Wie mag sich das lesen und verstanden sein, wenn die Texte hier noch bestehen, doch ihre Verursachung verschwunden ist? An was hat dieser Mann gelitten, wie hat er gelebt, wie kam er zu seinen Aussagen? Etwa so müßte gefragt werden. Warum schreibe ich diese Texte zu Tagen, die Tage zu Texten? Ich mochte wohl auf mich aufmerksam machen; stellte mir auch vor, mir zu beweisen, daß ich halbwegs umstandslos schreiben kann (da ich mich ansonsten doch so anstelle). Mittlerweile ist es anders, denn diese Seiten existieren und haben eine eigene Wirklichkeit erzeugt. Ich besuche sie wie ein Café, in dem ausgerechnet ich derjenige bin, der für die Bespielung sorgen muß. Wandbilder, Musik, Themen. Das Personal kommt und geht. Ich sortiere. Texte und Tage ist eine Inszenierung, ich heuchle Authentizität. Woanders bin ich anders. Wie stolz und künstlerisch-künstlich das klingen muß. Ich mag solche Künstelei nicht, ich bin der, der hier schreibt und das Café pflegt und unterhält und es weiterführen mag durch die Tageszeiten und Zeitentage, fast komme ich mir heroisch vor, denn Durchhalten macht legendär. Manchmal lese ich in alten Eintragungen und erkenne mich wieder, meistens sogar. Daß das Medium die Botschaft ist, mag eingeschränkt gelten. Das Medium saugt und reißt an mir und erfordert eine Aufmerksamkeit. Das Medium kann zugleich natürlich nicht die Botschaft sein, denn dies ist kein Café, wenngleich es eines sein könnte oder müßte. Ach, ich bin zerrissen zwischen Ort und Nichtort.
Allgemein
Nicht trostlos, nur erschöpft
Harte Tage, schwere Tage. Knochentage. Nichts scheint, wenig leuchtet. Nun der nahe volle Mond wie zum Scheibenschießen. Das Arbeiten ist wie das Nichtstun eine Last. Der besungen Goldene Oktober schuldet nichts, doch das Gefühl dafür fehlt. Wie ausgezehrt kann man sein, wie erschöpft nach diesen Jahren der Depression und des Zermalmtwerdens in den Mahlwerken der Zeit. Mir ist nach Hundert Jahren Einsamkeit, um erneut den Romantitel zu benutzen. Nicht nach radikaler Einsamkeit, sondern einer Abgeschiedenheit, die heilsam ist. Ich sehe schon nichts mehr, schaue durch die Dinge und Menschen hindurch und spüre sie trotzdem.
Räuberleiter
Wer sich mit Menschen beschäftigt, beschäftigt sich mit sich selbst. Wobei beschäftigen mich beschäftigt, denn beschäftigen ist kein sonderlich gutes Wort für das, was beschäftigen sagen soll. Sich Menschen zuwenden, sich ihnen widmen, ihre inneren und eigenen Gesetze verstehen lernen. Hinzu kommen Druck und Zwang von außen, die als Verpflichtung verinnerlicht sind. Denn das Äußere ist schnellstens ein Innerliches. Sich dem zu widmen bedarf es einer Portion Unerschrockenheit. Sie auch sich selbst gegenüber in Anschlag zu bringen wäre gut. Wir sind Gezeichnete als Betrachter der Gezeichneten. Daher das identifikatorische Schauen, es ist gar nicht falsch. Die Unterschiede bestätigen das Individuelle. Manchen graust davor, sie hätten gern Wenn-dann-Relationen und -Konklusionen, eine Lösung nach Schulbuchart. Sie kann nicht gegeben werden. Kulturen kennzeichnen sich durch Grenzen. Über sie hinaus gerät man zu Nachbarn, doch über sie hinaus noch immer nicht zur Weisheit.
Ganz ohne Gewalt
Als ich das Interview mit Sonny Rollins aus dem Jahr 2006 hierhinein setzte, hatte ich es nicht einmal zuende angehört. Ich wußte, daß Rollins keine idiotischen Antworten gibt. Mir ist, als könne man, falls man bereit ist zu verstehen, eine Menge davon lernen. Er spricht anfangs über die Drogen-, nun ja: Affinität der damaligen Jazz-Protagonisten, und sein Held war Charlie Parker: ihm strebte er zu, folgte er nach. Doch dann, als es soweit war, als er so weit war, konnte er die Droge lassen und sie, als Versuchung und Versprechen, mußte ihn verlassen. Das gilt für alles. Wenn es soweit ist in uns, erfolgen die Veränderungen. Vorher nicht, nachher nicht. Daher auch die Jahreszeiten mit ihren Hervorbringungen. Zeit ist keine Chimäre, sondern Wirklichkeit des Lebendigen.
Auftrag, seltsam deutliches Wort
Wenn man es schlecht trifft, landet man an einem Ort, an dem nichts mehr zu lernen ist. Dort kann man sich einrichten, dort vergeht auch die Zeit. Nicht einmal übel. Allmählich schleicht sich der Auftrag ein und beginnt zu rumoren. Du bist nicht fertig, du bist nicht am Ziel, du mußt weiter. Doch es ist schön hier, hier läßt es sich aushalten. Ich weiß sogar, wohin ich gehen kann, wenn es einmal nicht schön genug für mich ist. Ich möchte bleiben. Und einen Auftrag kann es nicht geben, das weiß ein jedes Kind. Wenn man es gut trifft, landet man an einem Ort, an dem sich lernen läßt. Dort kann man sich nicht einrichten, nicht einfach so und nicht wie von selbst. Allerdings gibt es schlimme Lernorte und schlimmste, Orte fern der Wünsche und des Wollens.
Erinnerung, Erfahrung, Erlebnis
Im Wald läßt sich eine eigene Art des Fürchtens lernen. Hinter jedem Baumstamm könnte jemand stehen und warten, ausgerechnet auf mich. Denn im Wald, da sind die Räuber. Früher waren sie dort, siehe die Geschichte des Schinderhannes genannten Johannes Bückler, hingerichtet zu Mainz im November 1803 mitsamt neunzehn seiner Getreuen vor dreißigtausend Schaulustigen. Die an Menschen verübten Verbrechen ereignen sich ansonsten eher in oder im Umfeld der Ansiedlungen. Im Wald sei ich sicher, versicherten geländegängige Leute, sofern ich nicht zwischen eine Wildsau und ihre Frischlinge gerate. Dennoch mitunter diese urplötzlich einstechende Furcht, wie aus unvordenklicher Zeit, als seien die Schrecken der Vorvergangenheit, als der Mensch noch nicht der Beherrscher aller toten und lebendigen Dinge war, weiterhin lebendig. Solche Erwägungen über vermeintliche oder echte Zusammenhänge und Verbindungen machen Mystik-Thriller sich zu eigen und fahren das Schreckenspotential des vorderhand Unerklärlichen in Höhen gefühlter Unerträglichkeit. Die Haare stehen zu Berge. Mir ist, als stecke der eigentliche Schrecken in uns. Die Überschrift umgekehrt.
Meisterkurs
Balancieren können
Licht auf allen Hügeln, meldete die Registratur. Das ergab Alarm und sorgte für Mobilisierung. Was war dort draußen los, zum Teufel eins. Feuer brannten dort oben wie sonst nur zu Ostern. Wie war das zu verstehen, wer hatte das veranlaßt, koordiniert. Lege dich niemals mit dem Land an, altes Wissen. Sie sind stärker dort draußen als in den Städten. Die Städte leben vom Land, umgekehrt nur von Belehrung.
Klares Wasser
Auf wen ist Verlaß, wenn die Dämme brechen und ein halbes Land der moralischen Verwüstung anheimfällt, wie legitimiert auch immer; an wen kann man sich wenden, der nicht irritiert und geblendet vollführt, was gefordert und begründet zu sein scheint. Aus solchen Fragen gestaltet sich ein Leben nach der Krise um eine sogenannte neuartige Gefährdung. Ich setze schon gar keine Fragezeichen mehr, ist doch ohnehin alles klar. Jetzt wirtschaften sie das durch, Anwälte tanzen an, die Experten sind gefragt, was war denn wirklich los. Waren wir Teil einer Geländeübung, einer Krisenübung, eines Parcours zur Testung von Kapazitäten. Fragezeichen kann man sich überall kaufen, ich habe sie aus dem Angebot genommen.
Ins Wunderhorn blasen
Ich lese jetzt viel über einen neuerlich herrschenden Konformitätsdruck. Konformismus ist eine Strategie, auf Druckverhältnisse zu reagieren, Widerstand eine andere. Ausweichen und Flucht sind weitere – auch die in Krankheit und Depression. „wer mitmacht hat mitmacht“, schrieb Stefan Döring. Solcherart mag der Anreiz sein, sich biegen zu lassen und der Macht zeitaktuell zu entsprechen. Andererseits: was ist attraktiv daran, ein Mitläufer oder Mitsprecher zu sein? Deren Ehrlosigkeit ist sprichwörtlich, man verachtet sie, spätestens hinter der nächsten Biegung des Zeitstroms. In jeweiliger Gegenwart stehen die Konformen in der Blüte bangender Gefolgschaft und befolgen (anfangs noch etwas tapsig) die Regeln der autoritär gesetzten Richtigmachmentalität. Sie bekommen gute Noten und sagen: Das macht man jetzt so. Sie sagen auch: Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Da sie von wenig überzeugt sind, lassen sie sich dauernd überzeugen zu irgendwas – sofern es nur von oben kommt und Anschluß garantiert. Sie möchten auch nicht abseits stehen, wenn die Gemeinschaft der Orientierten tagt und die Posten vergibt.