Selbstverständlich gehe ich gern auf Friedhöfe. Wo sonst wäre man ungestört. Katzen streunen herum, Dachse graben sich ein. Lauschige Stille. Efeu rankt, die Vöglein singen, ein Garten des Todes, gewidmet dem Leben. Nun endlich doch, ein guter Ort, ein Paradies. Feingeister stellen sich ein, lesen dort oder wandeln, nachdenklich, sinnend. Wer Tiefe sucht, findet sie an den Stätten des verblichenen Lebens. Nichts ist kostbarer als das Genommene. Tränen.
Autor: Holger Tegtmeyer
Totenkult 7
Daß wir in einem Zeitalter der Lebensverachtung und der Lebensverkennung leben, weiß ich, seit ich fünfzehn bin. Mittlerweile bin ich sechzig Jahre alt, das ist ganz schön viel Zeit. Da sie nicht leben können, können sie auch nicht sterben. So formulierte ich es ins Tagebuch. Mich dauern meine Zeit- und Artgenossen, und ich selbst bin kaum anders als sie, also bedauere ich mich selbst. Selbstmitleid ist eine warme Badewanne, in die man sich legt und aus der man sich später wieder erhebt, bevor man auf die Idee kommt, mit dem Rasiermesser den Schnitt vorzunehmen, zur Entlastung aller.
Totenkult 6
Wer den Tod nicht versteht, wird das Leben verfehlen. Die Endlichkeit des individuellen Lebens sendet die Impulse. Tu es jetzt. Daß wir anfangs fühlten, wir lebten ewig, ist gar nicht falsch. Irdisch und ewig beißen sich aus. Ich bin gespannt auf das Danach, werde ich gestorben sein. Todesangst wird mir gegeben sein. Ich war schon mehrfach tot. Ich fürchte mich nicht, sage ich, obgleich ich mich fürchten werde. Es wird ein Bibbern sein, verbunden mit letzten Versuchen, es den anderen leicht zu machen. Darüber dachte ich vorhin (Sonnabend) nach: daß ich jeweils versuche, es den anderen leichter zu machen. Nicht deshalb, weil ich ihnen das Schwere nehmen möchte, sondern weil es selbstverständlich ist, andere nicht unnötig zu belasten. Nur beim Tod funktioniert das nicht.
Totenkult 5
Mir ist deutlich geworden, während ich die Friedhofsbilder (Zentralfriedhof Wien) zeigte, daß man das Leben eines Menschen von seinem Ende her denken muß. Wie werde ich gestorben und bestattet worden sein. Wie werde ich gelebt haben, nachdem ich zu leben mich bemüht zu haben scheine, manchmal so, manchmal anders. Wenn Grabmale Denkmäler sind (was ich empfinde), dann können wir Kraft aus unserem künftigen Grabmal ziehen. Klingt das verwegen? Es gibt aber welche, die denken, sie seien prinzipiell nichts. Geben sich so, als seien sie froh, wenn es vorbei ist mit sinnloser Mühe. Allerdings leben und handeln sie nicht so. Ihr Körper weiß mehr, wenn es schon der Geist nicht tut.
Totenkult 4
Wie geht man um mit der eigenen inneren Leere? Man stellt sich vor, man wäre tot. Was würde fehlen? Derart aus der Welt genommen zu sein entlastet. Was ist das hier, dieses Spektakel namens Leben, diese Inszenierung namens Wirklichkeit, wer hat sich das ausgedacht. Gibt es jemanden, den man zur Verantwortung ziehen könnte. Was soll gemeint sein, wenn man Gott sagt. Schon drängeln die Religionsvertreter und schnipsen, kommen mit ihren altbewährten Rezepten. Sie werfen sich auf die Zweifelnden wie Geier auf ein Stück Aas. Was soll auf meinem Grabstein stehen?
Totenkult 3
Manche nehmen sich selbst als zufällig. Zufällig bin ich dies, wurde zufällig dort geboren und wuchs zufällig als Kind gewisser Eltern auf. Auch auf solche Weise macht man aus sich selbst eine Groteske. Dabei sind die genannten Elemente eigener Existenz hochbedeutsam. Eigener Existenz. Nicht die eines anderen, nicht eine geliehene, ausgeborgte, erspielte, ergaunerte. Wir sind die, die wir sind. Dies nicht primitiv tautologisch reformuliert, sondern enthusiastisch. Es wird dich nicht ein zweites Mal geben. Wir verstehen den Sinn der Individuation nicht oder ungenügend. Da wir das nicht tun, eiern wir herum wie Gespenster und tun Dinge, die nur Gespenster tun. Da wir nicht einmal wissen, wer wir selbst sind, verfehlen wir uns ständig. Schemenhaft taumeln wir aneinander vorbei. Das ist mein Gefühl von Anbeginn. Dieses Flüchtige, Rieselnde, Unstete.
Totenkult 2
Wenn wir kein Grab mehr wert sind, was sind wir denn überhaupt wert. Was halten wir von uns selbst, wenn wir keine Umstände mehr machen möchten? Wie elegant und überrestefrei wollen wir denn scheiden. Ich weiß schon – niemandem zur Last fallen und so weiter. Auch so räumt man sich aus. Technisch läßt sich manches lösen, doch es ziehen Schmerzen in Brust und Kopf. Zu jedem Leben gehört ein Ende, und das Ende möge es krönen und soll würdiger Abschluß sein. So wünsche ich mir das und nicht nur für mich. Man kann verröcheln und an Maschinen angeschlossen verdämmern – ich weiß das. Doch erheben wir es nicht zur Regel. Mir ist, als sei gar nicht verstanden, was ein einzelner Mensch ist. Der einzelne Mensch selbst weiß es nicht. Das ist ein aufzudeckender Skandal. Das Allerwichtigste weiß hierzulande kein Mensch, man stelle sich das vor.
Totenkult 1
Wohin mit uns, wenn wir Leichnam sind? Kalt und tot liegen wir im Weg, warum nicht in die nächstbeste Biotonne? Entsorgung hieße das und wäre verständlich zu machen der herrschenden Vernunft. Man könnte das auspreisen als letztlich beste Lösung, auch im Sinne der Hinterbliebenen. Ihnen wären Kosten erspart, denn es geht doch ums Geld. Worum sonst könnte es gehen? Hineingefragt in die Expertenrunde der Lebenden.
Phantasien
Häuserwände leiten den Blick
Müder Tag. Melancholien leuchten auf. Wie schwer die Rosen ihre Blüten tragen. Das Wetter wird besprochen, die Verhaltensweisen werden besprochen. Zunehmender Mond. Meine Mutter war mondsüchtig, wie man das nannte. Als Mädchen verließ sie schlafwandelnd nachts Bett und Kammer und folgte irgendeiner Spur, stets bei Vollmond. Als sie Kinder bekam, hörte das auf. Wir sind seltsam unterwegs trotz all der anerkannten Gründe. Wer weiß schon, wo er landet. Immerhin fliege ich schon. Mauersegler hieße mein Wunschberuf.