Stunden fühlen

Wie schön die Nacht ist in Ausdehnung und Stille. Man muß nachts leben, tagsüber wird man behelligt vom Leben, das will und muß und soll. Die Zarten möchten doch gar nicht aus dem Haus, nicht zur Schule, nicht zur Arbeit, nicht einmal zur Verabredung. Daß es sicher ganz toll wird, hat man ihnen hundertmal versprochen. Sicher, später wird es toll gewesen sein. Nachts ist die Zeit ganz für sich.

Stunden fühlen

Das System spricht, ohne daß es sprechen kann

Besichtigung einer amerikanischen Hinrichtungsstelle in Mayor of Kingstown, filmisch aufbereitet, der Liegesitz mit der angeschlossenen Apparatur, die Trennwand mit dem Sichtfenster, die Stühle diesseits der Grenze für Angehörige, Zeugen und Zuschauer. Was geschieht, geschieht rechtens. Gleich verschwindet einer dorthin, wohin niemand Lebendes reicht. Beschleunigter Abgang, offenkundig verdient, das Gesellschaftsrecht hat gesprochen. Sauberer Tod, nichts Verschwiegenes daran. Die Vollstreckung geschieht, weil sie geschehen muß. Das sagt das System. Der Verurteilte wird zur Stätte seines nahen Todes geführt, Beamte stehen dabei, assistieren oder sind Zeugen. Der Verurteilte wird festgeschnallt. Das Urteil wird verlesen. Ob er die Sterbesakramente empfangen möchte. Ob er noch etwas zu sagen hat. Der Liegesitz wird in die Horizontale befördert, die Injektionsspritze wird fixiert. Die drei Telephone an der Wand bleiben still, nur der Gouverneur könnte die Prozedur in letzter Minute stoppen. Die Uhr ist abgelaufen, die Kolben der Injektionsgefäße senken sich. Er schläft jetzt, sagt jemand beschwichtigend zur Mutter des Sterbenden. Derweil gerät der Körper des Schlafenden in Krämpfe und Zuckungen, aus dem Mund tritt Schaum, er näßt sich ein.

Das System spricht, ohne daß es sprechen kann

Ja mit einem Ausrufefragezeichen

Ältere Texte gelesen, ab Oktober 2024 rückwärts, hier auf Texte und Tage. Geht doch, dachte ich. Während ich schreibe, fühlt es sich zuweilen gut, zuweilen geht so an. Allerdings muß es hinaus. Hier ist der Ort ihres Aufschlagens. Des Aufschlagens der Gedanken, Bilder, Artikulationen. Nach ihrem Aufschlagen haben sie es schwer bei mir. Ich rümpfe die Nase, fremdle sie an, lasse sie liegen wie Fallobst oder stehen wie Idioten. Nach einiger Zeit gibt eine Revision, die erste. Ihr folgen weitere. Da ich auch mein Versagen dokumentieren möchte, bleiben sämtliche Einträge erhalten. Gelöscht habe ich selten. Vielleicht war mir etwas peinlich, mag sein. Ich habe seit langem nicht mehr gelöscht. Ich nehme das als gutes Zeichen für das laufende Jahr. Daß niemand wissen kann, was kommt!

Ja mit einem Ausrufefragezeichen

Widmungstext

Um die Schwere anderer Leute kann ich mich derzeit nicht kümmern, sichere gerade die eigene Leichtigkeit. Sicher hält sie nicht ewig. Ich möchte noch ein wenig hinauf für den Überblick und das Kribbeln im Bauch, man nennt das Ekstase. Das Politische macht mich derzeit dermaßen lachen, daß ich nicht weiß, wohin damit. Der Opportunismus der Leute, die was zu entscheiden haben, ist buchstäblich. Sie fallen wie stets zur richtigen Seite. Die Deutschen haben wie immer Schiß vor sich selbst, trauen sich nicht, trauen auch den anderen nicht, möchten auf Nummer sicher gehen, wissen aber nicht, wo sicher ist sicher liegt, taumeln herum und stottern sich die paar Grundregeln, die sie sich merken konnten, rauf und runter. Ich würde den Deutschen niemals trauen. Mir selbst kann ich mittlerweile ein wenig mehr trauen, doch mußte ich Prüfungen durchlaufen. Weitere werden folgen. Dafür sind die Krisen gemacht. Man darf sich ihnen stellen – vor allem ermöglichen sie, die Konkurrenz zu sichten. Scheitern lassen gilt für alle Agenda-Großprojekte, deren Ende jetzt bereits erkennbar ist. Scheitern lassen, da die Überzeugten solcher Jahrhundert- und Menschheitsanstrengung sich nicht belehren lassen können, auch nicht zu stoppen sind. Sie sind bereits das Schiff, das kentern wird. Sie sind nicht auf ihm, denn dann könnten sie abspringen. Zuletzt, bevor ich schlafen gehe, entsinne ich mich des Satzes eines guten Freundes aus älterer Zeit, er sagte wörtlich: Es ist nicht so, daß mein Vater eine Idee hat. Es ist vielmehr umgekehrt: Sie hat ihn.

Widmungstext

Weser bei hohem Pegelstand

Seltsame Wehmut, die mich umfängt in der alten Heimat, die nun schon leicht zu werden beginnt und fliegen kann. Gehe ich doch die Gleise entlang in den Hafen und mache Bilder von Güterwaggons und photographiere die Silotürme empor vor blaßblauem Himmel. Auf dem Asphalt ist es glatt, nachts überfrierende Glätte. Die Sonne lacht wie bescheuert, ich schlafe im Hotel wie ein Heimkehrer ohne Heim. Das sind Geschichten, die erzählen sich leicht.

Weser bei hohem Pegelstand

Nur die Armen geben

Wer betteln gehen mußte, weiß: nur die Ärmeren geben. Denn sie sind der Bedürftigkeit noch nahe. Die anderen zeigen sich kalt und unerbittlich. Nichts und niemandem geben, der sich nicht mindestens sichtbar erfolgreich angestrengt hat. Der gepanzerter Hochmut dessen, der alles aus eigener Kraft erkämpft und sich ermöglicht hat und deshalb achtgibt, nichts vom Ergatterten jemals wieder ohne Gegenwert freizugeben.

Das führt zu emotionaler Verstopfung, wie überhaupt das Nichtgebenkönnen freudianisch anal verortet wird. Umkehrschluß: Wer sich ausscheißen kann, wird auch geben können. Geiz ist eine Krankheit, sündhaft überdies.

Henry Millers sogenanntes Skandalbuch Wendekreis des Krebses ist eine Quelle ersten Ranges hinsichtlich der Erfahrung eines Mannes, der betteln geht, selbsterwähltes Geschick, ‚in Kauf genommen‘, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können: als Schriftsteller, wie er hofft. 1934 erschien es, in Paris. Erst dreißig Jahre später in den USA und Großbritannien, wo die Bewahrung guter Sitten die Zensurbehörden emsig hielt.

Noch schlimmer (heftiger) zu lesen: Knut Hamsun, Hunger. 1890 erschienen, 1891 in deutscher Übersetzung. Ich habe heute noch Angst, es wieder zu lesen. Ich las es mit zwanzig und war gewarnt. Und dennoch: Wer schreiben will (im Sinne von: muß), wird es tun. Notfalls um jeden Preis.

Nur die Armen geben