Ist das zu verstehen

Ist man kraftlos, saftlos, mutlos – geht fast nichts mehr. Mir geht es alle Tage so. Das ist schlimm. Doch ich rebelliere, ich rotiere in meinem Käfig, in dieser Box aus Watte, Pappe, Plastik. Ich reiße mir die Kabel aus dem Arm, den Ohren, dem Arsch und renne auf die leeren Straßen meines höheren Bewußtseins. Es kann nicht sein, deklamiere ich, daß wir in solchen Zuständen geistig retardieren und informationell implodieren, explodieren, invertieren – wer kennt sich da aus, wann qualmt die Rübe? Wie kann man das aushalten? Nicht einmal die Kirchen kann man noch betreten, selbst dort stößt man auf Meinung. Ich will keine Meinung, die habe ich selbst und mag sie allmählich loswerden. Ich suche nach Trost und nichtpolitischer Zuversicht und nach Weisheit, die mir niemals geboten sein soll von jemandem, der mich in sein Lager zu ziehen bemüht ist. Ich möchte nie wieder in ein Lager müssen, ich war dort nämlich schon.

Ist das zu verstehen

Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war …

Vor ein paar Tagen versuchte mir jemand zu erklären, weshalb Jack Kerouac ein miserabler Schriftsteller sei, in unzähligen Anläufen. Insbesondere On the Road sei mißlungen. Ich habe nichts entgegnet, nur nach dem fünften oder neunten Mal gesagt, daß ich es mittlerweile verstanden hätte und keiner Wiederholung der immergleichen Einschätzung bedürfe. Ein einziger Satz von Jack Kerouac sprengt den Weg frei in eine Unerreichbarkeit. Das ist das Problem, und ich teile es mit ihm. Er ist mein Bruder, ohne daß er es wissen kann. Mich kennt er vielleicht aus dem Jenseits, nur daß ich dort dem Vernehmen nach noch nicht war.

Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war …

Das wäre Verrat

Opportunismus ist eine Grundeigenschaft des Überlebens, sofern es dasjenige angeht, das wir Natur zu nennen gewohnt sind. Der Opportunist genießt in Gesellschaften höheren Anspruchs niederes Ansehen, selbst wenn er zwischenzeitlich Ämter bekleidet und Posten einnimmt, die als respektabel gelten. Man nennt ihn ein Fähnchen im Wind, ganz zu Recht, und jeder weiß, daß er fort sein wird, wenn es hart auf hart geht. „Der Hund blieb mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde“, soll Schopenhauer gewußt haben. Jedoch ist der Hund kein Mensch und der Mensch kein Hund. Wer einen Hund sucht, wird einen finden, wer einen Menschen findet, hat nicht gesucht. Die Gegeneigenschaft zum allfälligen Opportunismus lautet nicht Prinzipientreue, auch wenn solches Vermögen plausibel erscheinen mag und seine Verdienste hat. Sie lautet ohnehin nicht Treue, obwohl uns nichts so sehr rührt wie echte Treue. Und zwar tatsächlich rührt, bis in die Tränen und das Schluchzen hinein. Die Gegeneigenschaft zum Opportunismus ist Intelligenz, sie bedeutet: Einsicht in den Ablauf der Geschehnisse, Kenntnis der Strömungen und Gegenströmungen, Erfahrungswissen hinsichtlich menschlicher Mehrheitsbildungen und der niemals versiegenden Bereitschaft des Publikums, Schreckensmeldungen mit Wunderglauben zu kurieren, in unserer Epoche wissenschaftlich-technisch fabriziert, akzeptiert und honoriert. Wir leben in aufregender Zeit, sind der Erschöpfung nahe, und schon kommt wieder etwas angeblich Neues angerauscht. Das Arsenal der Mittel und Möglichkeiten ist unbegrenzt. Die Ziele sind sternenweit unerreichbar, doch „die Menschheit“ streckt und reckt sich. Was empfiehlt der Opportunismus? Mitmachen, ganz klar. Jeweils und nur auf Zeit. Später dann wieder mitmachen, aber bei was anderem. Gibt es eine Position außerhalb solch trostloser Alternativen? Ja, die gibt es. Doch man darf sie selbst herausfinden. Ich würde sie auch nicht verraten.

Das wäre Verrat

Die Katzenfrage

Ich werde gefragt, ob ich vielleicht eine Ahnung hätte, warum Katzen immer so schlecht gelaunt sind. Die habe ich nicht. Vielleicht liegt es daran, daß sie einmal als Göttinnen verehrt wurden, insofern also annehmen, sie seien es noch immer, bekomme ich gesagt. Terry Pratchett, einstiger Kultautor, hat das ähnlich formuliert. Tatsächlich benehmen sich Katzen äußerst prätentiös. Daß sie davon ausgehen, sich einen sogenannten Besitzer zu halten, der sie ernährt, umsorgt und verwöhnt, ist bekannt. Insofern täuscht auch ihre Anhänglichkeit. Katzen hängen an ihrem Königreich, nicht am Personal.

Die Katzenfrage

Gemeines Wesen

Politik ist ein Vorwand. Jedermann glaubt zu wissen, wovon gehandelt wird. Es werden Namen genannt, deren Nennung etwas auslöst zwischen Abscheu und Bewunderung. Politik betrifft das Gemeinwesen, dessen Teil wir sind. Nach Jahrzehnten der Entpolitisierung zeigen oder lassen sich zeigen die Zeitgenossen neuerlich politisch. Etliche Agenden kommen zum Vortrag, sie enthalten die Fahrpläne in eine bessere, wie man glaubt, Welt. Solches durchaus hiesig gedacht und hierzulande erdacht, im Schutz der bestehenden Ordnung, die als brüchig oder anrüchig identifiziert wird. Partout das Gute anstreben zu wollen ehrt die Strebenden, nur daß undeutlich ist, wer solche Festlegung getroffen hat und für wen, also gegen wen sie getroffen sind. Es scheint um Macht zu gehen, also um Herrschaft, also um Austausch der Körper und Köpfe. Man müßte die Ideen zur Bewährung schicken, jedoch nicht wie Häftlinge in einer Erziehungsdiktatur, sondern wie Auszubildende in der Wirklichkeit.

Gemeines Wesen

Präzis, nicht preziös

Nicht angemessen sprechen zu können ist die Grunderfahrung der Poesie, deren Voraussetzung sogar. Wenn man es einfach so könnte, wäre ja nichts dabei. Die Poesie – damit sind gemeint, die sie zu erschaffen, eigentlich zu erreichen bemüht sind, mitunter sogar mühelos, denn Mühe allein erzwingt keine Sphären. Poeten erschaffen ein Werk, mitunter ist es das ihres Lebens, wohlgemerkt: in anderer Sprache. Ich nenne Poesie die deutliche Sprache und unterstelle, daß die herkömmliche undeutlich genug ist, um an gewissen Stellen verbessert werden zu wollen. Das sind, meiner Einschätzung nach, etliche. Wer sich vertieft, erkennt die Mängel des Allgemeinen. Allerdings gibt es den poetischen Schwindel, die Blümchentapete, das billig Schöne als Kitsch und Kommerz. Immerhin scheint Sehnsucht zu existieren, so daß Schönheit zur Ware taugt. Das Leben ist jeweils besonders und in solchem Sinne kostbar, manche sagen heilig. Poesie ist der Widerspruch gegen Verallgemeinerung und deren symbolische Überwindung.

Präzis, nicht preziös

Schlappen

Wenn es ernst wird, wissen die Leute nicht mehr weiter. Floskeln zu bemühen verbietet sich. Es müßte jedoch eine Sprache des Herzens geben, die sich im Verborgenen und Ungeübten finden läßt. Eine Sprache, mit der gesagt werden könnte, wie es sich eigentlich verhält zwischen Menschen, dies- oder jenseits der Konventionen, die ich mir stets als Gummistiefel vorstelle, notfalls auch als Reitschuhe oder Zubettgehpantoffeln. Mit der Alltagssprache kommt man weitgehend und gut zurecht. Sie hilft die Reibungen zu verringern und vermittelt redlich zwischen der Sphäre des Sozialen und des Privaten. (Daß diese Sphären ineinander geraten sind und verwechselt werden, ist bemerkt worden.) Die Alltagssprache gerät an ein Ende ihres Ausdrucks-, Aufnahme- und Leistungsvermögens, wenn ein Vorfall eintritt, den sie nicht angemessen zu repräsentieren vermag. Als Sprecher solcher Sprache ringt man um Worte und kommt sich mit einem Mal verlassen, wenn nicht im Stich gelassen vor.

Schlappen