Es ist lehrreich, den Schauspielern beim Schauspielen zuzusehen. So lernt man sich kennen. Es gibt ein großes Schauspiel, und das heißt Leben. Manche denken, es würde nur geprobt. Entsprechend verhalten sie sich, leben probehalber und reden probehalber, einstweilen nur, später dann mehr oder besser. Mir ist das nicht fremd. Wer jung ist, lebt ewig. Schließlich vielleicht findet sich für jeden einmal eine Rolle in dem gewaltigen Stück namens Leben, aufgeführt von Menschen für andere Menschen, aber auch für die Tiere und die Pflanzen, die mitmachen müssen, ob sie wollen oder nicht, denn es gibt keinen reinen Betrachter, es sei denn, man spielte für die Götter oder den einen und wahren Gott. Das können wir nicht wissen und dürfen es auch nicht. Wer führt uns auf, außer wir uns?
Autor: Holger Tegtmeyer
Deshalb leben wir doch
Spricht man mit Kindern und stellt sich ihrer Anwesenheit, spürt man den tiefen Ernst ihres Wesens. Warum ist mir der Ernst so wichtig? Dessen Gegenteil wäre Tändelei, Firlefanz, Leichtfertigkeit. Nichts gegen diese drei lustigen Gesellen, auch ihnen gebührt die Bühne namens Welt. Doch der tiefe Ernst eines Wesens ist mir kostbar. Wo wirkliche Begegnung stattfindet, gerät sie in die Tiefe und fürchtet sie nicht. In ihr wird sanft und still das Unfaßbare berührt. Man muß kein Remmidemmi veranstalten – es geschieht oder geschieht nicht. Mit Erwachsenen solches zu erleben ist selten. Erwachsene sind Geschlagene, deshalb auch Eingeübte, Abwehrende, versierte Allrounder, Profis und so weiter. Sie wissen, wie man vermeidet. Sie kennen die Verstecke, beherrschen ihre Rollen, spielen sich was vor und lachen noch dazu dieses falsche Lachen. Ach Frau Müller, wir haben uns ja so lange nicht gesehen – dazu drei Ausrufezeichen und weit aufgerissene Augen und der Mund wie ein rundes Schall-Loch, aus dem die niemals von der Seite gewichene Angst die Alltagsschlager fürs Durchhalten schleudert. Endlich einmal wird man älter und beendet solchen Unsinn. Das muß doch möglich sein, deshalb leben wir doch.
Getrennt
Ich sehe schon, wie alle sich Mühe geben. Zum Beispiel in den Redaktionen oder in den Gremien oder in den Mitgliederversammlungen. Jeder gibt sich Mühe, Teil von etwas zu sein und sein zu dürfen. Was kann ich geben, was darf ich nehmen? Das sind endlose Fragen, auf die Lebens- und Überlebensstrecke gerechnet. Die Antworten finden sich heraus, irgendwann und irgendwie, jeweils nur vorläufig. Manche laufen geduckt durch die Gegend und gehen den Leuten aus dem Weg, mir ist das nicht fremd. Menschen können zum Fürchten sein. Ich zucke manchmal zusammen, wenn jemand Mensch sagt. Ich bevorzuge Leute, das sind immer schon viele, da kann man durch, die lassen sich dividieren, schließlich bleibt mal jemand. Auch ich gebe mir Mühe, ohne daß ich möchte, daß man sieht, daß ich mir Mühe gebe. Ich liebe die Leichtigkeit zwar, da ich sie nicht oft genug habe, mit der Leichtfertigkeit aber komme ich nicht überein. Ich erkenne sie sonders und eigens im Politischen, in jener Sphäre, in der man mal fertig werden möchte mit einem lästigen Problem, in der abserviert werden muß, damit die nächste Schwierigkeit aufgetischt und erneut abserviert werden kann. Mir ist klar, daß die Leute, die in solchem Metier arbeiten, das anders bewerten und benennen. Auch sie versuchen, sich gerechtfertigt zu sehen, sogar im Spiegel. Sicher haben auch sie recht. Jemand muß schließlich entscheiden, sagt man. Also wird entschieden und geschieden.
Beginn
Schon ist Nacht. Demnächst ist Vollmond. Die Hoheit des Lebens ist zurück. Sie tritt auf und zeigt sich unerwartet groß. Selbst die Wörter sind leise geworden.
Unter Linden
Geht der Wind – mag er gehen. Fällt ein Blatt – soll es fallen. Einverstanden mit dem Unabänderlichen. Der Sommer steht im Land, das ist jetzt. Es ist nicht kalt, es ist nicht warm. Staubig und grau liegt die Straße, über ihr braves Pflaster rumpelt der Verkehr. My Apocalypse Is Near steht auf dem T-Shirt des Krummrückigen. Ein Hund wird vorbeigeführt, sein Blick wie der eines Entführten. Das Gassi-Gehen hängt ihm zum Halse heraus. Doch frei zu sein versteht er nicht. Jemand gießt auf einem Balkon seine Blumen. Der Wind dreht auf, als ginge es um mehr. Den Zauberkönig gibt es seit 1884. Berlin liegt im Märchenland. Durch die Kiefernwälder irrt das vergessene Kind. Die Blätter der Kiefern heißen Nadeln. Bald beginnen die Hundstage, doch noch ist Zeit. Fährt ein Huskie im Twingo vorbei, streckt den Kopf zur Beifahrertür in den informativen Wind. Dies einstweilen von unterwegs. Technik ist angewandte Zauberei. Kaum bin ich hier fertig, lacht die Sonne. Das wär‘ doch nicht nötig gewesen.
Aus dem Zusammenhang 356
„Du siehst die Welt durch ein schmutziges Fenster, ist dir das nicht klar?“
Aquarius, S2 E3
Ineinander
Der Sonntag war schön, daß ich den Montag nicht fürchten muß. Zuvor war der Sonnabend, wie man den Samstag in meiner alten Heimat nennt, derart erquickend, daß ich noch Tage davon werde zehren können. Solches Wehen und Wundern geht zurück bis in den Freitag, als mir plötzlich und buchstäblich alles richtig und leicht erschien. Da fühlte ich mit einem Mal, was es heißt, abzustammen – nicht von irgendwo zu kommen und irgendwer zu sein. Mag sein, daß ich das vorher bereits ahnte oder den Worten nach wußte, doch nun spürte ich es. Besser läßt es sich derzeit nicht sagen.
Wen was angeht
Yorckstraße zur Großgörschenstraße
Mit ausgestreckten Armen und einem Umhang angetan schlurfte der Bärtige und Zottelige den Bahnsteig entlang wie eine seltsame, fast schon ausgestorbene menschliche Vogelart, zuletzt im Mittelalter gesichtet, Wahn- und Weltuntergangsprediger, die Füße in ausgetretenen Sneakers, die Hose zerfetzt, einer Vogelscheuche nicht unähnlich. Er brabbelte vor sich hin, wiederholte einen unverständlichen Satz wieder und wieder, als müsse er ihn hören und noch einmal hören, um endlich doch einmal hinter den Sinn der ewig gleichen Worte zu gelangen. Jeder Schritt ein Wort, mehrere Schritte den Satz; ohne Wort keinen Schritt. Die rhythmische Verbindung ergibt Führung und Halt. Dort vorn geht es die Treppen hinunter zum Friedhof; auf dem ruhen nun schon endlos die Gebrüder Grimm.
Eichwalde Eisdiele
Ich laufe sehr weit hinaus. Ich muß das tun. Ich mag mich verlaufen. Ich möchte irren. Ich bin ruhelos. Ich singe kein Lied der Zeit, kenne keins.