Ein Mensch ist eine Welt. Da finden sich Orte, Wege, Menschen. Die meisten davon sind schon tot, doch immer gibt es welche, die noch leben. In denen, die noch leben, finden sich die Geschichten ein. Sie sind übergeben worden, man sagt auch: überliefert. Lernst du einen Menschen kennen, betrittst du eine andere Welt. Es gebietet sich, behutsam zu sein, nichts zu verlangen, die Regeln der Gastfreundschaft zu achten. So wird dir gegeben, was gegeben werden kann. Wir alle kommen aus der Tiefe der Zeit und treffen hier aufeinander. Ausgerechnet du, ausgerechnet ich. Mir stockt der Atem, und dauernd habe ich Bauchweh.
Allgemein
Bis auf die Knochen
Mitternacht durch, eisige Kälte. Mögen sie überleben, die dort draußen in Zelten schlafen am Rand von Friedhöfen, Schnellbahngleisen, Kanälen. Es sind Tausende in dieser großen Stadt.
Keine Bagatelle
Immer mehr soll Freundlichkeit mich leiten. Das Verbiesterte und Festgefahrene der Debatten um die Zukunft des Universums und der eigenen Existenz lähmt. In der Freundlichkeit achte ich jedermann wie mich selbst, und sollte ich mich selbst nicht ehren, umso mehr. (In den Schluchten des Balkans liegen die Schätze.) Andere wiederum nehmen Worte nicht ernst, und das aus gutem Grund. Nein, ich kontrolliere nicht xfach, was ich hier schreibe, ich haue es raus. Mein Bedürfnis: Ich möchte mich freisprechen, und zwar komplett. Daß das nicht möglich ist, weiß ich schon selbst. Die kirchliche Beichte ist mir nichts, da ich mich fragen muß, wer zuhört. Wäre das Gott, ginge es gut. Da es nicht Gott ist, geht es schlecht. Es mag einen idealen Hörer meiner Geständnisse geben. Deshalb, vermutlich, schreibe ich. Ich bin unvoreingenommen hinsichtlich des Lebens, auch hinsichtlich meiner eigenen Existenz. Was ich versuche, ist, ihr auf den mir erreichbaren Grund zu gehen. So tief und schön und schmerzhaft wie möglich.
Später kommt mehr
Die rätselhaften Wunder der Schönheit spinnen sich fort. Hielt ich früher (irgendwann früher) die wirkliche Welt in Teilen für eine fehlausgerichtete Installation, weiß ich nun, Lebensjahre weiter, daß die menschengemachten Werkversuche zu verzeihen sind, da es besser offenbar nicht gelingen konnte. Jede Zeit gibt ihr Bestes. So verhält es sich auch mit den Einzelnen. Mehr ist derzeit nicht drin.
So geht das
Immer noch mehr Gutes
Nebenbei, da ich Besseres zu tun und zu bedenken habe, studiere ich die journalistischen Beiträge zu den aktuellen Ereignissen und lasse solcherart die Ansichten und Einsichten der politischen Klasse servieren. Viel Aufregung. Die Europäer rotieren, als seien sie auf gar nichts vorbereitet, als klemmten sie unweigerlich fest im erklärtermaßen einzig gültigen Narrativ. Niemand scheint taostisch sehen, denken und verstehen zu können. Noch immer wollen sie das Eine und nicht das Andere, weigern sich aber, verstehen zu lernen, daß das Eine das Andere produziert – und umgekehrt. Was das Verstehen angeht, sind wir hier ganz weit hinten.
Nasenbeinbruch
Während ich den Schneefall bejuble und in der weißen Welt umherstapfe, sprechen andere vom drohenden Verkehrschaos, bitterkalten Nächten und den kommenden Tagen der Knochenbrüche. Man kann auf die Nase fallen und sich sonstwas brechen, ganz so, wie ich es tat, als ich 13jährig den abschüssigen Weg zur Schulbushaltestelle hinunterschlitterte, der Laufweg war eisglatt, ich wollte ausholen und auf den Schuhsohlen weiter als alle anderen schlittern (damit angeben), da riß es mir die Beine weg, drehte mich um 180 Grad und ließ mich gesichtzuerst auf das Pflaster schlagen, so daß ich bewußtlos hätte liegen bleiben müssen, nur daß ich nicht bewußtlos war, sondern sah, wie mir das Blut aus der Nase schoß. So geriet ich das zweite Mal in meinem Leben in ein Krankenhaus (beim ersten Mal wurde ich geboren und weiß nichts davon, spüre aber alles). Das gebrochene Nasenbein wurde gerichtet, die Nase tamponiert, ich blieb eine Woche dort. Atmen nur noch durch den Mund, alles trocken darin, schlechter Schlaf, seltsame Zimmergenossen, Kinder schaffen das. Als die Tamponage gezogen wurde, kitzelte das bis in die Stirnhöhle hinauf. Der Arzt zog und zog, am Ende waren es sicherlich zwei Meter pro Nasenseite, die er einholen mußte (wie ein Fischer). So durfte ich anschließend nach Hause und konnte wieder durch die Nase atmen. Es war sensationell.
Wie wir uns begegnen und begleiten
Wir leben im Wunder
Schneeweißes Zauberland ist nachts die Stadt auf dem Heimweg. Die Schritte knurpsen. Im Lichtkegel der Straßenlaternen könnte man die Flocken zählen, hätte man ein dafür spezialisiertes Auge. Leise ist nun alles, heimlich, geheimnisvoll. Wenige sind unterwegs, es ist nach Mitternacht. Wo ich war, habe ich jeden feierlich verabschiedet, als sei dies ein heiliger Tag und ich könnte verschwinden für immer. Umso langsamer setze ich die Schritte, von denen ein jeder die Straße entlang weit hörbar ist. Ein Risseln ist in der Luft, das ist das Geräusch der Schneeflocken, die aus dem schweren Himmel fallen. Müßte ich nachher nicht arbeiten, ich liefe bis zum Stadtrand, zwanzig Kilometer mögen das sein, und liefe noch weiter hinaus, und irgendwann wäre es Morgen und ich fände ein brandenburgisches Stehcafé und bestellte mir einen Kaffee mit einem Schuß Milch. Anschließend führe ich tiefbefriedigt zurück und legte mich schlafen und schliefe verliebt ein.
Harpune
Noch ein paar zarte Schritte in den feinen Schnee dem Vollmond zu, der am Himmel steht wie damals, als die Romantik noch nicht erfunden war, und noch weiter damals, als nur die Kojoten ihn anheulten, und noch weiter damals, als es kein damals gab, da das Wort dafür nicht existierte. Die Worte folgen den Tatsachen, doch die Tatsachen sind auch ohne die Worte. Es gibt allerdings Tatsachen, die sind erst durch Worte. Allein das Wort macht detektivisch. Da muß etwas geschehen sein, daß eine Handlung in eine Sache einbricht oder eine Sache zu Handlung führt – und dann als Sache erstarrt. Ich empfand das Wort stets als kalt und amtssprachlich. Das ist eine Tatsache, doziert vom Pult oder vom Katheder irgendein urteilender Amtsinhaber und schlägt mit der Faust auf die Kante. Tatsache suggeriert, es gäbe weder Betrachter noch Beurteilung. Objektivität bedeutete, daß die Objekte selbst zu sprechen begännen. Erneut Nietzsche. Wann wird man denn einmal vor ihn kommen, statt ständig nachzulaufen? Die Juristen könnte man fragen, die nehmen mit weniger vorlieb, nicht zuletzt, da sie müssen. (Ohne Tatsachen sind sie aufgeschmissen.) Eine erkenntnistheoretisch praktikable Lösung, die zu befrieden hat, aber nicht zu befriedigen vermag. Man müßte in Das Herz aller Dinge schauen, um zu verstehen und zu bewerten. Doch das ist nicht möglich. Kaum die Metapher wird verstanden, Graham Greene hat sie benutzt für einen Roman, 1948 erschienen.