Abwarten lernen. Für ein Ungeduldswesen kein leichtes Spiel. Ist denn das Leben ein Spiel? ließe sich fragen. Eine angemessene Antwort lautete: Kommt auf den Betrachter an. Für die Spielenden ist es Anstrengung, Schweiß, Übung, Verbesserung, Selbstkritik, Zweifel, Überwindung, wiederholtes Tun, immer und immer wieder. Wir sind Spielende, während wir leben und möglicherweise vorgeben, nicht zu spielen. Dies wiederum bedeutet nicht, daß das Spiel unernst ist. Im Gegenteil geht es um Leben und Tod. Dort berührt es den Ernst der sogenannten Ernsthaften.
Autor: Holger Tegtmeyer
Enttäuschung benötigt Täuschung
Das Sensationelle ist nicht abenteuerlich. Das Spektakel kann und muß widrig sein. Guy Debord hat das ausgeführt. Entsprechend flach fallen die Erlebnisse aus. Die Superlative türmen sich auf zu Erschöpfung. Erfüllung handelt nicht von Entleerung. Sprache ist die Schatzkammer des Wissens.
Ein gewisses Unerwartetes tun
Traute
Abenteuer kommt von ‚aventure‘, altfranzösisch für Ereignis, Begebenheit, Geschehen, zurückgehend auf lat. ‚advenire‘, das herankommen oder ankommen heißt. Was also kommt da, ersehnt oder nicht? Überraschendes oder Erwartbares, Ersehntes oder Befürchtetes. Etwas daran muß neu sein, unbekannt oder zuvor nur unzureichend erkannt und verstanden. Deshalb gibt es das Abenteuer, nicht nur im Ritterroman oder den Liebeserzählungen der älteren Kulturen. Abenteuer handeln vom Aufbruch und einer Bewegung hinaus ins Ungewisse. Sie mag abgesichert sein, doch alles kann schiefgehen. Abenteuer handelt von Wagnis und irrwitzigem Gottvertrauen.
Einen Satz erklären
Mir sind nun auch die Spaltungen schnuppe – soll sich die Gesellschaft vervielfachen in Abtrünnigkeiten. Zehn oder zwanzig, vielleicht dreißig Jahre wurden wir beidseits des einstigen Zauns mit der Frage belästigt, ob wir deutschen Menschen in Ost und West nun endlich zusammengewachsen seien. Bundespräsidenten hielten diesbezüglich feierlich Reden, das war zum Schießen. Eine Narbe weist auf eine Wunde, diese auf eine Verletzung hin. Was soll man wollen, was kann man hoffen? Für mich war das einfach. Da ich mich mit dem politischen Westen nicht identifizieren konnte oder mochte, waren mir die Ossi-Wessi-Geschichten peinlich. Ich hätte auch nicht im deutschen politischen Osten aufwachsen mögen, gewiß nicht. Wenn etwas die Spaltungen heilt, ist es die Anerkennung der Wunde, also der Verletzung. Wir fragen nicht, wer auf wen geschossen hat. Das führt nicht zur Lösung, sondern zu neuerlichem Blödsinn. Ist doch klar, daß ich ein halbwegs anderer geworden wäre, nicht sozialisiert in einem Bauerndorf im Weserbergland, Niedersachsen, sondern woanders. Zurück zum Anfang dieses kleinen Textes: Ein Unterschiedlichsein gefällt mir. Ich benötige nicht Einhelligkeit. Es ist normal, anderer Ansicht zu sein. Die Unterschiedlichkeit gewisser Ansichten macht uns nicht zu Feinden. Wir könnten dies sehr genießen, wenn nicht gerade wieder sonstwas wäre. Daher der erste Satz.
Hitze-Intervall
Der Tag beginnt nicht mit einer Schußwunde, sondern nach Verlassen des Hauses mit dem Eintritt in eine Hitzewand. Nicht dagegen ankämpfen. Die Luft ist körperlich, sie bietet sanften Widerstand. Langsam gehen, die Schattenwände nutzen. Es gibt nun keine Eile mehr. Sollte es eine geben, liegt sie kurz darauf flach. Die U-Bahnschächte halten die Kühle. In der Unterwelt läßt sich fröhlich sein. Sind nur zwei Tage über dreißig, sagt jemand, und schon flippen die Leute aus. Hitzeintervall liest sich schlecht.
Übungen 6
Menschen denken schlecht über Menschen, indem sie an Menschheit denken. Menschheit mag es geben, doch allenfalls als Größtansammlung in einer der vielen Weltbevölkerungsstatistiken. Menschen sagen, der Mensch ist schlecht. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst meinen. Menschen sagen: Wir vernichten die Erde. Doch wer ist ‚wir‘? Solches Sprechen und Denken distanziert den Sprechenden von sich selbst und wirft seine Existenz jenen zu, die tatsächlich üble Dinge tun. Man muß das Weltvernichtungsprogramm nicht Kapitalismus nennen oder sonstwie. Doch wäre es dringend falsch, nicht mehr zwischen machtvoll gebündelten und politisch organisierten Interessen einerseits und dem besonderen Leben als einzelner und verbundener Mensch andererseits zu unterscheiden. Von solchem Unterschied handelt doch hoffentlich unser jeweils eigenes Leben. Warum schreibe ich das? Ich rede mit Leuten, die sich selbst schlimm finden. Das ist nicht recht. Sie haben niemandem etwas getan. Sie sind lediglich in den Sog des herrschenden Nihilismus geraten. Der ist nicht ohne. Der zerhackt ein empfindendes Ich in Kürze.
Übungen 5
Ich übe weiter – nicht nur gut zu leben, sondern gewissermaßen alles. Sei freundlich zu deinen Mitmenschen. Mitmensch ist ein verdächtiges Wort, denn es zieht Gegenmenschen auf sich. Es mag Gegner geben, doch auch sie sind, ethisch und sozial gesprochen, Teil des menschlichen Verbunds. Der beruht auf Für-, Gegeneinander und Aneinandervorbei. Sei freundlich zu Tieren und gieße die Blumen. Bedenke die Herkunft und Geschichte des einzelnen, nimm jeden aus seinen Wachstums- und Entwicklungsbedingungen heraus wahr. Nimm dein Leben als Werk, dann ist dein Werk ein Leben. Amen. Nächstens werde ich Prediger in einer Landpfarrei am berühmten Arsch der Welt. Die passende Konfession wird sich finden.
Übungen 4
Seit mir nachts wieder Füchse begegnen, scheu und klug, ist mir wohler. Sie wissen wie ich, daß man aufpassen muß. Ein Leben ist schnell genommen trotz all der Sicherheiten. Zwei Tage später gerate ich in ein Gespräch über Digitalisierung. Da sie gut ist, kann Kritik nur schaden. Mir leuchtet das ein, erkenne den Gott und wende mich ab. Es ist ein Wunderbares, hier zu sein und erleben zu dürfen, was Menschen von sich geben. Wohin das soll? Nicht gestellte Frage. Es soll.
Übungen 3
Die Zeit, in der wir leben, scheint ermuntert zu haben, uns selbst nicht sonderlich ernstzunehmen. Der ironische Zwiespalt ist Charakteristikum zweier Lebensjahrzente im konsumistischen Weltall einer imaginären Allverfügbarkeit. Die Kinder des Jetzt wissen es bereits besser. Die Ironie-Falle stellt sich nicht länger, die Tatsächlichkeiten drücken auf Leib und Leben. Wir benötigen ein anderes Denken und Sprechen, das dem Fühlen, das wir fühlen, entsprechen kann. Man spricht von Augenhöhe – okay, dann aber mal los. Im Fahrstuhl fühlt es sich bequem an, die Etagen zu erreichen. Sie sind numeriert.