Bevor die Woche beginnt, ein wenig den nächtlich trügerischen Stillstand der Zeit genießen. Solide zehn Grad Celsius vor dem Fenster, das sind angenehme Nachttemperaturen, da muß man nicht heizen, es sei denn, man möchte. Ein Tag des Windes hat sich beruhigt, es zogen dunkle Wolkenherden über einen großen Himmel. Auf einem Spaziergang suchte ich Bilder dieser Stadt, die etwas bedeuten könnten. Einer jener Tage, an denen ich schwach bin und nichts zum Weltbild beizutragen habe. Vermutlich stehe ich eher im Weg oder man übersieht mich. Ich lief dermaßen durcheinander, daß es zum Totlachen war. Endlich nahm ich das Telephon und photographierte mich. Selbstportrait an einem Tag unter dem Wind. Nun ist die Nacht da, der Mond nimmt wieder zu. Man kommt nicht recht voran dieser Tage. Wie gut es da tut, eine vertraute Stimme zu vernehmen. Wir sind verbunden, auch wenn es zuweilen anders scheint. Daß wir das Wesentliche nur ahnen, stört mich nicht im geringsten.
Allgemein
Eingenickt während eines Vortrags
Zwischenzeit. Waagezeit. Kostbare Farben im Licht einer kostbarer werdenden Sonne. Kostbar ist das Rare. Demnächst werden wir im Grau der leblos erscheinenden Tage zurechtkommen müssen. Herbst ist die Gewöhnung an den Lichtverzicht und die sich einstellende Farbenarmut. Man müßte sich fortan eine Ader öffnen, um ein starkes Rot zu sehen, das fließen kann. Am Himmel nunmehr die Zwischentöne, etwas Zimt ist eingemischt ins Tagewerk des großen Wolkenmalers. Namenlos bleibt die Kunst des Himmels und der Erden. Wir sind die Betrachter, gedankenarm wie Idioten.
Dokument 3
Was haben sie aus dir gemacht (Heimatlieder 6)
Milchstraße
Da es Nacht ist und alle schlafen, halte ich ein wenig Wacht. Der Freitag bringt Abkühlung, doch ein Ende der Warmperiode ist noch nicht in Sicht. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht beträgt zehn Grad. Wer sich nachmittags verabredet, sollte für den Abend eine Jacke oder einen Pullover einplanen. Die Geschäfte haben geöffnet. Ein Staatspräsident besucht erneut Berlin, das kann zu Staus auf den Straßen und Autobahnen und zu Ausfällen und Stockungen im Öffentlichen Personennahverkehr führen. Menschen sind kaum friedensfähig, doch sie sollten es werden. Schütze deinen Nachbarn, liebe dich selbst. Halte das nicht für eine Parole. Parolen sind blöd. Wie man sich selbst liebt? Indem man aufhört, sich zu bekämpfen.
Fleischwolf für Wolfsfleisch
Daß man mich ins Dunkel verführt und hinein in die Maschinerie, daß man mich der Verwertung zuführt, damit ich wie die Vorgänger in der Produktionskette funktioniere, ganz gleich an welchem Platz, Hauptsache eine Funktion, die Zahnräder sind bereit, die Transmissionsriemen quietschen, die nächste Fuhre könnte starten, ein Knopfdruck nur, bald wirst du reden wie alle anderen auch, sagte meine Mutter, sie kam aus sonstwo und landete am Rande der Welt, um uns zu gebähren und Leben zu schenken, das zum Beispiel in mir sich lebt oder darstellt oder verendet, später einmal, das sind Tatsachen, wir können nicht an ihnen vorbei und so tun, als seien wir nichts und kämen von nirgendwoher und wüßten auch nichts, außer dem jeweils Notwendigen, nämlich Gefragten oder Erfragten, es ist eklig, wie Politik mit Menschen umgeht, sie weiß nicht einmal, was ein Mensch im einzelnen ist, und kaum wäre das ihre Aufgabe, da sie existentiell nicht vorhanden ist, nur als Zusammenhang von Anhängern und Praktizierenden funktioniert, insofern jederzeit tot sein kann, während wir doch offenbar leben, Menschen genannt, Leute mit Geschichten und einem Wissen, von dem man nur träumen kann, sofern man sich läßt.
Efeuranken
Da man mit den Jahren etwas bekommt, muß man auch geben. Lebenszeit für Ereignisse, Erlebnisse, Erfahrungen, für Wissen offenbar und – selten genug – Weisheit. Langsam mit den Pferden, sie sind ja schnell genug. Die Zeit trägt sich auf in Leiden und Hoffen. Schmerzschichten und Lustschichten, Scheißegalschichten. Hauptsache, es wird geackert und Schweiß und Blut erschwitzen motiviert den lohnenswerten Lebensunterhalt. Vom Balkon sich übergeben nach unten in die Rabatte. Man müßte der Schwerkraft folgen und den losgelassenen Stücken. Wie das lautlos prasselt. Katzenfutter. Maulwurfsmahl. Ich schlüge gern auf im Glutwasserterrain der siedenden Sinnlosigkeiten und strömte mit ihnen abwärts in einen Orkus monumentaler Größe. Schließlich zöge man mich aus der Kloake, wie in einem Kamerafilm, und die Beistehenden applaudierten und sagten mir, die Sache sei überstanden. Du weißt nun mehr, als du solltest, droht der Regisseur. Ich schlage schneller zu als er, doch das wird mein Fehler sein. Meinen Grabstein male ich mir selbst.
Doppelplusungut, George
Man muß sich erst einmal bereit machen für die Dunkelheit. Der Herbst ist nun nicht mehr zu leugnen. Der Abstieg in die Finsternis ist beschlossen. Es gibt keinen Ausweg, die Zeit führt geradewegs durch das Dunkle ins Helle und von dort erneut ins Dunkle und durch das Dunkel ins Helle erneut, man könnte während solch versprochener Fahrten auf glorreiche Ideen kommen. Den Tunnel sprengen, die Gefolgschaft verweigern, Menschen sind zu Irrsinn fähig. Wäre es nicht schön, wir hätten zwei Sommer pro Jahr, Liebling. Dann hättest du weniger Depressionen, und wir könnten zweimal im Jahr deinen Geburtstag feiern.
Herzkrampfgefäße
Nützlich ist es, Lieder zu kennen, Verse von Anfang an. Strophe für Strophe den Sinnen folgen, Reime als Ernte und Lohn. So beruhigt sich das Herz in der Draußenheit, sagt Dinge sich auf, die es seit immer schon kennt. Wir sind Verstobene, blättern im Laub nach Erinnerung, lassen sie rascheln. Jemand weint, das gehört dazu.
Jemand, den ich eigentlich hassen müßte aus tiefster Kinderseele
Im Dorf nannten sie ihn Katzen-Köster. Fuhr er auf seinem Moped die Dorfstraße an unserem Hof entlang, den Rucksack auf dem Rücken und im Rucksack die Jagdflinte, knurrte unser Hund und ließ sich nicht mehr beruhigen. Unser Hund war der zweite Raudi dieses Namens. Beim Tod des ersten Hundes namens Raudi war ich dabei. Er verendete vor unseren Augen, hatte einen Giftköder gefressen. Auf dem Trecker fuhren wir ihn heim, mein Vater am Lenkrad, ich auf dem harten Sitz über dem linken Hinterreifen. Seine Augen wurden glasig, endlich zuckte nichts mehr. Kinder weinen, wenn ein Hund ihres Herzens stirbt. Der zweite Raudi wußte nichts vom ersten, und dennoch geriet er außer sich, wenn Katzen-Köster vorbeifuhr, erneut hinaus in Wald und Flur. Im Dorf hieß es, er habe etliche Hunde auf dem Gewissen, und auch die Katzen haßte er, auch sie Wilderer. Vom Tischler im Dorf wußten wir, daß der Schäferhund vergiftet worden war. Damals hießen Schäferhunde Rex. Katzen und Hunde gehören auf den Hof, nicht in die Feldmark, hätte Katzen-Köster sich verteidigen können. Wohin er die Giftköder legte, blieb sein Geheimnis. Wie Katzen-Köster starb, weiß ich nicht. Wo seine Seele jetzt weilt, ebenso wenig. Was die Hundeseelen treiben, wenn sie gegangen sind, weiß auch niemand. Vielleicht habe ich soeben Besuch bekommen. Wie wenig ich weiß, das ist fast schon köstlich.