Meistens kommt man ja gar nicht ins Denken. Ich kenne auch kaum jemanden, der solches tut. Nicht einmal die Professionellen tun es. Was geschieht stattdessen? Stattdessen wird geglitten, geritten, gerutscht, geschnuppert, verfolgt, gewedelt, aufgegegriffen (apportiert), kommentiert, analysiert, paraphrasiert, kopiert. Doch es verläßt nicht die Box. Oder es verläßt die Box und springt über in die Nachbarbox, die Gegen-Box, wo es gut aufgehoben ist, denn die Boxen stecken in einer noch größeren Box, und das bedeutet: systemisch. Systemisch bedingt man sich, also versteht man sich. Selbst wenn man sich nicht versteht, versteht man sich. Umkehr der Abneigung. Fast schon Zuneigung, jedenfalls Abhängigkeit. Man teilt Zeit, Problem, Ort (nimm es nicht zu genau), Zugang, Ansatz, Attitüde – nicht zuletzt die Klasse, das Milieu, die Distinktion. Sogar die Wünsche für das eigene Fortkommen in sogenannten Karrieren ähneln sich. Was ist Karriere? Rennbahn, Lauf, Fahrt, Erschöpfung. Derart ermüdet bleibt keine Zeit für das Denken, selbst wenn es bezahlt würde. Denken als berufsmäßiger Zwang ist kein Denken, es ist irgendwas anderes. Vielleicht ist es Häkeln. Das wäre hüsch und verdiente Rührung.
Autor: Holger Tegtmeyer
Ich hier am Rande der Welt
Als man noch unverstanden sein konnte und eine Haarsträhne ins Gesicht hing, das waren Zeiten. Seitdem ist einiges geschehen. Das Unverstandensein ist abhanden gekommen, alle Welt (in unserer) will oder soll verstanden sein oder es demnächst werden. Das geht mich fast nichts mehr an, und dennoch macht es gruseln. Denn die „repressive Toleranz“, ein Schlagwort aus älterer Zeit, weitet sich aus zu einigermaßen totalitären Ansätzen, nach denen man dazugehören muß. Es sind die Angebote gemacht worden, nun sind Sie an der Reihe, sich einzufügen. Es gibt einen doppelten Zungenschlag bei jeder Integration und Inklusion. Man kann geschluckt, aber vielleicht nicht verschluckt werden. Insofern besteht Hoffnung. Die Systeme fressen Menschen und werten sie ein. Dazu sind sie da. Romantisieren wir auf weniger obszönen Terrains. Hymne an die Nacht, aprilhaft.
Zypressen-Wolfsmilch
Es gibt Glückstage. Eins geht ins andere über, alles flutscht, funktioniert von selbst. Man muß nur noch mitmachen, Strömung nutzen, Rückenwind verstehen. Weiter und noch weiter, unmöglich ist ein seltsames Wort. Manchmal gerate ich in Glückstage nach Zeiten der Pein oder des Unverstehens. Dann ist mir, als hätte wenigstens der Tag mich verstanden und auch aufgenommen und geleitet. So stellte man sich früher seinen Gott vor. Mir geht es jedoch nicht um Gott oder Tag, sondern um Wirbel und Strömungen, Phasen und Abfolgen, Ablösung und Neubeginn sowie die Zwischenzeiten. Wie ausgesteuert wir sind! staune ich ins Nichts, das Nichts der Nihilisten. Nihilisten sind enttäuschte Gläubige, die gläubige Enttäuschte geworden sind. In der sogenannten Natur sind Nihilisten stumm, man könnte auch sagen fassungslos, oder grundlos, oder verloren. Das macht ja Mut.
Dann glotzen sie auch noch
Was soll schon sein, spuckte der Soldat, als er ihnen entgegenkam, gezeichnet von der Schlacht und auf dem Weg in die Reservestellung. Das ist Krieg und das ist, was passiert, wenn man Krieg will. Er würdigte sie keines Blickes, sprach lautlos an ihnen vorbei in ein anderes Nichts.
Häute
Ich bringe die Musik nicht in meine Wohnung, die Musik ist meine Wohnung. Meine Wohnung ist meine dritte Haut. Die erste kann man mir abziehen, die zweite kann ich täglich wechseln. Hier klingt es laut und stark. Unheilverkündend wie ein Gewitter, plötzlich die Klärung, mächtige Schritte des Durchhaltens während einer Wanderung. Über allem ein grau schimmernder und menschlicherseits unberechenbarer Himmel, Wolkenjagden darin oder darauf. Natürlich machen wir weiter, das ist doch keine Frage. Ich komme aus einem Abend, gerate spät in die Nacht. As Falls Wichita, So Falls Wichita Falls.
Wie ich in der sechsten Klasse den Jazz kennenlernte und zu lieben begann
Nicht einmal eine Frage
Jetzt sieh uns an. Wir sind die Kinder und Enkel der Enttäuschung. Uns kann doch niemand mehr täuschen. Wir sind die endgültig Enttäuschten. Nicht aus Lust oder Neigung, sondern aus Pflicht. Wir sind die Kinder des Schreckens und der Schrecklichkeiten. Man müßte vor uns erschrecken, sähe man einmal, daß wir das sind und bleiben. Was kann aus uns noch geschehen. Wir schleppen hier durch, tragen einen Leichnam ohne Namen, finden schon ein Grab.
Ihr Jubel
Zu den Tatsächlichkeiten: Wir sind hier froh über ein bißchen Regen. Jeder Tropfen auf dem Zinkblech der Fensterbank stimmt froh. Der Flieder blüht bereits, wir sind zwei Wochen vor der Zeit. Ich erwarte die Mauersegler, um den fünften Mai sollten sie eintreffen. Guten Flug, fremde Freunde.
Exhumiert (Man spürt bereits den Leerlauf)
Zuzu
In einer verwegenen Bar am Tresen zu sitzen und zu verfolgen, was geschieht, hat vorzüglichen Rang. Es ersetzt endlose Erörterungen über die Natur des Menschen. Verhaltensbiologisch ist etliches einzufangen. Auch sprachwissenschaftlich läßt sich lernen, soziologisch eine Milieu-Idee überprüfen. Mir ist recht unklar, warum die Bars derart weggedrückt und puritanisiert werden. Die Wahrheit nimmt selbst in einem Scheißhaus platz, und jeder weiß es. Man rümpft in gewissen Kreisen die Nase, möge man rümpfen. Alles gehört zu allem, doch das zu verstehen scheint Mühe zu bereiten in einer Kultur der vornehmen oder abgründigen Abtrennung. Nicht mein Problem. Ich habe andere.