Wir werden es finden

Was ich brauche, ist ein Gespräch, in dem niemand sich verstecken muß oder geniert. Was ich mir ersehne, ist ein Sprechen und Zuhören ohne Vorbehalt.

Wer sind wir denn jeweils einzeln? Woher stammen wir, was läßt die sein, die wir augenscheinlich sind? Gehen wir doch von dort aus ein Stückchen weiter und schauen nach solch gewonnenem Weg zurück auf unsere Streitigkeiten. Wenn sie solchen Weg wert waren, sind sie wichtig. Ich bin nun schon ein wenig erwachsen, ich weiß, daß Konflikte dazugehören. Ohne sie wird hier nichts.

Wir werden es finden

Wenn das die Einsicht ist

Eine Stockung, ein Verweilen, ein Stehenbleiben. Sicher scheint sicher. Nichts Falsches sagen, am liebsten noch schweigen. Der ferne Präsident scheint zu schocken, wie zuvor bereits andere Ereignisse. Es kommt, wie es kommt, sagt der Volksmund. Sollte man sich wundern? Ich wundere mich nicht, staune nur ein wenig in Richtung der Geschockten. Sympathien? Wozu denn das und für wen? Nicht einmal für die Gegenseite, denn die Gegenseite hat die jetzt und augenblicklich herrschende Seite stark gemacht. Doch das versteht sie nicht, da sie sich im Besitz von sonstwas wähnt. Man konnte ihrem Scheitern zusehen, es vollzog sich wie in Zeitlupe. Nun gilt erneut, unter umgekehrten Vorzeichen: scheitern lassen. Vielleicht findet sich später ein gutes Neues. Ob wenigstens auf die Dialektik Verlaß ist, weiß ich nicht.

Wenn das die Einsicht ist

Feuerstelle

Das Holz knistert, während es verbrennt. Die Harzeinschlüsse lassen es knallen. Das ergibt eine schöne Musikalität. Draußen beginnen die Vögel zu schreien, zu singen. Ist es derart spät, daß es bereits früh ist? Ja, es ist. Schlaf kommt wie gerufen. Früher fürchtete ich das, denn ich mußte träumen, grausames Zeug. Heute sinke ich in den Schlaf wie in eine Wanne und erwarte zur Morgenstunde die interessanten Träume, ganz wie zuletzt, als ich Onkel Gustav wiederbegegnete, er sah aus wie damals, und gerade so, als sei auch ich noch einmal wie früher und Kind, reichte er mir einen Zehn-Mark-Schein, den blauen Schein mit der Gorch Fock darauf. Onkel Gustav rauchte Zigarre, das weiß ich noch. Er hatte mit seiner Brille etwas Vornehmes an sich. Er ist längst tot, und auch sein Sohn ist schon tot, obwohl der noch leben könnte. Verwandtschaft ist ein eigenartig Verzweigtes. Ich scheitere regelmäßig daran.

Feuerstelle

Verwundet und verwundert

Nachmittagsstunde, die Sonne steht zwischen den Häusern und sendet Licht ins Arbeitszimmer. Ein Postbote radelt vorbei. Leise geht der Wind und bewegt die Blätter der Stechpalme und des Efeus. Eine Mutter spielt mit ihrem Sohn Tischtennis, ein Nachbar trägt seinen Müllsack zur Tonne. Jemand spricht über die mathematische Bedeutung der Null. Die Tür steht offen, die Knie werden kalt. Müßte ich ein Bild malen, trüge es den Titel Baumrinde mit Moos. Ins Tagebuch schrieb ich: „So bleibe ich verwundert und lebe diesen Tag.“

Verwundet und verwundert

Relationen

Wenn ich an Politik denke und diejenigen, die sie auszuüben sich entschieden haben, frage ich mich, ob sie und ihre Aktionen und Interventionen überhaupt mein Interesse verdienen. Ich meine: ausgerechnet meines! Was soll ich denn tun, denken, sagen? Mein Einfluß besteht darin, daß ich spreche und schreibe. Das ist nicht nichts, doch es ist auch nicht alles. Ich kann mich diesbezüglich nicht wichtig finden oder nehmen. Allerdings drehe ich die Sache um und frage, wie ich gefragt habe. Verdienen solche Leute meine Zuwendung und mein Engagement. Sind sie ohne mich nichts oder weniger? Nein, das glaube ich nicht. (Schon kommen die Politikverdrossenheitsforscher mit ihren Fragebogen.)

Relationen

Bahnen und Figuren

Vermutlich ist es eine der größeren Aufgaben des Einzelnen, sich jeweils in das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu bringen. Im richtigen Leben gelingt das wie von selbst, man muß nicht eigens darüber nachdenken. Im falschen Leben wird buchstäblich alles problematisch, also nachdenkenswert. Da ich mein falsches Leben schrittweise verlasse, sollte es fortan leichter werden. – Skepsis ist jedoch angebracht, denn man kann kein falsches Leben führen oder nur eine Zeitlang ein solches. War jemand sein Leben lang feige, wird es erlaubt sein müssen, ihn einen Feigling zu nennen. Das Mutige, das sicher in ihm steckte und auf günstige Gelegenheit wartete, sich einmal zeigen zu dürfen, verharrte in Latenz. – Nähe und Distanz zu Menschen, zu Ideen, zu Verhältnissen, zu Milieus. Zu jeglichem. Man beachte die Bahnen der Himmelskörper und deren ‚Sinn‘ für Abstandwahrung. Dem Staunen gewidmet sind wir längst.

Bahnen und Figuren

In den Idiotien

Eine natürliche Scheu läßt mich regelmäßig davor zurückschrecken, über Politisches zu schreiben und zu sprechen. Sie erscheint mir natürlich, da ich weiß, daß das Politische die Sphäre des Streits und der Interessenkonflikte ist, der Austragungsort des Kampfes zwischen Trennendem und Verbindendem in einer Gesellschaft von Menschen. Politik ist relativ. Ich mag es absolut. Umso mehr erkenne ich im Politischen die Versuche zur Verabsolutierung (kein schönes Wort, kein schöner Inhalt) eines tages- oder wochenaktuellen Standpunkts. Das grenzt ans Lächerliche und zieht Mitleid auf sich. Leben ist ein dynamischer Prozeß, auch morgen werden erneut Gewißheiten sterben. Andererseits quillt das Politische derzeit über und schlabbert und wabbelt durch die Räume wie Slime, diese Knetmasse, mit der Kinder experimentieren, Furzgeräusche erzeugen oder den ganzen Schmodder an die Wand klatschen. Politik ist überall, und uneingestanden beten, also bitten die Menschen, daß diese ängstigende Politik sich wieder legt und es einen Alltag geben wird, in dem sie nicht mehr bestimmend ist. Frommer Wunsch. Wo Spannungen sich aufbauen, kommt es zu Entladungen. Ich möchte über die Mondsichel schreiben, die schnittbereit am Himmel hängt. Großer Gott, was tun wir hier?

In den Idiotien

Panzerbesatzung

Man arbeitet sich fast tot, jedoch nicht ganz. Zwischen zwei Terminen hatte ich Zeit, über Politik als die „Kunst des Möglichen“ nachzusinnen. Die Definition wird Bismarck zugeschrieben, sie sei die Kunst des Erreichbaren, des Nächstbesten. Als Kunst ist sie demnach nichts Geringes, bedarf jedoch des Fleißes, der auf Begabung treffen muß. Der Kunst des Möglichen wäre abschreckend die Praxis des Unmöglichen gegenüberzustellen. Zu solcher Praxis gehören vermeidbare und unbeendbare Kriege. Das Mögliche einschätzen zu lernen und es vom Unmöglichen zu unterscheiden bedarf es eines Lebens großer Hingabe, etlicher Fehlschläge und gründlicher Studien. Die sogenannten Thinktanks sind Gremien unbestimmter und unbestimmbarer Qualität. Panzer denken nicht. (Auf die Schnelle noch dies, erneut Bismarck: „Das Geheimnis der Politik? Machen Sie einen guten Vertrag mit Rußland.“ Niemand mag das hören, kaum jemand glauben. Demnach läuft alles weiter wie bisher. Immerhin haben alle recht. Dafür wird gestorben.)

Panzerbesatzung