Allgemein
Geschichte träumt schlecht
Da wir keine Zeit mehr haben, haben wir auch keine Zeit. Da dies gilt, sind auch die sonstigen Verbindungen belegt. Wunder wie sind wir dorthin geraten, wo wir uns noch unwohl fühlen dürfen. Woanders wird bereits sortiert, verpackt und abgerichtet.
Aufhören betteln zu gehen
Nun sitze ich hier ergebnislos, sehe zu, wie Probleme sich von selbst lösen. Ein Schnürband ist aufgegangen, müßte mich bücken. Hätte ich einen Hund, ginge ich mit ihm vor die Tür. Kein Durchkommen heute für die Sonne, die Wolkendecke hält dicht. In einer Stunde ist Vollmond. Zeit für Igor Strawinsky, der sagte: „Ich habe keine Zeit, mich zu beeilen.“
Nicht einmal seekrank
Passe ich noch in die Schuhe. Schaffe ich es erneut in solches Gewand. Steht mein Blick mir zu. Wohin geht er. Läßt man mich, gerate ich in die Nähe des Wirklichen. Niemand hat behauptet, dieses Logbuch sei die Reisebegleitung in ein behagliches Land. Das Café, das ich erdachte, existiert nicht länger. Unterwegs sein. Der Wind frischt auf. Nachher falle ich zusammen wie ein regenklammes Segel. Die Hände sind schon wund. Das Boot nimmt Fahrt auf. Ziel der Reise sind die Inseln glücklicher Wiederkehr.
Holzstäbchen auf der Zunge
Man läuft in Schuhen alter Angst. Die geht nicht fort, die bleibt. Doch sollen wir gehen und wollen auch. Etwas ist zwischen uns und das eigentliche Leben geraten. Manchmal ist es, als hülfen auch Schreie nicht. Schreien und schreiben. Ich bin froh, daß ich dieses kann, um jenes zu tun. Fahren wir nicht billig, die Zeiten sind ernst.
Schnupfen und Husten
Man kann nicht mit jedem über alles reden. Jeder und alles … oh je. Man kann mit kaum jemandem über das reden, was einen wirklich angeht. Wir sind sprachlich allein, auch wenn wir uns erdenkliche Mühe geben, solche Einsicht zu verscheuchen. Dabei ist die Sprache geschaffen, die Wände der nach außen stummen Selbstgefangenschaft abzutragen. Die Angst hält die einzelnen (sie sind die Vereinzelten) sorgsam im Schach. Sie würden reden, wenn sie dürften. Sie nehmen an, die Erlaubnis sei nicht erteilt. Wer könnte sie erteilen. Warum so wenig Freiheit, nachdem sie doch errungen worden ist? Ach, diese langweiligen und wirksamen Druckverhältnisse. Wer öffnet die Luke, damit die Hühner in den Hühnerhof können. Oben am Himmel kreist eine Attrappe, die einen Greifvogel simuliert. Schon rennen die Hühner zurück ins Innere. Menschen sind keine Hühner, Hühner keine Menschen. Die Instinkte sind verschieden verteilt. Ich möchte mir Politik gar nicht leisten, ich schweige hier um mich herum.
Husten und Schnupfen
Die Zeit bleibt unverbesserlich. Ich las sie im Wartezimmer. Lehrerzeitung nannten wir sie, da wir Schüler waren und uns über die schulmeisterliche Diktion des Blattes lustigmachten. Später begriff ich, daß die Redaktion den Bildungs- und Lebensstilfragen des Bürgertums nachgeht, eines Bürgertums, das im Wandel der Zeiten sich verändern will, da es muß oder sich dazu gezwungen sieht. Im Kommentar des Chefredakteurs oder Herausgebers zur Wahl des amerikanischen Präsidenten mußte ich nicht lange suchen, bis das Wort ‚Angst‘ auftauchte. Zum Glück gab es Hinweise des Autors, was jetzt zu tun ist, damit ‚wir‘ mit möglichst geringem Schaden davonkommen. Die Zeit bleibt meinungsbildend, ihre Leser suchen Orientierung und möchten wissen, was man sagen kann. Das Lehrerblatt ist für Schüler geschrieben, das läßt sich leicht verstehen.
Finger für Finger der einen, dann der anderen Hand
Anfangs ist es schön, erst später wird es schrecklich. Verlockungen, Verführungen, Versprechungen. Man soll nicht folgen, obgleich man möchte. Wer Menschen zu verstehen sucht, wird ihre Verführbarkeit einrechnen müssen, auch ihre Leichtgläubigkeit. Solche (scheinbaren) Defizite sind verdrehte Tugenden, denn Menschen möchten glauben und vertrauen, und es ist ihnen eigen, sich vertrauens- und hoffnungsvoll führen zu lassen. Kaum jemand ist allerdings geboren oder bestellt, außer sich selbst nun ausgerechnet auch noch andere zu führen oder zu leiten. Es gibt sie aber. Solchen Wundergestalten begegnen wir auf den Bühnen dieser Welt, und es ist gut, wenigstens einen von ihnen kennenlernen zu müssen, zu können, zu dürfen (je nach eigener Verfassung). Ab dann weiß man, wie unterschiedlich wir sind. Wer ins Machtspiel tritt, muß dafür zahlen. Wer sich auf das Ohnmachtspiel einläßt, zahlt anders. Erst wird genommen, dann wird gegebenenfalls gegeben. Hohes Risiko. Besser, man hält sich heraus. Doch nicht einmal dies gelingt, wenn die Führungs- oder Gegenmächte totalitär werden. Dann wollen sie jeden, dann gibt es keine Unterschiede mehr. Man soll die Macht nicht verachten. Das ist kindisch. Man soll sie erstens meiden und zweitens studieren. Etwa so, wie man eine Schlange beobachtet, vielleicht sogar so, wie der Mungo eine Schlange studiert, ehe er sie zu Tode tanzt. Interessanter wird es noch, wenn einem selbst Macht (Möglichkeit) überantwortet ist. Schon gerät man ins Selbststudium und in totgeschwiegene Bereiche. Wir sind ein Abgrund, selbst wenn wir das bestreiten.
Zwei durch eins ergibt zwei
Tag des Mauerfalls, paar Jahre her. Jetzt wird gefeiert und die Freiheit hoch gehalten. Das ist rührend, das versteht man. Teil der Gedenkkultur dieses Landes, in dem wir gemeinsam herumlungern und mit schlechter Laune die Zeit verreiben. Schon sieht man sich um und sucht jemanden, den man kurzmal anscheißen kann. Die einen sind zu dies, die anderen zu das. Wie schrecklich, daß man Herkunft hat. Himmelsrichtungen werden mit Politik gleichgesetzt, derart primitiv geht das seit 3,5 Jahrzehnten. Ich bin ein bißchen krank und hänge hier herum wie ein Zeitzeuge, der es nicht rechtzeitig aufs Podium schafft. Oben reden die Münder an den Mikrophonen und setzen voraus, daß es etwas zu sagen gibt. Was denn? Gut gelaufen, schief gelaufen, lala gelaufen. Die Einheit der Deutschen nach ihrem jeweiligen Knicks hierhin oder dorthin. The west is the best. The east is a beast. Deutschteilung als Sühne für Schuld und Schande und Scham. Deutschland als Teilungsprodukt seiner irren Abitionen. Multiplizieren Sie Hitler mit Stalin und teilen die Summe durch Churchill mal Roosevelt, das ergibt eine 2. Deshalb zwei Deutschlands. Zwei sind mehr als eins. Da man jetzt aber spießig ist, gibt es nur noch eine richtige Angelegenheit, und die soll sich auch geborgen und eins fühlen, ineinander und miteinander. Dabei gibt es zwei Arschbacken, man hat darauf hingewiesen. Man kann auf beiden sitzen, besser vielleicht als auf nur einer. Ich könnte hier noch stundenlang jodeln auf der deutsch-deutschen Grenze im schönen und schrecklichen Berlin, das im letzten Jahrzehnt ein bißchen verblödet ist und seine Wunden nicht mehr versteht. First we take Manhattan, then we take Berlin. Die Helden sterben weg, wir benötigen neue. Bewerben wir uns jetzt.
Entlang der Fluchtlinien
Brennender Ehrgeiz – das sagt man doch so. Von ihm getrieben zieht der Mann hinaus in die Welt und versucht sich an Unbezwingbarem. Mit Ruhm und Ehre behangen (bekleckert) wird er zurückkehren und all jenen, die um ihn bangten, für ihn hofften, auf ihn setzten, endlich zeigen, daß er ihre Zuversicht und Fürsprache verdient hat, möglicherweise auch das Geld, das auf ihn gegeben oder gesammelt war. Es kehrt zurück wie eine gute Investition. Camille Paglia, die ich schätze, behauptet in ihrem äußerst lesenswerten Buch Die Masken der Sexualität, daß Männer die Desperados der Schöpfung seien. Ich kann das umstandslos verstehen.