Intensiv individuell

Intensität – wie übersetze ich das? Mit Eindringlichkeit doch wohl. Wenn etwas immer intensiver wird, dann dringt es ein und beherrscht schließlich den ganzen Raum. Intensiv heißt auch deutlich, vielleicht schmerzhaft deutlich. Die Etymologie des Wortes führt kaum weiter, von Anspannung ist da die Rede. Bevor ich es vergesse: Ich habe gestern eine Wissenschaft erfunden, die es geben sollte: die Individuologie. Sie kam mir in den Sinn, kurz bevor ich von oben kommend den Hermannplatz in Neukölln erreichte, um dort anschließend in den Untergrund zu steigen, von wo die Bahnen in vier verschiedene Richtungen und unterschiedlich numeriert fahren. Die Individuologie darf nichts Esoterisches sein, sondern kann sich um die Phänomene der Unterschiedlichkeit und der Abweichung kümmern, ohne wissenschaftlich oder politisch aufgerufen zu sein, neuerlich gruppenphänomenologisch zu forschen. Um das Individuum schert sich in Wahrheit kein Arsch, doch wer wollte das zugeben in einer Welt voller Anteilnahme und Kümmernis.

Intensiv individuell

Mitternacht plus 44

Huckleberry Finn hat mich mehr interessiert als Tom Sawyer. Tom hätte ich selbst sein können, Huck nicht ohne weiteres. Es ist gut, wenn man weiß, was einem fehlt. Ich müßte mehr noch Abenteurer sein als ich es bisher mich getraut habe. Man kann Abenteuer auf die eine oder auf die andere Art auslegen (deuten; bestimmen). Mir gefällt jene, die behauptet, daß die Wahrheit zu wirken beginnt, wenn der Schmerz einzieht, tief und schneidend. Wenn es auf Messers Schneide steht, hierhin oder dorthin fallen kann, als Schicksal meinetwegen. Nicht als Schicksalsspruch, denn wer könnte den sprechen. Nachher gehe ich Brötchen holen, die heißen hier Schrippen. So bekommt man was auf die Rippen. Übermut tut immer gut. Bleibt freundlich, Genossen.

Mitternacht plus 44

Geschmackssinn

Liebende schließen, kurz bevor sie sich küssen, die Augen. So überlassen sie dem Tastsinn und dem des Schmeckens das Feld der Hingabe und des Genusses. Was könnte der Sehsinn denn auch beitragen in solch unmittelbarer Nähe. In einem Kuß zu versinken ist die totale Gegenwärtigkeit. Nichts, das sonst noch zählen könnte. Ganz bei der Sache sein – den Kindern wird es fast schon geneidet, deshalb stören wir sie so oft und reißen sie heraus in die relative Welt, die die Erwachsenen beherrschen meinen zu können oder zu müssen. Selbst die Liebenden scheinen zu stören, fragt man kurz mal nach. Die Relativen rollen mit den Augen und denken: Das gibt sich. Heimlich jedoch sehnen sie sich zurück in die Kindheit ihrer Liebe und die Liebe ihrer Kindheit. Nein, wir werden nicht besser mit den Jahren, nicht hinsichtlich der Intensität. „Intensität ist kein Gefühl“, dozierte der Literaturprofessor.

Geschmackssinn

Plötzlich und unerwartet (Tod und Tabu)

Leute sterben plötzlich, von denen niemand dachte, daß sie jetzt bereits an der Reihe sind. Es ist ein Bangen zu spüren, das sich nicht sprechen machen kann, denn die Tabus sind mächtig. Gebete werden nicht helfen. Es trifft einen wie in der Lotterie. Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter? wurde in Schulen früher gefragt. Müßte ich heute antworten, als ein Schüler des gesellschaftlichen Lebens, würde ich mit dem Kopf schütteln. Nein, könnte ich antworten, wir leben in einem Zeitalter der Glaubenskriege und der Kulturkämpfe. Auf die Wissenschaftsparodien ginge ich nicht eigens ein. Wer oder was wäre eine zeitgenössische Größe, bezöge sie sich nicht auf Wissenschaft. Früherfrüher brauchte man Priester auf seiner Seite, um sich so zu Gott, also zur Wahrheit durchzuarbeiten.

Plötzlich und unerwartet (Tod und Tabu)

Bürgerwehr

Ich habe einen kleinen Versuch unternommen und zu erzählen begonnen, wie es bei uns im Viertel an manchen Stellen aussieht und was man dort zu sehen bekommt, sehr genau beobachten und deshalb gewissermaßen studieren kann. Ich wurde recht anschaulich und lud sie ein, bei ihrem nächsten Besuch in der großen Stadt mit mir dorthin zu gehen und ein wenig zu verweilen, damit sie überprüfen könnten, ob das, was ich berichte, noch zutrifft oder sich bereits wieder verändert hat, denn niemand weiß, was in einem halben Jahr ist, im Juli beispielsweise, wenn der Sommer sich festgesetzt hat und die Sonne über dem Elend lastet und brütet wie eine unbarmherzige Göttin der Zurschaustellung. Meine Zuhörer verzogen ein wenig das Gesicht oder blieben starr, ihnen war anzusehen, daß solches zu sehen sie vermeiden würden. Es müßte ihnen in die Gärten kriechen, dann nähmen sie es von Nahem wahr, ansonsten: kein Interesse.

Bürgerwehr

Mitten im Januar fast schon fröhlich

Der Januar ist dazu da, nicht zu viel zu wollen. Ich halte mich dran: gehe aus dem Haus ohne Erwartung, komme an mein Ziel ohne Erwartung, verlasse mein Ziel ohne Erwartung. Es ist herrlich. Will jemand viel, muß ich lächeln. Will jemand wenig, stimme ich zu. In Berlin liegen die Straßen so lang und quer. Man kann hier gut fremd sein. Ich genieße es. Morgen ist schon wieder ein Tag. Endlos geht das weiter, bis man selbst nicht mehr dabei ist. Rolltreppen und Laufbänder. Abgekipptes Zeug des Wegs. Wir ermuntern einander durch Nicken und Lächeln. Etwas zu ertragen, das tödlich ist. Leben ist eine unwirkliche Hexerei. Ich liebe es, daß ich schreien möchte, stumm wie im Film, wenn die dürren Finger erdrosseln.

Mitten im Januar fast schon fröhlich

Beobachtungsposten

Die Greifvögel auf ihren Beobachtungspfählen sehen zu, wie die hartbunten und lauten Automobile auf dem Asphaltband der Autobahn vorbeischießen, ungerührt wie Angehörige eines Stammes von Ureinwohnern, die das Neue nicht schert, da sie niemals Teil dessen sein können, noch zu wollen bestrebt sind. Zwischen solchen Welten besteht winterlich eisige Klarheit. Die Menschen werden sich ändern.

Beobachtungsposten

Wer mit wem als was (ich scheitere)

In die alte Heimat fahren: sehen und fühlen und auch denken, sich an Geschehnisse erinnern, ganz ohne Schlußstrich-Idee, denn das Leben fließt und läßt sich nicht ungeschehen machen. Selbst das, was nicht mehr existiert, wird anwesend im Aufruf der Erinnerung. Ich muß solchen Aufruf gar nicht erst starten, er startet von selbst, ich möchte mich manchmal nur ein wenig wehren dürfen und, falls das gestattet ist, auch auswählen, was da heranschießt und bedacht zu werden wünscht, ausgelöst durch ein Gespräch mit einer lebensklugen Verwandten. Wer sind wir denn, daß wir uns derart kennen und nicht zuende kennen können. Welche Bewandtnis hat es, daß die Wege von Menschen sich kreuzten und verbanden und zum Beispiel jemand wie ich dabei heraussprang. Da läßt sich schwer mit einem Schulterzucken das Weite suchen, ohne das Weite je finden zu können. Was soll denn dieses Weite sein, wenn es nicht Platz im Innern hat. Die alten Geschichten türmen sich himmelwärts wie Schädelpyramiden. All diese Namen und Geschicke. Ich weiß nicht einmal, was eine Großnichte sein soll. Habe es als Kind bereits abgelehnt, solches zu verstehen. Undurchschaubar dieses familiäre Gewimmel. Aber interessant, ja, sicherlich. Man braucht Spezialisten.

Wer mit wem als was (ich scheitere)

Das ist ja gar keine Frage

In einem fremden Zimmer sein und sich umhören. Ein Bild an der Wand, gerahmte Reproduktion eines bekannten Gemäldes. Stuckdecke, Kronleuchter, dunkle Holzvertäfelung. Vollkommene Ruhe in der mittelalterlichen Stadt unter einem fernleuchtenden Vollmond bei Nebel. Nicht weit von hier fließt der Fluß der Kindheit im Flußbett bei Hochwasser, schneeweiß liegen die Höhenzüge entlang und abseits seines Strömens. Im Haus von damals wird ausgeräumt. Kindheit endet nicht, sie verendet und ersteht erneut. Nur daß es vollkommen ruhig in mir ist. Ich bin geborgen in diesem Hotelzimmer und könnte Tage noch bleiben. Ich bin hier ganz bei mir. Ein jedes befindet sich in exakter Distanz, also Nähe. Kann man glücklich sein, ohne zu jubelieren.

Das ist ja gar keine Frage