Imperativ

An den Hauswänden sind Parolen zu lesen. Vorwärts mit Xysako, verhindert Shikoga. Das mag einleuchten. ‚Wir als Gesellschaft‘ (wie es jetzt heißt) müßten das eigentlich verstehen, nur verstehen wir leider kein Wort. Das muß nicht so bleiben, Übersetzer rennen an. Das kann auch die KI, die ist billiger. Ein Fuß ist ein Fuß, eine Wolke eine Wolke. Scheitern lassen.

Imperativ

So mag es gehen

Fern der Menschen. Blick von einer Brücke über die Spree. Abfahrt eines Freundes. Kalter Bahnhof. All diese anderen. Es wären Bücher zu schreiben mit gewissem Nachdruck. Ich erfülle mich nicht. Man spricht auf mich ein. Es ist noch einmal warm. Wer kauft mein Abitur. Zuhause gibt es nicht mehr. Warum sind Worte umständlich. Eine Metapher namens Herz schlägt sich durch. Dauernd möchte ich schluchzen, warum tue ich es nicht. Das Gerede geht weiter. Begegnete ich mir selbst, wiche ich aus. Laß ihn laufen, dächte ich, sähe ihm nicht nach.

So mag es gehen

Lebensbeweise

Was sondere ich denn hier ab, wie soll man das nennen? Ich nenne das Lebensbeweise. Solange man lebt, soll man sich nicht dem Tod unterstellen. Zwar stimmt es, daß wir die meiste Zeit tot sind, nämlich nicht vorhanden, doch immerhin nicht die ganze Zeit. Nun befinde ich mich in jenem Zeitabschnitt, in dem ich lebendig bin und wahrnehmen kann, fühlen sogar, ein bißchen denken dazu. Das möchte ich genießen und auskosten, auch auf die Spitze treiben, wenn es darauf ankommt. Ich bereite mich nicht auf den Ruhestand vor, mich interessiert meine Rente nicht. Andere ermahnen mich, geben kostbare Ratschläge. Nichts für mich. Es kommt, wie es kommt. Doch dieses Leben ist mein Spiel und es fordert meinen Einsatz, und ich führe kein allgemeines Leben, sondern ein eigenes – versuche es, gebe mir manchmal Mühe, manchmal nicht so sehr. Na, das ist doch ein schöner Text geworden.

Lebensbeweise

Aus dem Zusammenhang 336

„Ist man in der Weite des Raumes ein sinnloses Treibgut, wie viele es ja annehmen, die Erde schwimmend im Irgendwo irgendwie, im nihilistischen Nirgendwo, oder empfinde ich das als sinnvoll. Das ist die Frage des Sinns. Empfinde ich einen Sinn? Gibt es einen Sinn, der nicht nur meine Projektion ist (…) oder gibt es einen übergreifenden Sinn, der sich in viele Einzelsinnhaftigkeiten der Individuen auffächert? (…) Die Uniformierung in der Technik ist monströs. Es macht die Menschen zu Leuten. Oder auch zu halbmechanistischen Wirkeinheiten, die auch genauso roboterhaft sprechen. Die sind auch gar nicht kontaktierbar. Wenn man einen lebendigen Menschen anspricht, der einen Ich-Kern hat, dann hat man eine Resonanz. Aber es gibt Wesen, die spricht man an, aber da ist niemand zuhause. Wenn man an die Tür pocht und sie öffnet, sieht man, da ist keiner. Das Haus ist gar nicht bewohnt. (…) Deswegen kann sie auch nicht angesprochen werden. Da ist nur eine Funktion technisch-mentaler Beeinflussung, aber ein lebendiger Mensch ist gar nicht da. Wenn der Mensch zur Funktion wird, ist es sowieso zu spät. Und das erleben wir heute, in dieser Krise, besonders.“

Aus: Jochen Kirchhoff, „Das Unendliche und das Endliche“ (Interview), 19.4.2021, Youtube

Aus dem Zusammenhang 336

Seilwinde

Müßte ich mir vorstellen, ich stiege ins Bett unserer Ehrbarkeit mit einer Angetrauten, müßten mich die Heiligen erretten, daß ich nicht zusammenbräche vor lauterem Lachen. Humor errettet die Geister, wenn auch nicht die heiklen Seelen. Kitsch, ich weiß schon, ist eine Herausforderung eigener Art. Politischen und religiösen erkenne ich recht gut, der künstlerische liegt ebenfalls nah am Gefühl. Nichts gegen ein Bett, in das man steigt, da man sich liebt. Doch die Ehrbarkeit ist ein Kaliber eigener Art, ihr würde ich niemals ein Denkmal errichten. Sie ist schwankend wie ein Schiff, auf dem Narren das Sagen haben.

Seilwinde

Und weiter

Es war ein bißchen lustig, mit lauter Funktionsträgern in einem Raum zu sein, recht nah übrigens, und zu erleben, wie sie was sagten und zugleich verschwiegen, nicht anders ich, der ich unter ihnen saß und redete, als sei es nichts. Wenn Profis sich begegnen, begegnen sich Pofis. Sie lassen raus, was sie rauslassen wollen. Sie versuchen, die Kontrolle zu behalten. Dabei geht etwas schief wie meistens. Kein Selbstbild entspricht dem Fremdbild. Es ist angenehm, solche Bildverwischungen zu mögen. Hierarchien sind langweilig, bis man sie belebt. Naivität ist eine Kraft, Nichtzugehörigkeit ein Pfund. Und so weiter. Das ist wie weggeschmissen, doch weggeschmissen ist besser als weggeschmissen werden.

Und weiter

Auf Neues

2 Uhr 07 lösten sich die Fesseln. Ich werde fortan genau sein in der Minuten-Registratur. Nun kann sonstwas geschehen, sonstwer angeschwommen kommen, hereinschwirren in die Sphäre. Dies sei aufwertend verstanden, abgewertet wurde zu oft. Darauf ein Bier und ein zweites auf die sich Empfehlungen zutrauende Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die vollkommen zeituntypisch festgestellt hat, daß es besser sei, gar keinen Alkohol zu trinken, statt wie bisher mindestens ein Bier pro Tag oder einen Wein pro Abendmahl. Darüber wird geredet. Die einhundertvierzehn Jahre alte Französin, befragt nach dem Geheimnis ihres hohen Alters, sagte einst: Einen Schnaps und keine Sorgen.

Auf Neues