Euphorien, unberechenbar wie das Glück. Begeisterung ist ein untersuchenswertes Wort, dessen (nicht gänzlich) immaterielle Substanz ein mentales Hochgefühl ist, das sich der Fähigkeit verdankt, empfangen zu können. Es ist das Kennzeichen von Geist, sich zu verbinden. Geist privatisiert selten. Geist ist psychische Aktivität plus Kommunikation, Geist insinuiert (gibt zu verstehen): Niveau. Niveau ist Höhe oder Tiefe. Höhe bedeutet Überblick, Tiefe Einblick. Man kann begeistert sein, sich begeistern lassen, andere begeistern. Geist leuchtet und will sich versprühen, mitteilen und verschenken. Geist ist nicht geizig, er gibt sich gern und viel.
Allgemein
Man möchte das Herrliche teilen
Dieser Januar … ich wundere und staune. Sonnentage! Hinaus ins freundliche Leben, jubelt es in mir. Leben kann freundlich sein, wir vergessen es und verweisen zu unserer Rechtfertigung auf die Verhältnisse, mit denen es sich jeweils verhält und in denen wir uns verhalten – nämlich wie? Ich denke an Frühstücksrunden in Berlin, irgendwann in den frühen Neunzigern. Der Hausherr hielt sich fern, stand im Bademantel mit einem Kaffeebecher in der Hand auf dem Balkon und wünschte noch nicht zu sprechen. Später trat dann auch er an den Tisch, wo bereits seit längerem munter geplaudert wurde. Er suchte nach einem eigenen Zugang zum Tag, der gerade begonnen hatte. Vielleicht ist es besser, seinen Jubel nicht unter die Leute zu tragen.
Aus dem Zusammenhang 342
„Wollen Sie wissen, was das Letzte war, das ich zu ihm sagte? — Du mußt dich rasieren! — Wir sind achtundzwanzig Jahre verheiratet, und das Letzte, was ich gesagt habe, ist: Du mußt dich verflucht nochmal rasieren.“
Landman, S1 E10
Macht und Möglichkeit
Die Inaugurationsfeierlichkeiten in Washington D.C. auf dem Bildschirm. Als werde ein Bürgerkönig auf den Thron geleitet. Blasmusik, Uniformen, Reden. Fahnen und Girlanden, Streifen und Sterne. Die Mitglieder der bürgerlichen Familie aufgereiht wie zu genealogisch-physiognomischen Studien. Von Fröhlichkeit keine Spur. Ein Sohn des Präsidenten sticht hervor, er überragt sie alle und ähnelt dem Frontmann der Einstürzenden Neubauten. Der Kuß für die First Lady bleibt an der Hutkrempe hängen. Ein Goldenes Zeitalter soll beginnen. Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Dekrete. Unterschrift drunter, fertig, los.
Kein Titel
Enttäuschungen beruhen zu allererst doch wohl auf Täuschungen. Nicht? Ich dachte, ich hoffte, ich stellte mir vor. Nichts da. Das ist heilsam, das sitzt. Selbsttäuschungen sind lehrreich. Man muß lernen, Zeichen zu lesen und sie von anderen Zeichen, die keine Zeichen sind, zu unterscheiden. Niemals kann man sich sicher sein. Unsicherheit scheint das vibrierende und tragende Element menschlicher Beziehungen zu sein, wenn der Anspruch auf bedingungslose Liebe erloschen ist. Das ist der Schock des frühen Erwachsenseins: daß auf nichts Verlaß ist. Nicht einmal auf sich selbst. Wie kann man wissen, wer man ist? Das sind ernste Fragen. Sie gestalten sich fort und ergeben einstmals ein vorläufiges Antwort-Bild. Daß es friedlich wirken mag, täuscht. Nichts ist friedlich an einem Wesen, das aus sich heraus geraten muß. Daher die Traditionen und Institutionen. Entlastungen sind Belastungen – als müßte man das auch noch sagen.
Sanft in den Tag
Weiter und weiter die Straßen entlang
Sonnentage und eine Art Leichtigkeit. Ich schlendere durch die Straßen und sehe in die Gesichter. Besonders die Alten interessieren mich: wie sie sich halten, wie sie schauen, ob sie lebendig sind.
Auf Erden und bleiben
Mir ist es lieb, für normal gehalten zu werden, auch wenn ich ernsthafte Zweifel anführen könnte, ob dies einer Auszeichnung gleichkommt oder einer Art Verdammnis. Die späteren Generationen und Zivilisationen werden für uns einen Platz finden. Unsere bedauernswerten Milliardäre wollen zu den Sternen und schießen Gegenstände in den Orbit. Draußen soll es für die abgewrackte Menschheit weitergehen, wenn hier die Lichter ausgehen. Ich fühle mich belästigt von Spackos und Sputniks und lese Bücher, die mir Laune bereiten sollen, Liebe in Ruinen von Walker Percy beispielsweise. Ich bekam es geschenkt im Jahr 1990, vierunddreißig Jahre später lese ich darin und fühle mich erfreut. Auch Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten von John Kennedy Toole wartet geduldig. (Walker Percy setzte sich für Tooles Roman ein, so konnte er endlich erscheinen.) Die Märchen der Brüder Grimm lagen auf der Straße aus, vorhin, bei der Rückkehr von einem Spazierweg, eine Ausgabe aus dem Verlag Neues Leben von 1987, ich nahm sie an mich. Erster Satz des ersten Märchens: „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, daß die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien.“
Im Einklang sein mit
Vorsicht im Januar, die Tage sind tückisch. Fünfzig Minuten später geht Ende des Monats die Sonne unter, verglichen mit seinem Anfang. Man soll nichts wollen, ich wiederhole und belehre mich selbst. Es ist vielleicht sogar anmaßend, verstanden werden zu wollen. Woher also solches Trachten? Wenig bringt mich mehr außer Bahn als Menschen. Ausgeprägtes Unwirklichkeitsgefühl, als führte man mich mir vor, und ich wäre verurteilt, das Spektakel aus mir selbst heraus (Innenperspektive) wahrzunehmen.
Das Ich sagt ich und darf es nicht
Ich mag anschließen an den vorherigen Eintrag ins Texte-und-Tage-Konvolut. Der hohe Grad an Individuation, den ich, seit ich beobachten und vergleichen kann, also von früh an, bemerke, beschäftigt mich ungemein. Gleichmachereien amüsieren mich, so verlockend es sein mag, über Mengenbildungen und Merkmalszuschreibungen ganze Kohorten aus dem Weg zu räumen und einzuordnen. Daß ich selbst in solche Fallen der Entlastung gerate, wundert mich nicht. Sie sind verlockend, man will und wird schnell fertig werden und ist es kurz darauf. Die Individuologie, sofern sie sinnvoll wäre und zu arbeiten verstünde, erkundete jenen wissenschaftlich verschwiegenen Bereich, der nicht verallgemeinerbar und nach bisheriger Erkenntnisleistung zu vernachlässigen ist. Der Individuologie bliebe die qualifizierte Verwertung der Erkenntisreste zugetraut. Klingt das lustig genug? So wollen wir gemeinsam oder vereinzelt weinen.