnt es zu regnen. Ich lebe gerne hier.

Zwei Blumensträuße

Einfallwinkel

Man darf dies nicht sagen und an jenes nicht erinnern. Es gibt welche, die haben permanent Angst. Die empfangen Stromstöße von überall her. Sie sind die Bedürftigen des Tabus. Das Tabu ist eine Schutzzone. Da das Leben aber wild und stürmisch ist, achtet es die Schutzzonen nicht. Manchmal regnet es von oben herein, anderntags sind Wühlmäuse unterwegs und tunneln das Gelände. Ich achte und mag die Bedürftigen des Tabus. Sie zu schützen ist mir lieb. Meine andere Liebe gilt dem irrwitzigen Leben, das jeweils sonstwen favorisiert und andere degradiert. Ich kann mich kaum begnügen, lediglich Betrachter zu sein (selbst wenn ich es wünschte). Wie jedoch mitzumischen oder gegenzuagieren wäre, fällt mir nicht ein.

Einfallwinkel

Alle Wetter

Es ist gut, wenn etwas umgeht und verstört und nicht sofort ins Verstehen einsortiert gefangen wird oder ist. Man könnte das lebendig nennen oder unversehrt oder natürlich. Doch die Gesellschaft ist konservativ und restriktiv hinsichtlich ihres Verstehens (geworden), sie möchte gesichert wissen und augenblicklich einordnen, defensiv. Die Statik solchen Bemühens ist ersichtlich, entsprechend müssen oder sollen die Dynamiken absorbiert werden. Dies geschieht durch Benennungen, in der Hoffnung, daß über den Namen die Energie und Gewalt des Phänomens einzufangen ist. Die fachwissenschaftlichen Bezeichnungen für die Abweichungen vom Normalzustand werden wie Abzeichen getragen. Die Mitte ist umkämpft wie selten zuvor. Die Fundamente sind schwach, die Grenzen ungewiß, die Orientierung getrübt. Aus solchen Gemengelagen erwächst zuweilen was Tragfähiges, als Haltbares.

Alle Wetter

Den Entwässerten das Wasser

Regenwolken kreisen, besieht man das sogenannte Regenradar, über Berlin und schütten sich aus. In den Gullys gurgelt das Wasser und fließt geräuschvoll durch die Kanalisation. Seit drei Wochen etwa halte ich das Abflußrohr des Handwaschbeckens trocken, nun lausche ich über seine Öffnung den Geräuschen des Wassers unten in den Abflußrohren. Sie erinnern an Höhlen und Kavernen. Als müßte man jemanden suchen, der lange schon vermißt ist. Wir werden tiefer bohren, notfalls. Die Rettungstrupps geben niemanden verloren. Die Regenpause war kurz, schon drehen neue Ladungen ein. Ich kehre zurück zu meinem Waschbecken und entferne das Abflußsieb, um besser hören zu können.

Den Entwässerten das Wasser

Guinness-Buch der Rekorde

Jeder für sich an seinem Ort. Was denn? Die Wände entlang laufen und die Bratpfanne anwärmen. Schon kommt Regen und wie gerufen. Hoffentlich steht ein Fenster offen und innen ist jemand, der zuhört. Ich vertiefe mich erneut in die Untiefen und Traurigkeiten der True Detektive-Protagonisten, nämlich des einen, des Interessanten. Er ist der Künstler, ist der Gefährdete. Für ihn würde man beten oder müßte es. Beten heißt bitten. Sagen wir es laut und deutlich, ist immerhin uns geholfen. Mir sind seit fast schon Anbeginn die Gesicherten suspekt. Wie mogeln die sich durch und slalommäßig an den knochenbrechenden Fragen vorbei? Sie stellen sie sich nicht, sagte mal wer, und werden sie von anderen gestellt, hören sie weg. Das muß man erstmal hinkriegen, ließe sich staunend sagen. Die Leute können sonstwas, zum Beispiel brav sein in einer Diktatur und immer hübsch das Gefragte herunterbeten. Das sind doch Leistungen, das muß doch registriert werden. Wer kann unter welchen Umständen am längsten?

Guinness-Buch der Rekorde