Allgemein
Denn nur schreibend, spielend, singend übersteht er diese Nacht
Schindacker
Die Gedanken sind frei haben sie gesungen, als sie wußten, daß nicht einmal sie, die Gedanken, frei sein können. Nichts ist jemals ganz und gar frei, erst recht nicht die Gedanken; von den Gefühlen, die stets sich binden und Wärme und Kälte erkunden, diesmal abgesehen. Die Gedanken schwirren herum und umkreisen wie Geier die Schand- und Opferstätten eine Existenz, der sie verdanken, daß sie denken können. Daß das kaum bedacht wird, hängt mit der Existenzsicherung des Lebendigen zusammen und kann nicht verwundern. Nur Idioten sind der Meinung, man handelte interessenfrei in losgelöster Unverfügbarkeit.
Regengedanken
Und weiter der Regen, ohne Unterlaß. Mir ist, als sei dort draußen ein Fest. Ich sitze hier trocken. Regen kann vernichtend sein, nicht minder die Trockenheit. Als Mensch wird man alt und denkt, das Leben sei kurz. Mir ist, als währte mein Leben schon ewig. Ich war ständig anwesend, turnte überall herum. Meine Kindheit ist Lichtjahre entfernt, den Erinnerungen zum Trotz. Nichts schrumpft zusammen, wie behauptet wird. Bereits jetzt bin ich steinalt und fühle mich jung wie ein Champignon. Meine Sache. Man kann sich sonstwas vormachen. Immerhin läßt der Regen nicht nach. Läßt er niemals mehr nach, entstehen andere Gedanken. Ich bin den Jammer leid, der sich um die Zeit windet und an sie kettet. Laßt doch die Tage zu und anschließend gehen, genießt die Nächte. Wer sind wir, wie Verblödete das Unmögliche zu wollen.
Wie man eine Karriere beginnt
„This is the most courageous track in the history [of] rock and roll.“ (Kommentar auf Youtube)
Perform our art and perfect our lifes, we need great golden copulations
Wenn-dann-Ketten zum Anketten des Losen
Es wurde tausendmal gesagt, also neunhundertneunundneunzigmal wiederholt, und dies geschah, um die Information in die Hirne der Millionen zu drücken, und durchaus war es nötig, immer wieder, wieder und wieder dieselben Wörter zu benutzen, ganz so wie in der Schlafeinflüsterungserziehung in Huxleys Schöne neue Welt. Endlich wüßten es alle bis ins Nichtmehrvergessen, und so hätte man Unwiderrufliches erfolgreich implantiert. Nur daß Menschen nicht funktionieren wie konditionierte Labortiere im Bestechungsmodus Futteranreiz. Menschen haben eines Tages die Schnauze voll, haben auch die Parolen satt, werfen das Spielbrett um, verlassen die Versuchsanordnung und atmen draußen erstmal tief durch. Nicht nur die Parolen, auch die Symbole kann niemand mehr ertragen. Je höher die Werbefrequenz, desto tiefer ihr Fall. Wir (ich sage wir) sind ausgekitzelt, müdegespielt, angeödet. Uns gefällt es nicht, informationell bearbeitet zu werden. Wir werden in keinen Feldzug ziehen für das Geld und den Leerlauf der Gedanken und ein dummes Nichts an kitschig und gewinnbringend ausgeplanter Zukunft. Schiebt euch eure flachen Surrogate sonstwohin. Ich lausche dem Reichtum des Regens.
Vor der Tat
Ein perfektes Spinnennetz, in dessen Mitte die Spinne sitzt und wartet. Die Fäden leuchten im Licht der kurze Zeit später hinter den Häusern verschwindenen Sonne. Einige Grassamen hat der Wind ins Netz geweht. Die Spinne bewegt ihre Mundwerkzeuge (Chelicere oder Kieferklaue), als schärfe sie die Messer. Eines der acht Beine ist lässig nach oben gestreckt, als sei sie im Akt des Abseilens erstarrt. So macht sie gute Figur. Ihre Beute tötet sie mit Gift.
Spatzensprache
Wir sammelten die Namen der Sekten, deren Mitglieder sich gesucht und gefunden haben. Sekten sind radikalisierte Glaubensgemeinschaften, die ihre Anliegen absolut zu setzen versuchen. Da es kulturell jedoch keine absoluten Anliegen geben kann, bedarf es des Nachdrucks ihrer Bemühungen. Aus Sicht ihrer Anhänger und Aktivisten muß jeweils alles getan werden, und zwar sofort. Auf ihrer Uhr ist es immer schon fünf vor zwölf, diesen Topos endgültig ablaufender Zeit lassen sie sich nehmen. Denn die Welt geht unter, das scheint gewiß. Den vernünftigen Teil ihrer Anliegen herauszufinden ist der Gesellschaft aufgetragen, die diesbezüglich dem Streit nicht aus dem Weg wird gehen können. Die Antwort auf die Forderungen der politischen Sekten besteht nicht in sturer Verweigerung, sondern in flexibler Entgegnung. Es ist nicht aller Tage Abend, nur weil diese Weltgegend Abendland heißt. Die Sektenanhänger sind Ausdruck einer selbstungewissen Zivilisation, die von Krise zu Krise taumelt und stampft und zahlreiche Streßreaktionen lostritt. Sie möchten mit Gleichgesinnten das einzig Richtige denken und tun, so radikal wie möglich, als ergäbe einzig dies die Rettung. Es wäre allerdings wünschenswert, daß sich nicht noch mehr Leute von den Geschehnissen verrückt machen lassen. Die Konfusion hat bereits Ausmaße angenommen, daß man um die Vernunft fürchten muß. Sie räumt leider als erstes das Feld, wenn die entfesselten Kräfte aufeinander einschlagen.