Aprilende läßt sich schwer lesen, man muß zweimal hinschauen. April-Ende wäre besser, doch jetzt lasse ich die Sache, wie sie angerichtet ist. Im Berliner Fenster, dem etwas großspurig ‚U-Bahn-Fernsehen‘ genannten Bildschirmmenü während der Fahrten mit den Berliner Verkehrsbetrieben in Untergrund- und Hochbahn, las ich soeben das Kompositum ‚Fotoupload‘, Werbung für ein Mitmachprogramm, digital. Fotoupload ist schlimmer als Aprilende. Dieses läßt an die Lende einer Aprikose denken oder an Leute, die im April endlich tun, was sie schon immer tun wollten; jenes an sonstwas. Ubahnfernsehen sieht übel aus. Bindestrich ist ein solider Bursche. „Fuckin‘ german language“, sagte die Britin, als sie im Kindl-Boulevard (Neukölln) im Vorbeigehen ihre Freunde auf ‚Rechtsanwaltskanzlei‘ aufmerksam machte. „Look at that!“ (Wir kommen sogar mit Oberweserdampfschiffahrt zurecht, das macht die jahrelange Übung oder Blickdressur.)
Autor: Holger Tegtmeyer
Aprilende
Aprilende, und der Hubschrauber knattert über der Stadt, vollführt am unschuldigen Himmel Figuren zum Auftakt des alljährlichen Erster-Mai-Zirkus‘. „Talkin‘ bout a revolution“, sang Tracy Chapman 1988. Die Zeiten ändern sich, achselzucken die Leute, während an ihnen etwas geschieht, das zu besehen und zu benennen wäre. Veränderung ist ein neutrales Wort, anders als Verschleiß. Der Unterschied zwischen Gebrauch, Verbrauch und Mißbrauch. Werden wir gut regiert? Gott liegt in der Badewanne und plätschert mit Händen und Füßen. Hier gurgelt es im Abflußrohr. Der Hubschrauber sucht weiter von oben die Straßen ab und schlägt dabei in die Luft. Herrschaft durch Kontrolle, ein Versuch.
Die Sache namens Leben
Da ich dem Leben nicht gewachsen war, wollte ich es moralisieren. Zuvor zerstückelte ich es in Bereiche und heftete den Bezirken Namen an, die Begriffe hießen. So gedachte ich, der quälenden Sache Herr zu werden. Auch gefiel es mir, vermittels einer Theorie mich von oben über die Dinge herzumachen. Das versprach Erkenntnis ohne die Mühsal von Erfahrung. An ihr fehlte es, denn was ich erlebt hatte, verdichtete sich noch nicht zu etwas, mit dem sich arbeiten ließ. Entsprechend aufgeblasen führte ich mich in Gesprächen und Diskussionen auf, wortgewandt und wichtigtuerisch. So fängt man an als junger Erwachsener, als Debütant, als eine Art Versuch oder Entwurf intellektueller Existenz. Mit der Zeit, wenn man sich läßt und dem Körper folgt und den Sinnen, versöhnen sich Intellektualität und Existentialität, man bekommt eine eigene kleine Lebensgeschichte, und endlich wird man vorsichtiger mit den Worten und betrachtet Theorien mit der gebührenden Skepsis. Theorien sind Verallgemeinerungen, sie entwachsen der Lebenspraxis. Zurück zur ersten Aussage dieses kleinen Textes: moralisieren bedeutet „verabscheulichen“, nämlich Schwerverständliches, Unverstandenes oder Unbeherrschbares vorschnell abzufertigen, statt sich einer Mühe zu unterziehen und es ergründen zu lernen. Wer moralisiert, möchte nichts mehr von der Sache wissen. Moral moralisiert nicht. Das Leben ist bunt und vielfältig, wir sagen das oft und verstehen es wenig. Dem Leben gewachsen sein … Nun, ich mag es wieder und wieder versuchen. Zuletzt werde ich scheitern, das ist gewiß.
Tiere und Dinge
Manchmal Visionen von Tieren, die mich anfallen. Grundlos, wie mir scheint. Für mich Hinweis, daß ich zuweilen in ein überspanntes Verhältnis zu mir selbst gerate. Aus der Selbstbefangenheit hinaustreten ins Freie und gut atmen. Sieh nur, was es gibt! Doch hier in der großen Stadt wirkt die Welt vollgestellt und reif für die Entrümpelung, nur daß niemand weiß, wo anzufangen wäre. Weniger Fahrzeuge täten gut. Manchmal Visionen, daß die Gegenstände auf mich zukommen, als wollten sie zerquetschen oder sich mir auflasten. Wie wohltuend können leere Räume sein. Bereits das Wort bereitet Unbehagen -: Gegen-Stand. Ich laufe jetzt mal los und schaue mir an, was sie dort draußen treiben.
Das muß doch jetzt die Liebe sein
Die Kastanien blühen früh dieses Jahr
Der Himmel war blau, daß es schmerzt. Der Wind trug Kühle herein und spannte die Gesichtshaut. Ein Jazz-Trompeter nahm platz auf dem Gehsteig und spielte den Gartengästen was vor. Dahinter lag der Landwehrkanal ausgestreckt und still. Der Wind blätterte die Seiten um. Der Kuckuck ruft um diese Zeit, gelb blüht das Schöllkraut, deren Milchsaft gegen Warzen helfen soll. Die Unruhe ist eine des Herzens, der Verstand versucht zu assistieren.
Rinde und Borke
Man kann immer nur noch eigener werden, je älter man wird. Endlich sollte man sich ausgewachsen haben zu vollendeter Charakteristik. Auf der Strecke dorthin darf man nicht vorschnell haltmachen. Wir bewundern die alten knorrigen Bäume, fahren mit den Fingern über die schrundige Rinde, umarmen sie sogar, um Kraft abzubekommen und eine Art Segen zu empfangen.
Boxhagen 4
Buchshagen, Buckshagen, Bockshagen. So geht das durch die Geschichte. Mit Boxen oder dem Faustkampf hatte es nie zu tun, ich habe den Ortsnamen mißbraucht. Er fiel ein, als ich eine Überschrift suchte, und solcher Einfall geht schnell und kann unbedacht sein. Die Themen bleiben, das Personal wechselt. Insofern erstmal Ende im Gelände, wie sie hier sagen. Ich brauche jetzt ein Lied.
Boxhagen 3
Nicht erst seit heute denke ich, daß Individuen in Gemeinschaften vorzüglich sich selbst durchbringen möchten. Erst wenn das gelungen oder gesichert ist, gibt es eine Chance auf Wahrnehmung von Armut, Leid und Elend. Dem widerspricht die geringe Toleranz der Kinder – sie bemerken sofort und reagieren alarmiert auf die Szenen der Straße. Sie fragen zum Beispiel: Mama, warum liegt da diese Frau? Was kann Mama antworten? Was hätten wir klärend beizutragen? Wir schummeln uns durch, das ist Leben. Irgendwie sind wir irgendwas geworden, vermutlich bald Ehrenbürger. Man möchte sich im Jenseits nicht wiedersehen oder würde die Straßenseite wechseln.
Boxhagen 2
Ich kann es noch anders formulieren: die Leute schnappen nach Luft. Sie leben sauerstoffarm, sind abgetakelt, fertig. Keine der zuständigen Anstalten und Institutionen wäre bereit, eine solche Masse an Antragstellern aufzunehmen und aufzupäppeln (versorgen). Ich bin auch fertig, obwohl ich gerade Ausgangserlaubnis habe. Nur daß keine Kur bezüglich meiner Schwierigkeiten helfen kann. Ansonsten turne auch ich im Käfig, den ich mir als Selbstverwirklichungsparcours nicht habe zurechtkitschen können. Die Dinge sind, wie sie sind, und ich wohl auch, bin. Die Leute sind fertig, kein Wunder. Man rockt sie hin und her und über den Haufen, etwas saugt sie aus, macht sie verrückt und apathisch bis aggressiv. Kommt nach Berlin, liebe Leser, ich zeige Euch, was hier los ist. Immerhin ist hier was los, man kann es sehen. Deshalb kam ich her. Ende gut, alles gut? Nein. Hier liegen nachts die Leute auf den Straßen.