Manchmal ist das Einerseits-andererseits schwer zu ertragen. Dafür oder dagegen sein. Sich enthalten. Sich etwas anderem zuwenden. Bei dieser Wahl dachte ich: Stimme diesmal nicht, sei selbst eine Stimme. Doch warum dieses gegen jenes stellen? Ich komme ja schon zu mir, jeden Tag mehr. Es gefällt mir, mündig zu sein. Ich war es von Anbeginn, entschied sogar selbst den Zeitpunkt meiner Geburt. Zu früh. Mythos.
Allgemein
Jobs vergeben
Über die republikanische Feierlichkeit des Wahlsonntags wollte ich längst schon schreiben. Ich empfinde sie tatsächlich, weiß jedoch nicht, ob allein ich sie empfinde. Sie hat etwas von Kirchgang oder Begräbnis. Man macht ernste Miene, denn es geht um was. Wahlgang ist Machtzuteilung. Nichts von Pappe. Das Millionenvolk entscheidet über die Arbeitsplatzzukunft der sich zur Wahl stellenden Bewerber. Das klingt nach idealer Demokratie, sofern eine repräsentative als ideal angesehen sein kann. Ausgerechnet zu dieser Wahl war mir nach Verzicht zumute, da ich der Parolen und der Zuspitzungen leid bin. Doch nicht zuletzt die Erinnerung an die bürgerliche Kirchgangsstimmung ließ mich den Gang antreten. Ich würde mich schuldig fühlen, so oder so. Das wußte ich. Nichtwählen ist keine Option, wenn man wählen kann. Jede Stimme zählt, versprachen sie vor der Wahl. Das stimmt nicht wirklich, denn die Parteien, die nicht auf fünf Prozent der Wählerstimmen kommen, werden nicht beachtet (gleichwohl sie gezählt wurden). Die Klausel ist alt wie die Bundesrepublik Deutschland und soll verhindern, daß die politische Republik in Kleinstparteien zerfällt und unregierbar wird. Den Kirchgang, den ich antreten mußte, als ich ein Kind war und konfirmiert wurde, konnte ich nicht leiden. Die bürgerliche Rechtschaffenheit stelle ich ohnehin in Frage. Dennoch mag ich diese feierlich-sachliche Stimmung. Als hätte man etwas schwer zu Erbringendes geleistet.
Wahlberechtigt
Wahltag. Tag einer gewissen republikanischen Feierlichkeit. Hier in Berlin wählen wir in Schulgebäuden, betreten das Foyer, folgen den Schildern in lange Flure hinein, lassen uns leiten von der Numerierung und geraten in einen Raum mit Tischen und verantwortlichen Menschen, weisen uns aus (Wahlbenachrichtigung), bekommen einen Wahlschein, werden unterrichtet, wieviele Kreuze in welcher Spalte erlaubt sind, steuern einen Tisch (mit Stuhl) an, auf den ein hölzernes Flachdachhäuschen gestellt ist, das nach vorn, nach links und rechts und oben durch Wände geschützt ist. An einem Faden hängt ein Kugelschreiber. Mit dem ausgefüllten Wahlzettel, den ich wieder so falten soll, wie er mir übergeben wurde, damit niemand sehen kann, wie ich gewählt habe, gerate ich nun in die letzte Phase der amtlichen Bewährung. Es wird geprüft, ob ich in den Wahllisten registriert bin und mich ausweisen (Personalausweis) kann. Die Wahlurne wird geöffnet. Dies geschieht, indem ein A4-Versandumschlag, der den Spalt bedeckt, zur Seite gezogen wird. Mein Wahlzettel ist versenkt. Ich bedanke mich bei den Wahlhelfern. Das sind sie kaum gewohnt.
Bleischwere
Es ist für einen wie mich gut, sich unter die Menschen zu mischen. Ich gehe dort nicht unter. Vielmehr erlebe ich was. Ohne sie wäre ich ärmer und arm. Es gab aber eine Zeit, da ich sie zu fürchten begann, die Menschen. Solche Reaktionen sind nichts Unbekanntes, man kennt das fachlicherseits. Sie wollten mich draußen haben. Ich vergesse das nicht.
Aufruhr
Erschöpft von Gefühlen sinke ich ein. Die Buchstaben legen sich niemals schlafen, sie dauern mich. Ich liebe das Leben inniger denn je. Sanft wird es wärmer, Vorfrühling deutet sich an. Mir ist nach göttlicheren Spielen, selbst da ich weiß, daß es solche Höhe nicht geben soll.
Erneut 2
Erneut
Zwischen kleiner und großer Vernunft
Dauernd ist Nacht, obwohl doch die Tage nun länger werden und das Licht die Finsternis zerschiebt. Nachts läßt sich denken und fühlen und sagen, wozu am Tage zu schweigen ist. Es existiert, jeder weiß es, eine Alltagsvernunft, die sich zeigen kann und auch muß; sie ordnet zuverlässig Zuständigkeiten und Zugehörigkeiten gemäß der berechtigten Interessen, hilft auch dabei, die lästigen Geschäfte abzuwickeln, und anerkennt not- und situationsgebunden oder -gedrungen die Regeln, unter deren Herrschaft und Geltung sie stattfinden kann und muß. Die nächtliche Vernunft ist größer, sie umfaßt still die ganze Welt. Ich idealisiere bewußt, denn ich unterscheide die kleine von der großen Vernunft.
Steine und Namen
Lese Tagebuchaufzeichnungen aus dem letzten Sommer, ich war unterwegs. Orte und Menschen, Landschaften in Himmel und Erde, allein und in Begleitung. Geschichten von Grabsteinen auf Friedhöfen, die verlassen sind wie die Ewigkeit. Zur Stille des Ortes gesellten sich Rehe, die zwischen den Grabstelen ästen, leise und aufmerksam wie scheue Besucher aus anderer Wirklichkeit mit großen glänzenden Augen. Die Grillen zirpten, es war heiß. Das Gras stand kniehoch und vertrocknet. Endlos erstreckten sich die Grabmale in langen Reihen. Der Zentralfriedhof in Wien ist legendär und groß, die Rehe dort zieht es auf den alten jüdischen Friedhof.
Schnell mal weg
Der Boxer liegt im Sterben. Daß der Schiedsrichter ihn anzählt, nimmt er nicht mehr wahr. Das Publikum staunt mit. Werbeunterbrechung.