Jemand schreibt, man sollte kurzerhand in den Winterschlaf treten. Nun, ich befinde mich darin. Daß ich nebenbei zu arbeiten scheine, täuscht erfolgreich darüber hinweg. Mir ist auch nicht, als ob ich sonderlich denke oder akzentuiert spreche. Ich befinde mich im dunklen Dämmer unserer Jahreszeit. Ich träume, ich phantasiere, ich spreche zur Mondsichel. Auch die anderen geben sich dem Dämmer hin, absolvieren das Nötigste, gehen schnell wieder heim und schlafen. Zwischendrin tun wir, als wäre es wie früher, als schiene die Sonne, als könne etwas werden. Es kann ja werden, doch vorerst nicht. Vorerst kann es nur erahnt werden, im Traum, in Abwesenheit von tötender Vernunft.
Allgemein
Jetzt auch noch überleben
Daß ein Jahr unmöglich im Januar beginnen kann, habe ich früher mehrfach beteuert. Mit dem Frühling nämlich beginnt das Jahr, im Winter findet es seinen Abschluß. Einige Monatsnamen bezeugen die ältere Auffassung. Der schwarzkalte Januar markiert den Nullpunkt des absteigenden Lebens in eine Lochmuldenniederung aus Dämmer und visionärer Erneuerung. Man soll nichts wollen, lautet seine positivste Botschaft. Die Kehrseite ist ein grotesker Pessimismus, der von vornherein zum Scheitern verurteilt sieht, was nur erst werden möchte, zart und lediglich gedacht, und vielleicht nicht einmal das, sondern lediglich kükenflaumig ertastet. Januar heißt überleben.
Anfangen und nicht mehr aufhören
Wo soll ich anfangen? Es gibt keinen Anfang, man müßte ihn setzen. Es gibt kein Ende, dementsprechend. Was Menschen tun und sagen – es führt weit hinaus und kehrt vielleicht auch zurück. Kreisende Bewegungen wie beim Fischfang oder beim Säen. Wenn einer eine Reise tut, dann bringt er etwas mit, ein Amulett oder eine Pfeilspitze. Über die Elbbrücken und zurück, in Hamburg fing ich an, auf mich allein gestellt zu sein. Wie enthusiastisch man sich ins Leben stürzt und den Erlebnissen überlassen ist. Es wäre vielleicht gut, wenn man selbst nicht nur es wäre, der steuert und bestimmt, sondern ein Höheres mitaufpassen könnte, ungezwungen fürsorglich und unbezahlt edel. Allein bekommen wir es nicht hin, dieses anspruchsvolle Leben, wenngleich wir manchmal möchten und oftmals müssen. Doch was weiß ich schon, selber unterwegs und zuweilen wie von Sinnen. Ich experimentiere, bilde ich mir ein. Ich versuche etwas, ohne daß ich exakt wissen kann, was es ist.
Gegen das Hastige
Diesmal beginne ich, indem ich erst die Überschrift setze.
Schnell noch dies, schnell noch jenes. Beeil dich, wir müssen noch. Gleich fährt der Zug ab, beginnt das Spiel, endet die Ablauffrist. Keine Zeit für nichts. Hastig ein paar Worte zusammengestellt für eine Gratulation, eine Mail, eine Nachricht. Nichts Menschliches sei mir fremd. Gegen das Hastige in mir selbst.
Vierte Rauhnacht. Eine gewisse Kälte hat sich um das Haus gestellt. Ich habe es warm. Kürzlich konnte ich weder denken noch fühlen. Diese Defekte sind behoben. Erst jetzt gerate ich in die Stille dieser Tage und scheine den Lärm meines sonstigen Lebens verlassen zu haben. Ich spüre es am ganzen Körper.
Daß ich meinen Körper nicht habe, sondern dieser Körper bin, ohne vielleicht nur dieser Körper, der mich trägt und hält, auch aushält, zu sein, gibt auch hinsichtlich der Hast zu denken. Oft genug malträtiere ich diesen Körper, indem ich ihn den Rhythmen eines Lebens unterwerfe, die vielleicht nicht die seinen sind. Doch ich weiß darüber zu wenig. Wir kommen gut miteinander aus.
Manche, so liest man, schämen sich ihres Körpers. Das ist nicht recht. Vor dem Spiegel befindet sich ein jeder in schwieriger Situation. Was in ihm zu sehen ist, ist ein Bild, das dem Betrachter zu denken gibt. So sehe ich also aus? Nein, keinesfalls. So wie ich selbst mich sehe und (v)erkenne, sieht mich keiner. Damit muß es etwas auf sich haben.
So bin ich nun im Langsamen angekommen und möchte auch morgen langsam ankommen, sofern ich fahre. Ob die Zeit zwischen den Jahren eine Zeit des Reisens sein sollte, frage ich ernstlich und seit Jahren. Aber da haben wir doch endlich einmal Zeit, ohne unbedingt arbeiten zu müssen. Urlaubstage, Erlaubnistage, wir dürfen uns entfernen. Deshalb langsam reisen, wenn schon gereist werden muß.
Draußen wird fleißig geschossen, die Kanoniere stehen bereit. Böse Geister sind ein Ziel, das nicht mit Kugeln oder Krach erledigt werden kann.
Schon spurt das ewige Kind
Das sogenannte Leben ist eine derart abgeschmackte und abgekartete Angelegenheit geworden, daß es Ehre und Feingefühl gebieten, sich eine Sprache zuzulegen, die ein wenig Abstand und Höhe hält zum Gewerbe. Niemand ist gezwungen, in die Kameralinse zu grinsen, keiner genötigt, Hurra-Meldungen aus seinen Lebenslagen abzufeuern. Auch hier ist nicht alles eitel Sonnenschein. Ich lasse meine sogenannte Depression Schwermut nennen und fürchte sie nicht. Alle sind kaputt, man lebt unter Schwerkranken. Die Fassade kann noch repariert werden, doch im Innern sind die Risse. Es ist ein Stöhnen in der Welt, das ans Herz greift. Stellvertretend nur die medienprominenten Kriege. Man führt Krieg gegen den Menschen, hüben wie drüben. Daher ein sogenanntes Leben … einkapselt, verzagt, zusammengeschnurzt zu einem Reiz-Reaktions-Bündel, angestanden zur jeweils aktuellen Angstausgabe. Eine Konditionierungsangelegenheit unter vielfacher Beteiligung. Panikattacken erwirken Wunder an Einhelligkeit, Stromschläge warnen vor. Nein, das war früher so. Heute sperren wir dir den Zugang.
Horizontale Meditation
Weihnachten geht zuende. Kein Weihnachten gleicht dem anderen, kein Tag dem anderen. Draußen tropft es, Nacht nun schon, von den Ästen. Nachmittags sah ich Leute auf dem endlos öden Flugfeld, die trugen in der Hand einen Regenschirm. Allerdings regnte es nicht, vielmehr war die Regenwolke dasjenige, durch das wir schritten. Es gab keine Fernsicht, nur schemenhaft Lichter auf wichtigen Gebäuden. Wie auch die Tage zuvor dachte ich wenig, hielt mich fest an Beobachtungen einzelner Dinge. Wie zur Zeit der Ausgrenzung lief ich herum und meditierte. Dies ist eine Mülltonne, in die keine heiße Asche geschüttet werden soll. Es wunderte mich nicht, wenn jemand aus einer solchen Rolltonne spränge und mich anginge wie ein Gespenst. Kannst du mir nicht Leben verleihen, ich bin doch fast tot.
Vince Weber (1953 – 2020)
Schonen
Oft ist mir, als hätte ich gar nicht das Recht, jemandem irgend etwas zu wünschen. Mein Wunsch könnte schlimmstenfalls ein Fluch sein. Oder anders: Er verpflichtete zu etwas, das nicht erreichbar ist. Oder: Er führte in ein Wundgebiet. Der Wunsch: Wer wünscht sich was und für wen? Was bedeutet wünschen? Alltagsmagische Praxis. Energien konzentrieren und transponieren. Nun ja. Rituell mag es gespürt werden, das ist nicht wenig. Ich wünsche wenig und bin froh dabei. Man soll die Götter und Geister nicht belästigen.
Dampfbügeleisen
Es gibt welche, die wollen einen mäßigen. Sie meinen es gut und gehen davon aus. Es gibt andere, die wollen einen entfesseln. Beide haben es abgesehen. Inmitten solcher Wunschabsichten lebt es sich lustiger. Ich gehe meinen Weg. Warum zweifelt man?
Bundeswehr und Besohlung
Geschichten werden erzählt, damit das Einzelne und das Besondere sich entfalten können. Denn im So-Sein liegt die Würde eines jeden. Nenn mich Soldat – aber sage auch, woher ich komme, wie ich heiße, woran du mich erkennst. Ich stehe schief, denn mein eines Bein ist einen Zentimeter kürzer als das andere Bein. Solcherart initiierter und perpetuierter Schiefstand des Beckens indiziert eine Wirbelsäulenkrümmung, die behandlungsbedürftig würde mit den Jahren des Verschleiß‘. So gaben sie mir einen orthopädischen Nachteilsausgleich, ich war damals zwanzig, und meine Schuhe erhielten seitig eine Erhöhung. In ihnen lief es sich schlecht. Ich verzichtete. Seitdem laufe ich schief und gut und laufe weiter, immer weiter.